Kulturwissenschaften und Europa 
oder die Realität der Virtualität 

Enzyklopädie vielsprachiger Kulturwissenschaften

Tamás Lichtmann (Budapest/Debrecen)

Kulturbegriffe im Ungarischen

 

In der ungarischen Sprache wird der internationale Begriff "Kultur" durch zwei großen Wortgruppen ausgedrückt: einerseits gibt es das Wort 'KULTÚRA' als ein seit Jahrhunderten eingebürgerter Ausdruck mit vielen lexikalen Abzweigungen und Komposita - andererseits gibt es eine große Wortfamilie '' bzw. '' -, deren sprachhistorische Wurzeln höchtswahrscheinlich auf eine finno-ugrische Herkunft zurückgehen (zum Wortstamm: '' - siehe auch weiter unten). Diese beiden Gruppen werden oft synonymisch gebraucht, wobei das internationale Wort 'kultúra' nach dem verfeinerten Sprachgeschmack bis heute noch oft als Fremdwort identifiziert wird, besonders in den Zusammenstellungen mit 'kultúr-'.

Ein sehr prägnantes Beispiel für diese Unterscheidung nach sprachhistorischen Kriterien (Fremdwort, Entlehnung - ungarisches Wort) ist eben der Begriff "Kulturgeschichte", die sowohl als 'KULTÚRTÖRTÉNET' als auch '' (történet = Geschichte) völlig synonymisch ausgedrückt werden kann, wobei der erste Begriff fremdartig und bis heute als eine beinahe falsche Wortbildung, der zweite dagegen eindeutig korrekt klingt. (Es hängt auch damit zusammen, dass die Wortgruppe mit 'Kultur-' als erstes Glied in Zusammensetzungen aus dem Deutschen entlehnt wurde, die korrekte ungarische Form des Lehnwortes ist nämlich: 'kultúra', aber dieses Wort klingt in Zusammensetzungen höchst ungeschmeidig und schwerfällig. Demgemäß werden Substantiva mit dem ersten Glied 'kultúra-, fast nie gebildet. EineAusnahme: 'kultúraellenes' - kulturfeindlich).

Der Begriff "Kultur" wird in manchen Kontexten auch durch ein drittes Fremdwort 'civilizáció' (d.h. Zivilisation) ausgedrückt. Alle drei Wörter werden auch synonymisch gebraucht, wobei das Wort 'civilizáció' noch fremdartiger klingt als das früher entlehnte 'kultúra'. Im fachwissenschaftlichen Kontext werden natürlich alle drei Begriffe unterschieden, in manchen Bedeutungsfeldern können sie aber semantisch schwer voneinander getrennt werden. Im ungarischen Synonymenwörterbuch wird der Begriff 'kultúra' auch mit dem Begriff '', '' erklärt und umgekehrt, und der Begriff 'civilizáció' bedeutet auch 'kultúra', '' und ''. Die beiden letzteren bedeuten im Ungarischen auch Bildung (allgemeine Bildung, Erziehung, Schulung). Dagegen heißt ein Mensch ohne Bildung heißt auf ungarisch 'tanulatlan' (d.h.ungelernt oder ungelehrt), '' (d.h.ungebildet), 'neveletlen' (d.h.unerzogen), aber er kann nicht 'kulturálatlan' (d.h.unkultiviert oder kulturlos) genannt werden.

