Das Verbindende der Kulturen

SEKTION:

Literatur versus Nation bei deutschsprachigen Künstlern des XIX. und XX. Jahrhunderts

Alessandra Schininà (Università degli Studi di Catania)
Tradition und Zeitkritik in der österreichischen Erzählliteratur nach 1945

Das "Österreichische" zu definieren ist ein oft wiederkehrendes Motiv in der Literatur aus Österreich. Nach 1945 war die Bestimmung der österreichischen Identität eine der Grundlagen für die Legitimation der zweiten unabhängigen Republik. Man bezog sich so auf das geistige Erbe der "besten" habsburgischen Tradition und der offizielle Kulturbetrieb verbreitete das Bild eines friedlichen, toleranten, schon immer europäisch ausgerichteten Landes, das sich als Opfer Nazideutschlands deklarierte. Dies führte zu Widersprüchen, zu Fälschungen, zu einem verlegenen Schweigen über die dunklen Phasen der Geschichte Österreichs im XX. Jahrhundert, wie die Zeit des Austrofaschismus oder die des Anschlusses.

Das langwierige Fehlen einer offenen Konfrontation mit der Vergangenheit hat einige österreichische AutorInnen dazu bewogen, sich mit der Geschichte und der Gegenwart des eigenen Landes polemisch und mahnend auseinanderzusetzen, um Klarheit zu schaffen, zu verstehen, zu erinnern. Dieser Beitrag soll zeigen, wie sich diese Absichten in der Erzählliteratur widerspiegeln. Als Beispiele dienen Werke von H. Lebert, G. Fritsch, I. Bachmann, M. Dor, E. Jelinek, die sich zwischen einem kritischen Bezug zum Themenkomplex des habsburgischen Mythos und der Entlarvung von nazifaschistischen Hinterlassenschaften bewegen. Die Aufdeckung von schwarzen Flecken in der Geschichte Österreichs und die erbarmungslose (Psycho)analyse des "homo austriacus" werden außerdem von einer mehr oder weniger radikalen Infragestellung von traditionellen literarischen Formen begleitet. Selbst der Begriff von Tradition, vom "Bleibenden" wird problematisch behandelt, indem die Kontinuität als Beharren einer rassistischen und sexistischen Mentalität gesehen wird, die plötzlich zu brutalen Gewaltsausbrüchen führen kann.

So werden die Heimat des Heimatromans so wie die Landschaft der Naturidylle - Themen und Gattungen der "klassischen" österreichischen Literatur - zu einer Anti-Heimat, zu einer häßlichen und bedrohenden Natur, in der die Spuren vergangener Missetaten noch verhängnisvoll vorhanden sind. Auch typische Figuren der habsburgisch-literarischen Ikonographie, wie der Aristokrat, der Journalist, der Jude, der Literat, der Professor, der Heimkehrer bleiben Protagonisten in vielen österreichischen sozialkritischen Romanen der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts. Sie werden aber nicht, oder nur teilweise, mit einem nostalgischen und "allgemeinmenschlichen" Ton gezeichnet, vielmehr in Situationen gestellt, in denen jede Scheinidylle der Vergangenheit und der Gegenwart aufgehoben wird. Nicht zufällig ist eines der Hauptmotive das des Erinnerns.

Eine ähnliche politische Aktualisierung erfahren die Schauplätze der traditionellen österreichischen Literatur: das Schloß, das Café, das Gasthaus, das Hotel. Sie werden entweder als verfallende Stätten und/oder als Hintergrund für brutale Vorfälle beschrieben. Es bleiben ebenfalls die Metapher des "theatrum mundi", das Motiv der Maske, des Rollenspiels, so wie die Allgegenwart des Todes. Diese Motive werden aber geschichtlich eingebettet und mit Themen wie Konzentrationslager, Menschenverfolgung, Arisierung in Verbindung gesetzt.

Die dramatische, manchmal grausam-sarkastische, manchmal leidende, manchmal ironische Auseinandersetzung der hier als Beispiel angeführten AutorInnen mit der eigenen und kollektiven Vergangenheit bedeutet nicht zuletzt ein Sich-Befragen über die eigene Identität und Funktion als Bürger und Schriftsteller.

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