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Elena Bogatyreva (Moskau)

Der Begriff "Kultur" im Russischen

 

Der Begriff "Kultur" im Russischen (kultura - ) - wie in vielen anderen Sprachen - ist vieldeutig, hat viele Funktionen und einen positiven Charakter. Im breiten Sinn bedeutet dieser Begriff eine Spezifik des menschlichen Daseins, im engeren Sinn ist er nur mit dem Bereich des geistigen Lebens, mit der geistigen Kultur (d.h. Sprache, Sitten, Ideale, Glauben, Kenntnisse, Künste usw.) verbunden. Die gemeinsame Bedeutung, die verschiedene Verwendungen dieses Wortes vereinigt, kann man als ein Merkmal eines bestimmten Niveaus charakterisieren. In dieser Bedeutung steht das Wort "Kultur" mit den Bedeutungen des lateinischen Wortes "cultur" ("der Anbau", "die Erziehung", "die Ausbildung", die Entwicklung") in Einklang.

Die Thematik der Übertragungen des populären Fernsehkanals "Kultur" widerspiegelt Alltagsvorstellungen davon. Diese Fernsehübertragungen haben eine Aufklärungsfunktion und einen Erkennungscharakter. Sie umfassen die Kulturnachrichten; die Filmreportagen, die den verschiedenen Arten und Gattungen der Kunst gewidmet sind; die grossen Ereignisse des künstlichen Lebens (die Musikkonzerte, die Fernsehspiele, künstliche Ausstellungen usw.); die Erzählungen über die klassische und moderne Kunst, über die Sammlungen der verschiedenen berühmten Museen der Welt; die Übertragungen "Kultur der Städte der Welt", die Meisterwerke der Weltfilmkunst; die Fernsehprogramme von bekannten Persönlichkeiten, Wissenschaftlern, Künstlern usw.

Im ganzen bedeutet der Begriff "Kultur" spezifische Formen und Weisen der Organisation des gemeinsamen menschlichen Lebens und der Tätigkeit; die Ergebnisse dieser Tätigkeit, die in materiellen und geistigen Gegenständen (Werten) verkörpert sind, verschiedene Bereiche der menschlichen Tätigkeit, das bestimmte Niveau der Entwicklung des Menschen, die Besonderheiten der zwischenmenschlichen Beziehungen, das Verhalten des Menschen zur Natur und zu sich selbst.

In diesem Rahmen spricht man über die menschliche Kultur im allgemeinen; über die Kulturen verschiedener historischer Epochen; über die Kulturen verschiedener Völker, Länder, Regionen, ethnischer Gemeinschaften; über die religiösen Kulturen; über die Kulturen der beruflichen, sozialen, Alters- usw. Gruppen und verschiedener Gemeinschaften.

Das Wörterbuch enthält folgende Bedeutungen dieses Wortes: Gesamtheit der Errungenschaften der Menschheit auf den Produktions-, Gesellschafts- und Geistes- Gebieten (z.B. verschiedene historische Kulturen); das Niveau der Entwicklung einer Tätigkeit, eines Könnens (z.B. einer Kultur der Rede usw.); die entsprechenden Lebensbedingungen (z.B. die Alltagskultur); Aufgeklärtheit, Ausbildung, Belesenheit (das bestimmte kulturelle Niveau); die Zucht der Pflanzen; kultivierte Pflanzen selbst (z.B. landwirtschaftliche Kulturen) usw.

Der Gebrauch des Begriffs "Kultur" in der Wissenschaft kennzeichnet Vielfältigkeit und größere Neutralität. In der Wissenschaft umfaßt dieser Begriff größere Erscheinungskreise. Nuancen seiner Bedeutung hängen davon ab, welche Seite dieses Phänomens in der bestimmten Forschung betrachtet wird. (Z.B. Philosophische Dimension meint die Erforschung dieses Begriffs als allgemeine Kategorie, die Klarstellung ihres Wesens und ihrer Entwicklung in der Philosophiegeschichte; die Erforschung des Verhältnisses zwischen dem Begriff "Kultur" und den Begriffen "die Natur", "die Gesellschaft", "die Zivilisation" usw. Kulturologische (Kulturologie, Kulturforschung) Dimension umfaßt die Erforschungen der Kulturen konkreter, wirklicher Gemeinschaften, besonderer Formen und Weisen ihrer Lebensart. Kulturologie erforscht auch Wertsysteme, Sitten, Sozialnormen, Adaptierungsweisen, die diesen Kulturen eigen sind. Zur kulturologischen Dimension gehört die Erforschung des Problems der Selbstidentifizierung, der Reproduktion dieser Gemeinschaften als stabile Systeme; die Erforschung der interkulturellen Kommunikation, der Symbolsysteme usw.

Die Besonderheiten des Gebrauchs des Begriffes "Kultur" hängen auch von bestimmten wissenschaftlichen Traditionen, von der wissenschaftlichen Schule oder von der Einrichtung ab, im Rahmen derer entsprechende Forschungen verwirklicht werden. Viele Gelehrte, Vertreter der verschiedenen Disziplinen, verstehen die Kultur als die Gesamtheit der semiotischen Systeme. Kulturgeschichtliche, kulturanthropologische Forschungen, Literaturwissenschaft, Kunstwissenschaft usw. wenden den semiotischen Zugang an, der eine weite Tradition hat. In diesem Kontext muß man folgende Namen und wissenschaftliche Einrichtungen erwähnen: G. Spet (Pilosoph-Phänomenolog), A. Belyj (der Schriftsteller, Symbolismus-Vertreter), formalistische Schule in der Ästhetik und Literaturwissenschaft (V. Sklovskij , Ju. Tynjanov , B. Ejchenbaum , Ju. Lotman (er entwickelte die Theorie der semiotischen Kulturforschung), M. Bachtin (Philolog, Philosoph, einer der Schöpfer der Dialogismusphilosophie. Er betrachtete die gesamte Welt der Kultur als Großdialog, in dem jedes "Wort" mit dem Subjekt verbunden ist. Die Kultur ist nach Bachtin die Ontologie des menschlichen Seins).

Alle Geisteswissenschaften beschäftigen sich in gewissem Grade mit der Kulturforschung. Die meisten von ihnen haben einen interdisziplinären Charakter, verwenden verschiedenes Herangehen und werden an der Grenze verschiedener Kulturwissenschaften verwirklicht. In der gegenwärtigen Situation kann man folgende wissenschaftliche Herangehen an die Kulturforschung festhalten:

In der Kulturforschungen kann man folgende Dimensionen feststellen:

 

Literaturverzeichnis

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Bibler V. Ot naukouthenija - k logike kultury.-M.,1991
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