Das Verbindende der Kulturen

SEKTION:

Literatur versus Nation bei deutschsprachigen Künstlern des XIX. und XX. Jahrhunderts

Laura Tráser-Vas (University of Cincinnati)
Terézia Moras Seltsame Materie: Immigranten- oder Minderheitenliteratur?

Die in Ungarn aus einer deutschsprachigen Familie stammende Terézia Mora hat sich im Alter von 19 Jahren entschieden, nach Berlin zu übersiedeln, wo sie zu einer der anerkanntesten jungen deutschsprachigen AutorInnen geworden ist. 1999 hat Mora den Ingeborg Bachmann Preis für ihre Kurzgeschichte "Der Ophelia Fall" erhalten, die in der Prosasammlung "Seltsame Materie" veröffentlicht wurde. Während ihr Buch in Deutschland als Immigrantenliteratur gehandelt wird, zählt es in Ungarn zu den Werken der ungarndeutschen Minderheitenliteratur. Diese zwei Termini implizieren die Veränderung der Idee von Nation und nationaler Literatur, sind jedoch problematisch, da Mora mehr als die Perspektive einer Migrantin oder Repräsentantin der ungarndeutschen Minderheit schildert. Moras 10 Außenseitergeschichten und ihre idiosynkratischen Sprachvermischungen thematisieren das Verbindende und das Ausgrenzende der Kulturen. Die Autorin spricht universelle Themen an, auch wenn die Geschichten sich in einem begrenzten Bereich abspielen. Um die spezifisch ästhetischen und thematischen Besonderheiten und Rezeptionsbedingungen des Werkes besser zu fassen, möchte ich ausgewählte Kurzgeschichten von Mora mit Hilfe von Gilles Deleuzes Ansatz über "minor literature" analysieren. Die gegenseitigen Einflüsse der beiden Kulturen in Moras Seltsame Materie lassen sich durch Deleuzes Theorie besser erklären. Jedoch wird sich zeigen, dass Mora auch die Bezeichnung 'minor literature' sprengt und sich ihr Werk somit auf beiden Seiten der Deleuzschen Mehrheit/Minderheit-Teilung positionieren lässt.

DAS VERBINDENDE DER KULTUREN