'Kultúra' ist nämlich - aus dem Gesichtspunkt der Aneignung - eher mit einem semantischen Umfeld des kollektiven materiellen und geistigen Gemeinschaftsgut eines Volkes (oder anderer Menschengruppe) verbunden, '' und '' dagegen eher individuell bestimmt ist. Eine andere Möglichkeit der Unterscheidung liegt im Grad der Institutionalisierung: 'kultúra' ist eher eine virtuelle Gesamtheit der Kulturgüter, '' und '' dagegen eher eine institutionalisierte Form derselben (was dem individuellen Charakter der Erwerbung aber nicht widerspricht). Ebenfalls kollektiv, sogar meistens universell wird 'civilizáció' verstanden, als Grundcharakteristikum der Menschheit, oder mindestens als umfassende "Kultur" eines Zeitalters oder einer "Weltkultur" (siehe z.B. den kulturphilosophischen Begriff "westliche Zivilisation", "Krieg der Zivilisationen" im heutigen Diskurs.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen im Ungarischen, dass zwar der Begriff "Kulturgeschichte" in verschiedenen Formen ('', .'kultúrtörténet', 'kultúrhistória') existiert, aber der adäquate ungarische Begriff für "Kulturwissenschaft(en)" einfach fehlt. Es gibt wohl einen Sammelbegriff für Geisteswissenschaften (die in einem deutschen philosophischen Wörterbuch - Stuttgart, 1965, Kröner - mit den Kulturwissenschaften gleichgesetzt werden). Sie werden mit einem archaisch klingenden ungarischen Wort 'bölcsészettudományok' genannt (d.h.: 'bölcs': weise, 'bölcsész': Wissenschaftler und Student an der philosophischen bzw. geisteswissenschaftlichen Fakultät einer Universität, 'bölcsészet': Wissenschaften der "philosophischen" bzw. geisteswissenschaftlichen Disziplinen). In diesem Sinne wird die ungarische Entsprechung der Kulturwissenschaften (als Geisteswissenschaft) im akademischen Bereich der Geisteswissenschaften institutionalisiert. Das bedeutet aber auch, dass die so verstandenen Kulturwissenschaften vorwiegend die geistigen Wissenschaften beinhalten und sich nur in beschränktem Ausmaß mit den Naturwissenschaften beschäftigen. Dadurch wird der Wirkungsbereich der Kulturwissenschaften im Ungarischen determiniert.

Nach dieser allgemeinen Einleitung werden im folgenden die wichtigsten ungarischen Begriffe der KULTUR (nach den einzelnen Wortfamilien gruppiert), begrifflich definiert, mit einem sprachhistorischen Rückblick ergänzt, semantisch erklärt und systematisch geordnet.

********

Glossar

'KULTÚRA'

Bedeutungen im zweisprachigen Wörterbuch (ungarisch - deutsch):

Kultur (z.B. Segnungen der Kultur, Kulturgüter),
Bildung
Kulturen züchten (biol.med.)

In dem "Erläuternden Wörterbuch der ungarischen Sprache" wird das Wort 'kultúra' wie folgt definiert:

  1. 1. Gesamtheit von materiellen und geistigen Werten, die in der menschlichen Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte geschaffen wurden. Zum Bedeutungsfeld des Wortes gehört auch: Bildung ('', '').
    Die materiellen Werte, die Gesamtheit der wissenschaftlichen, künstlerischen Errungenschaften, die Organisiertheit des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens, die sittlichen und ethischen Werte. Kultur wurde früher manchmal auch mit Zivilisation gegenübergestellt, als Gesamtheit der geistigen Werte, ohne die materiellen Werte und ohne die Zivilisation (demgemäß umfasst die Zivilisation die materielle Kultur, die "Kultur" dagegen die geistige Kultur).
    Die Verwirklichung der Kultur und Bildung in gegebenen Epochen, bei gegebenen Völkern, Schichten, gesellschaftlichen Tätigkeiten (Flußkulturen im Altertum, griechische Kultur, Nationalkultur, Volkskultur, städtische Kultur).
  2. Gebildete, kultivierte Zustände, richtiges Benehmen, Individulle Kultur, Bildung. Z.B. Musikalische Kultur, seelische Kultur, Verhaltenskultur
  3. Anbau, Zucht, Pflege, angebaute, gezüchtete Pflanzen
  4. Bakterienkultur

 

Die wichtigsten Wörter der "Wortfamilie":

