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Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (6. bis 8.12.2002)

Plenarreferate

"Für die Einheiten dieser Zeit, in die andere Zeiten einspringen, gibt es kein Maß". Das psychische Zeitempfinden im Schaffen von Ingeborg Bachmann

Larissa Cybenko (Lviv/Lemberg)

Obwohl man das Thema "der Sinn der Zeit" schon klassisch nennen könnte, gewann es im 20. Jahrhundert besondere Bedeutung: einerseits treten ins Zentrum der Aufmerksamkeit die Konvergenzen zwischen historischem, physikalischem und lebensweltlichem Zeitverständnis, andererseits bekommt die Frage nach der Zeit besonderes Gewicht durch die allgemeine Technologisierung und Medialisierung der gegenwärtigen Zivilisation. Die Reflexionen über den Sinn der Zeit werden zum Schnittpunkt verschiedener wissenschaftlichen Kulturen und Disziplinen. Zum Ziel der Zeitforschung wird die Herstellung der Konvergenz zwischen der physischen Zeit und der Zeit der Lebenswelt. Sie wird von der existentiellen Zeittheorie gedeutet, in der das Empfinden der Zeit vom Bewußtsein im psychologischen und phänomenologischen Aspekt interpretiert wird.

Wenn man über das Zeitbewußtsein spricht, sollen vor allem "Bekenntnisse" von Augustin berücksichtigt werden. Er führt den Begriff der "ewigen Gegenwart" ein, von der allerlei Vergangenheit und Zukunft abgeleitet wird. Besondere Bedeutung gewinnt diese These in den Zeittheorien der Neuzeit und Moderne: der Zeitbegriff wird subjektimmanent vertieft. Unmittelbaren Ausdruck haben die phänomenologischen und existenzphilosophischen Zugänge zur Zeit im Werk mehrerer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gefunden. Erwähnt werden sollen M. Proust, J. Joyce, V. Woolf, G. Markes, M. Frisch und I. Bachmann, in derer Werken die maximal adäquate Konzentration des inneren Zeitbewußtseins erreicht wird.

Das Problem der Wahrnehmung der Zeit wird im literarischen Schaffen von Ingeborg Bachmann zum Programm, wovon schon ihr erster Gedichtband Die gestundete Zeit (1953) zeugt. Philosophische Aktualität bekommt es aber in ihrem Roman Malina, der zum modernen Klassiker geworden ist. Es soll mit diesem Beitrag eine Annäherung an die im Text des Romans unternommene Darstellung des psychischen Zeitempfindens versucht und seine Rolle für Kreativität und Dichtung gezeigt werden. Zum Thema der Interpretation wird das Phänomen der "zeitlosen Gegenwart", das an die philosophische Tradition seit Augustinus anknüpft und im Bachmanns Roman dem Begriff "Heute" entspricht. Dieses "Heute" bildet die Umrahmung des Textes. Bei den interpretatorischen Zugängen rückt in den Blick der Einfluß auf die Autorin der theoretischen Einsichte von Ludwig Wittgenstein und Otto Weininger. Bachmanns atemporaler Augenblick, der außer der konkreten Zeit liegt und "im Begriffe der Freiheit" (so Weininger) ist, verursacht die Annäherung an die Echtheit der Dinge als an reine Phänomene und ermöglicht die dichterische Sprache. Nur durch sie wird die von der neuen Ethik erfüllte Utopie der Zukunft geschaffen.

DAS VERBINDENDE DER KULTUREN