,kulturált' - kultiviert, ein Mensch von hoher Kultur, verfeinert
'kulturáltság" - Kultiviertheit
'kulturálatlan' - unkultiviert, ungebildet, manierenlos
'kulturálatlanság" - Unkultiviertheit, Kulturlosigkeit
'kulturális' - kulturell, kultur- (Bestimmungswort), die Kultur und Bildung betreffend
'kultúr-, Lehnzusammensetzungen nach deutschen Mustern
'kultúrantropológia' oder 'kulturális antropológia' - Kulturanthropologie,
'kultúrállam' - Kulturstaat
'kultúrbetegség' - Kulturkrankheit
'kultúrélet' - Kulturleben
'kultúrforradalom' (,kulturális forradalom') - Kulturrevolution, Kulturelle Revolution
'kultúrharc' - Kulturkampf
'kultúrhistória', 'kultúrtörténet', ('') - Kulturgeschichte
'kultúrkincs' - Kulturschatz
'kultúrnép' - Kulturvolk (auch ' nép')
'kultúrnövény' Kulturpflanze
'kultúrotthon' - Kulturhaus, Volksbildungshaus (siehe auch ' otthon')
'kultúrpolitika' - Kulturpolitik (und Kunstpolitik - '')
'kultúrsznob' - Kultursnob
'kultúrszociológia' - Kultursoziologie
'kultúrpolitika' (auch: '') - Kulturpolitik
'kulturológia' (auch: 'kultúraelmélet', 'kultúrakutatás') - Kulturtheorie, Kulturforschung, Kulturwissenschaft
'kultúrtörténet' - Kulturgeschichte

 

'kultúra-, Kultur-

'kultúraellenes' - kulturfeindlich
'kultúraelmélet' - Kulturtheorie
'tömegkultúra' - Massenkultur

 

Zur Geschichte des Wortes:

Das Wort 'kultúra' wird seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts gebraucht, zunächst in der ursprünglichen lateinischen Bedeutung, als landwirtschaftlicher Begriff, später auch im übertragenen Sinne.

  1. Seit 1700 - Anbau von Nutzpflanzen, Pflanzenzucht (Tätigkeit bzw. Fläche)
  2. 1790 - Bildung, Kultur
  3. 1965 - Bakterienkultur
  4. kulturális' - 1877 - kulturell, die Kultur betreffend, Kultur-

Etymologie: das chronologisch erste Glied der Wortfamilie (kultúra) ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen (lat. Cultura - Bearbeitung, Pflege, Wirtschaft, geistige Bildung [lat. Colere: pflegen, besorgen, anbauen]. In der gleichen Bedeutung kommt es auch in den meisten indoeuropäischen Sprachen (Bebauung, Anbau, Zucht, Züchtung, Kultur).

Auch das Wort 'kulturális' ist international (dt. kulturell, engl. cultural, frz. culturel usw.). Entstanden evtl. im Französischen; ins Ungarische hauptsächlich über das Deutsche mit latinisierter Endung (-is) aufgenommen.

Hierzu gehört auch die Form 'kultúr-, als erstes Glied verschiedener Komposita: 'kultúrállam' (Kulturstaat, seit 1870 im Ungarischen), 'kultúrhistória' (Kulturgeschichte, 1872), 'kultúrnép, (Kulturvolk, 1873) Diese sind Lehnübersetzungen nach deutschen Mustern.

 

Lexikalische Begriffserklärungen KULTÚRA bzw. KULTUR:

"Kultur - (vom lat. Colere "hegen und pflegen, bebauen, ausbilden, tätig verehren") Ursprünglich Bearbeitung und Pflege des Bodens (lat. Agricultura), um ihn menschlichen Bedürfnissen anzupassen und dienstbar zu machen. Übertragen bedeutet Kultur Pflege, Verbesserung, Veredelung der leiblich-seelisch-geistigen Anlagen und Fähigkeiten des Menschen; entsprechend gibt es Körper-Kultur, seelische und Geisteskultur (in diesem Sinne spricht schon Cicero von cultura animi).

Im umfassendsten Sinne ist Kultur die Gesamtheit der Lebensbekundungen, der Leistungen und Werke eines Volkes oder eine Gruppe von Völkern.

Die Kultur verzweigt sich inhaltlich in die verschiedensten Gebiete: Kulturgebiete oder -provinzen, hauptsächlich: Sitte und Brauch, Sprache und Schrift, Kleidungs-, Siedlungs- und Arbeitsart, Erziehungswesen, Wirtschaft, Heerwesen, politisch-staatliche Einrichtungen, Technik, Kunst, Religion, alles Erscheinungsformen des objektiven Geistes des betroffenen Volkes. Ihrem jeweiligen Stande und Bestande nach kann eine Kultur nur von der Kulturentwicklung oder Kulturgeschichte her verstanden werden; in diesem Sinne spricht man von primitiven und Hoch-Kulturen; Ausartungen der Kultur werden zu Unkultur, oder Hyperkultur. Bei alten Kulturen beobachtet man bisweilen Kulturmüdigkeit, Kulturpessimismus, Kulturstillstand und Kulturverfall. Diese Erscheinungen werden danach beurteilt, wie weit die beteiligten Kulturträger ihrer Kultursubstanz treu geblieben sind. Der Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation besteht darin, dass Kultur der Ausdruck und der Erfolg des Selbstgestaltungswillens eines Volkes oder eines Einzelnen ("kultivierter Mensch") ist, während Zivilisation das Insgesamt der Errungenschaften der Technik und des damit verbundenen Komforts ist (Kollektiv); siehe - Kulturphilosophie, Kulturmorphologie, Kultursoziologie, Kulturkritik.

[...]

Kultursysteme, von Dilthey geprägte Bezeihnung der einzelnen Kulturgebiete, soweit sie einen eigengesetzlichen inneren Zusammenhang aufweisen. Kultursysteme sind Religion, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft, Kunst, staatliches und gesellschaftliches Leben, Technik.

[...]

Kulturwissenschaft, im allgemeinen gleichbedeutend mit Geisteswissenschaften."
(Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart, 1965.)

[...]

"Pflege, Ausbildung und Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten und Anlagen durch Geistesbildung verstanden. Seit dem 17. Und 18. Jahrhundert - Wandel im Begriff: Es wurde in ihm all das zusammengefaßt, was der Mensch sowohl der Umwelt als auch in seiner eigenen Entwicklung dem sog. natürlichen Zustand hinzufügt.

Erstens materielle Kultur: gesellschaftliche Produktion geschaffenen materiellen Güter (Technik, Städtebau, Siedlungswesen, Nahrungs- und Kleidungsweise, Gesundheitwesen...) Als Vergegenständlichung der schöpferischen Fähigkeiten und Kräfte des Menschen.

Zweitens geistige Kultur: Errungenschaften der geistigen Arbeit des Menschen, in der Wissenschaft, Kunst, Literatur, in der kulturell-technischen Bildung des Menschen, in seinen ästhetischen Ansichten und seinem Geschmach, in seiner Weltanschauung, in seiner Sprache, im Niveau seiner Kenntnisse und Fähigkeiten

Drittens: Sitten und Gebräuche, Gefühle und Gewohnheiten, gesellschaftliche Psychologie. Lebensformen, Verhaltensweisen, Beziehungen der Menschen, Moral, Politik, Recht, Stellung der Frau, Liebe, Ehe, Familie.

Viertens Erziehung, Volksbildungswesen, wissenschaftliche Forschung, Künste und Literatur, Gesundheitswesen, Sport." (Philosophisches Wörterbuch. Leipzig, 1967.)

 

"1. Die Gesamtheit der materiellen und geistigen Werte, die die Menschheit während ihrer historischen Entwicklung geschaffen hat. Im Niveau der Kultur einer gegebenen Gesellschaft wird zum Ausdruck gebracht, wie weit sie die Gesetzmäßigkeiten der Natur und der Gesellschaft kennengelernt hat und welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sie sich im Laufe der Übung angeeignet hat. Die Kultur wird auf materielle und geistige Kultur aufgeteilt. Zur materiellen Kultur gehören die Produktionsmittel, und -gegenstände, die Produkte und die Arbeitsfertigkeiten der Produzenten. Zur geistigen Kultur gehören die gesellschaftlichen Bewußtseinsformen (Wisssenschaften, Künste, Philosophie, Ethik, Recht, Religion), ihre praktischen Verwirklichungen (Volksbildung, Erziehung...) und die im Laufe ihrer Übung entfalteten Fähigkeiten der Menschen.

2. Fachbegriff in der Archeologie für die durch sie geforschten historischen Epochen.

3. Landwirtschaftliche Anbauung, Bestellung, Kultivierung, Pflege, Zucht, Züchtung, Bestand von Kulturpflanzen

4. Biologische Kultur"
(Új Magyar Lexikon. Budapest, 1962)

 

"(lat. Anbau, Bildung aus dem lat. Verb colere) Gesamtheit von materiellen und geistigen Werten, sowie die Art und Weise ihres Zustandebringens und ihrer Verwendung, die von der Menschheit während ihrer gesellschaftlichen-historischen Praxis geschaffen wurden. Im engeren Sinne wird von materieller Kultur (Technik, Erfahrungen in der Produktion) und geistiger Kultur (Wissenschaft, Kunst, Literatur, Philosophie, Moral, Bildung) gesprochen. Die Kultur ist ein historisches Phänomen, das abhängig von den gesellschaftlichen-wirtschaftlichen Systemen in ständiger Entwicklung begriffen ist." (Filozófiai kislexikon. Bp. 1970.)

 

"Im breitesten Sinne die den Zielen des menschlichen Wesens entsprechend geformte, umgestaltete, organisierte Natur. Die Natur wird sowohl als äußere (vom Menschen unabhängige objektive) als auch innere, menschliche Natur (die uns mitgeborenen physischen und psychischen Fertigkeiten und Fähigkeiten) sowie als gesellschaftliche Natur (gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten, Tendenzen, Kräfte, Verhältnisse) sowie als die Natur der menschlichen gesellschaftlichen Praxis verstanden.

Im engeren Sinne umfaßt der Begriff Kultur die geistige Sphäre der Gesellschaft (im Gegensatz zur materiellen Kultur, die auch Zivilisation genannt wird). Im engsten Sinne bedeutet sie die Sphären der Erziehung, der Bildung, der Wissenschaft, der Kunst und des Unterrichts - nicht aber die Moral, das Recht, die Politik. Dazu kann auch die Kultur des Alltagslebens (Tradition, Bräuche, Mode, Umwelt) gezählt werden. Jede Form der ästhetischen Tätigkeit gehört zur Kultur im engsten Sinne.
(Esztétikai kislexikon. Bp. 1979.)

 

Exkurs

Eine zusammenfassende Monographie über die ungarische Kulturgeschichte wird auf ungarisch: 'A magyar évszázadai' (d.h. Die Jahrhunderte der ungarischen Bildung) genannt - und nicht: Die Jahrhunderte der ungarischen Kultur. Eine neu entstandene Bedeutung wird dem Begriff 'kultúra' vom ungarischen Schriftsteller Imre Kertész verliehen - in seinem erschütternden Essay: Der Holocaust als Kultur - 'A Holocaust mint kultúra'.

 

'KULTUSZ'

Bedeutungen im zweisprachigen Wörterbuch:

Kult
Kultus

 

  1. nach festen Riten geregelte Verehrung einer Gottheit, Gottesdienst
  2. Vergöttlichung, übertrieben, beinahe religiöse Verehrung einer Person bzw. übertriebene Pflege einer Sache (im außerreligiösen Bereich); z.B. Heldenkult, Schönheitskult, Personenkult (Persönlichkeitskult)
  3. 'Kultuszminisztérium' - Ministerium für Religions- und Unterrichtswesen

 

'kultuszminisztérium' (veraltet) - 'vallás- és közoktatásügyi minisztérium' - Kultusministerium, Ministerium für Religions- und Unterrichtswesen oder: Ministerium für Kultur
'kultuszminiszter' - Minister im Kultusministerium

 

Zur Wortgeschichte:

Kultusz: Seit 1693 im Ungarischen, in der Bedeutung: Gottesdienst, Ausübung der Religion, - 1851: Abgöttische Verehrung

(lat. Cultus: Pflege, Kultivierung von etw., Verehrung, Kult)

lat. Colere: pflegen, betreuen, bebauen, verehren

Entspricht: dt. Kult, Kultus, fr. Culte.

In historisch-politischer Bedeutung kommt das Wort als erstes Glied der Komposita vor: 'kultuszminiszter', 'kultuszminisztérium' Erstes Vorhandensein in der Regierung während der ungarischen Revolution 1848.

 

'' (Eine Wortfamilie von '' -Werk- bis '' -künstlerisch-)

Die Beschreibung der Wortfamilie wird mit dem Stamm des Begriffs begonnen:

''

Bedeutungen im Wörterbuch:

  1. (als etwas geschaffenes) Werk, Arbeit, Schrift, Kunstwerk. Resultat der menschlichen Tätigkeit, Ergebnis des schöpferischen Wirkens, des menschlichen Schaffens.
  2. (als Institution, Gebäude) Werk, Fabrik (z.B. Elektrizitätswerke)

Wortgeschichte:

Nachvollziehbar seit dem 12. Jahrhundert: 'mies' 1181

  1. Handlung, Arbeit, Wirksamkeit
  2. Erzeugnis, Werk, Zeug, Sache
  3. Frucht
  4. Handwerk, 1544
  5. Fabrik, 1780
  6. (Als Attribut) ',-- Kunst-, künstlich, falsch
'' 1405: durch Arbeit erworben, 1806: gebildet,
'' 1519: ohne Arbeit erworben, 1785: ungebildet
'' 1776: Operation, Aktion
'' 1793,

 

'' '' 1806

Ursprung unbestimmt, evtl. Erbwort aus der uralischen Zeit (in der Bedeutung: machen, ausführen, arbeiten, bauen bzw. Sache, Tat, Handlung, Arbeit). Zum frühen Bedeutungsfeld gehören auch: Kunstgriff, außergewöhnliche Fähigkeit, Wunderkraft, Zauberkraft. Schwäche der Erklärung ist, dass das ungarische Wort bloß in den samojedischen Sprachen eine akzeptable Entsprechung besitzt. Bedeutung 5. (Fabrik) zeigt den Einfluß vom deutschen Werk (Betrieb, Produkt), Bedeutung 6. Lebt hauptsächlich als erstes Glied von Komposita

Die wichtigsten Wörter der Wortfamilie:

Zusammensetzungen (die meisten sind Lehnübersetzungen, entstanden nach deutschen Mustern):

'' - Kunstwerk
'' - Kunstfreund
'' - technische Universitat
'' - Kunstdenkmal
'' - Kunstkenner
'' - Gattung, Kunstart
'' - Werkstatt (seit 1533), literarische Werkstatt, Redaktion, seit 1904
'' - Fachschule
'' - Kunstliebhaber - oder Dilettant, Laie
'' - Kunsthändler
'' - Fachsprache, aber auch Kunstsprache (d.h. künstlich konstruierte Sprache, z.B. Esperanto)
'' Kunstwerk
'' - Programm, Repertoire
'' : Werkzeug, Instrument, Gerät - Stoff, Organ, Sinneswerkzeug, Apparat
'': Werkzeug

 

'' (kausatives Zeitwort, mit Suffix -l gebildet)

treiben, tun, wirken, anstellen, bilden

  1. Boden anbauen, bestellen, kultivieren, pflegen
  2. Bilden, moralisch, sittlich veredeln, entwickeln
  3. Neue wissenschaftliche Ergebnisse erzielen
  4. Tun, wirken, treiben

 

'' (Substantiv, aus dem Verb 'mável' gebildet)

Ausbildung, Bildung - Anbauung, Anbau, Bestellung, Kultivierung vom Boden - Abbau, Bau (vom Bergwerk) - Pflege der Künste u. Wissenschaften

 

'' - Operation, Aktion (aus dem Verb '' mit dem kausativen Suffix -et gebildet)

'' - ungebildet, unkultiviert; ursprünglich: (Boden) unangebaut

'' - Unbildung, Unkultiviertheit, Unkultur

'' (Partizip Präsens)- bildend (mit dem Suffix - gebildet)

'' (mit dem reflexiven Suffix -dik gebildetes Verb) - sich bilden, seine Bildung erweitern, kulturelle Fortschritte machen, immer gebildeter werden

 

' - Bildung, Kultur (Substantiv, aus dem Verb '' mit Suffix -és gebildet) (Ein neues Wort der ungarischen Spracherneuerung/Sprachreform am Anfang des 19. Jahrhunderts.)

  1. Tätigkeit, durch das Verb "sich bilden" ausgedrückt. Sich bilden, neue Kenntnisse erwerben.
  2. Der Prozeß, in dem die Gesellschaft neue materielle und geistige Werte zustande bringt bzw. die Gesamtheit der auf diese Weise geschaffenen Werte.
  3. Kultur

 

'' - Kulturgeschichte, Kulturhistorie

  1. Geschichte der menschlichen Kultur
  2. Gesellschaftliche, sittliche, geistige Entwicklung von Menschengruppen bzw. von historischen Epochen (vorwiegend institutionell)
  3. Wissenschaft, die sich mit der Entwicklung der Bildung und Kultur beschäftigt

Definition: "Kulturgeschichte. Zusammenfassender Begriff für wissenschaftliche Disziplinen der Geschichtswissenschaft, deren Gegenstand die Geschichte der materiellen und geistigen Güter, die die Menschheit in ihrer Geschichte zustande gebracht hat. Die Geschichte der materiellen Kultur beschäftigt sich mit der Geschichte der Herstellung und Verwendung der produzierten Güter. Die Geschichte der geistigen Kultur beschäftigt sich mit der Entwicklung der Bildung und Erziehung, der Wissenschaft und der einzelnen Künste, der Verbreitung der Kenntnisse und Fertigkeiten. Der Begriff Kulturgeschichte wird oft im engeren Sinne für die Bezeichnung der geistigen Kultur verwendet." (Új Magyar Lexikon)

 

'' - gebildet, ein Mensch von Bildung

(Partizip Perfekt - aus dem Verb '' in der Bedeutung "bilden" gebildet)

'' - bilden lassen (Kausatives Zeitwort, Verb)

'' (Jemand), der bilden läßt

(gramm.) - Kausativ, faktitiv - ' ige' - kausatives Verb

 

'' - Bildung, Kultur - Allgemeinbildung, Geistesbildung, hochgebildet, von grosser Bildung (Ein neues Wort der ungarischen Spracherneuerung, Sprachreform am Anfang des 19. Jahrhundert.)

  1. Gesamtheit von materiellen und geistigen Werten, die die menschliche Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte geschaffen hat bzw. schafft - Siehe auch 'mávelÅdés'
  2. Die Manifestation bzw. Äußerung der unter Punkt 1 genannten Werte in einer gegebenen Epoche bzw. im Bereich einer gesellschaftlichen Tätigkeit (literarische Kultur, Musikkultur, naturwissenschaftliche Kultur)
  3. Bildung eines Einzelmenschen. Gesamtheit der Bildung (Kultur) im individuellen Bereich, der jemand sich angeeignet hat (ein Mann von Bildung)

'' - kulturfeindlich

'' - (Bildungs-, Kultur-), Bildungsgrad, Bildungsstufe, Kulturstufe, Kulturverhältnisse

'' - Künstler, jmand der eine künstlerische Tätigkeit ausübt

(Wort der "Sprachreform, Wortbildung nach dem Muster: 'halász' - Fischer)

 

'' - Kunst

Die Tätigkeit bzw. das Ergebnis der künstlerischen Tätigkeit (Wortbildung aus ''+et)

'' - Kunstphilosophie, Kunstwissenschaft
'' - Kunstfeindlich
'' - Kunsttheorie
'' - Kunstliebhaber
'' - Kunstgeschichte

 

(künstlerisch, kunstvoll, kunstgemäß, kunstmäßig, Kunst-, Künstler-)

pl. ' alkotás' - Kunstwerk (aber auch '')

 

'CIVILIZÁCIÓ' - Zivilisation, Kultur, Bildung

  1. Die Periode der gesellschaftlichen Entwicklung nach dem Zeitalter des barbarischen Zustands, die die Arbeitsteilung zustande gebracht hat. (Nach Engels die dritte Periode der gesellschaftlichen Entwicklung nach dem wilden und barbarischen Zustand.)
  2. Eine höhere Stufe der materiellen (und geistigen) Entwicklung der Menschheit (Altertumszivilisation, technische Zivilisation)
  3. Der gegebene Stand der gesellschaftlichen Entwicklung und der materiellen Kultur
  4. Im umfassenden Sinne: gesellschaftliche, wirtschaftliche und geistige Kultur, Bildung
  5. Zivilisierung, Verbürgerlichung
  6. Veraltet) Die materielle Kultur - der geistigen Kultur gegenübergestellt

 

Zur Wortfamilie gehören u.a.:

'civilizált' - : zivilisiert, gebildet
'civilizátor'- : jemand, der Bildung verbreitet

Definition im Lexikon: "Das Niveau, der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung, der materiellen und geistigen Kultur in den verschiedenen gesellschaftlichen-wirtschaftlichen Systemen. In der deutschen wissenschaftlichen Fachterminologie wird darunter oft nur der technische Fotschritt, die technische Entwicklung der Geschichte verstanden." (Új Magyar Lexikon)

 

 

Verwendete Literatur:

 

Esztétikai kislexikon. Bp. 1979. Kossuth (Lexikon der Ästhetik)

Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin, 1989. Akademie-Verlag

Etymologisches Wörterbuch des Ungarischen. (Hg. Béla Büky) 1-2. Bp. 1994-97, Akadémiai

Filozófiai kislexikon. Bp. 1970. Kossuth (Philosophisches Lexikon)

Magyar-német nagyszótár. Német-magyar nagyszótár. (Hg.ElÅd Halász) Bp. 1964 (Ungarisch-deutsches, deutsch-ungarisches Wörterbuch)

Magyar értelmez kéziszótár, Bp. 1972. Akadémiai. Erläuterndes Handwörterbuch des Ungarischen)

A magyar nyelv értelmezÅ szótára. 1-7. Bp. 1959-1962. Akadémiai. (Erläuterndes Wörterbuch der ungarischen Sprache)

A magyar nyelv történeti-etimológiai szótára. (Hg. Loránd BenkÅ) 1-3. Bp. 1967-1976. Akadémiai. (Historisch-etymologisches Wörterbuch der ungarischen Sprache)

Idegen szavak és kifejezések szótára (Hg. Ferenc Bakos) Bp. 1973. Akadémiai. (Fremdwörterbuch und Wörterbuch der fremden Ausdrücke)

Magyar szinonímaszótár, Bp. 1978, Akadémiai. (Synonymenwörterbuch des Ungarischen)

Philosophisches Wörterbuch. Stuttgart, 1965. Kröner

Philosophisches Wörterbuch. Leipzig, 1967. VEB Bibliographisches Institut

Új Magyar Lexikon. Bp. 1962. Akadémiai. (Neues Ungarisches Lexikon)


BEGRIFFE

SPRACHEN

UPDATE-INFO

THEMENÜBERSICHT

REFLEXIONEN

© INST: Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse, 2000