Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. Juni 2004
 

1.2. Signs, Texts, Cultures. Conviviality from a Semiotic Point of View /
Zeichen, Texte, Kulturen. Konvivialität aus semiotischer Perspektive"

HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Jeff Bernard (Wien)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Grundlagen/Fundamentals Teil 1/Part 1:
Theorie/Theory
Moderation / Chair: Jeff Bernard
Teil 2/Part 2:
Sprache(n)/Language(s)
Teil 3/Part 3:
Literatur(en)/Literature(s)
Teil 4/Part 4:
Nonverbale Zeichen/Non-verbal Signs

Symbolische Formen als Vehikel trans-kultureller Kommunikation.
Das Beispiel der internationalen Survey-Forschung

Karl H. Müller (Wien)

 

Zusammenfassung: In diesem Artikel soll kurz ein Weg umrissen werden, der einen noch immer viel zu wenig genutzten inter- und trans-kulturell zuhandenen Fundus bemüht, nämlich das spontane Verstehen von symbolischen Mustern. Dieser Fundus, so die Hauptthese des Artikels, könnte und sollte in verschiedensten Arenen der inter-kulturellen Forschung verwendet werden, speziell aber in der international vergleichenden Survey-Forschung. Hierbei vermögen nämlich gelungene Symbolisierungen nicht nur wenige der normalen Probleme und Defizite im Bereich der komparativen Forschung zu umgehen oder zu vermeiden, sondern auch vergleichsweise neue und komplexe Vergleichsmöglichkeiten zu eröffnen.

 

Einleitung

Es hätte gar nicht Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations (1996) bedurft, um das Trennende zwischen Kulturen als Normal- und Referenzfall und den Konferenztitel - das Verbindende - unter die Kategorie des Marginalen oder Außergewöhnlichen zu stellen. Kulturen, normalsprachlich verstanden, konstituieren Grenzen, Vielfalt, Kontingenzen, Komplexität. Und aus leicht systematisierter Sicht bedingen Kulturen multiple Grenzen - und trotz der Luhmannschen Metapher von den immerzu doppelten - gleich vielfache Möglichkeiten: wegen ihrer hohen Variationen in den institutionellen Kontexten - in ihren Normen, Regeln, impliziten Routinen, organisatorischen Mustern -, wegen der unscharfen Beschreibungsweisen ebendieser Settings, wegen der differentiellen theoretischen Kontexte und Hintergründe, mit denen unscharfe Beschreibungen von Kontexten mit hoher institutioneller Variation betrachtet werden können. In diesem Sinne kann und muß im Verhältnis zwischen Kulturen von einem Verhältnis multipler Kontingenzen wie Grenzen ausgegangen werden, welche jede Form der Inter-Forschung - inter-kulturell, inter-regional, inter-disziplinär, inter-temporal - vor eine Überfülle theoretisch wie praktisch schwer bis kaum zu lösender Komplexitäts-Probleme stellt.

Eine der vielen Arenen, in denen sich diese multiplen Kontingenzen besonders starken Ausdruck verschaffen, stellt die international vergleichende Survey-Forschung dar, die gleich in mehrfacher Weise mit solchen Kontingenzproblemen konfrontiert ist:

Und doch soll der weitere Artikel unter das Generalthema vom Verbindenden zwischen Kulturen gestellt werden, indem eine Suchrichtung eingeschlagen wird, die sich die Identifizierung von inter- oder trans-kulturellen Grundlagen zum Ziel setzt, die auf viele oder - im Falle der Trans-kulturalität - schlechthin auf alle Kulturen zutreffen. Als generelle These sei demnach formuliert, daß die erfolgreiche Spezifizierung von solchen inter- oder transkulturellen Plattformen oder Basen eine wichtige Möglichkeit darstellt, um die Komplexität der überkommenen Inter-Forschung - ihre inter-kulturellen, inter-regionalen, inter-temporalen, inter-disziplinären Defizite - signifikant zu reduzieren und in bearbeitungsfähige Bahnen zu überführen.

 

Das Leiden der vergleichenden Survey-Forschung an den multiplen Kontingenzen

In allen wesentlichen Arbeitsetappen zeigt sich eine komparative Survey-Forschung mit den Problemen multipler Kontingenzen konfrontiert. Im weiteren sollen lediglich einige signifikante Beispiele dafür gegeben werden, wie intensiv und letztlich tiefgründig eine vergleichende Survey-Forschung mit multiplen Kontingenzen auf den drei Phasen - Survey-Konstruktion, Feldarbeit, Datenanalyse und Interpretation - konfrontiert ist.

Die nachfolgende Tab. 0 unternimmt es, eingelebte Praktiken vor dem Hintergrund der multiplen Kontingenzen wie auch wesentliche, noch unausgeloteten Möglichkeiten einer komparativen Survey-Forschung zusammenzufassen.

-  Die erste Dimension beschreibt den Ressourcenaufwand - zusammengefaßt in den finanziellen Gesamtkosten - zur Durchführung internationaler Surveys und erstreckt sich von sehr niedrigem Ressourcenverbrauch - Musterbeispiel dafür wäre eine lokal durchgeführte international zugängliche Internet-Umfrage - bis hin zu sehr kostenintensiven internationalen Arrangements, die mit hohen und verbindlichen methodologischen Standards im Bereich Sampling, Übersetzung und Feldarbeit sowie intensiven Qualitätskontrollen operieren.

-  Entlang der zweiten Dimension geht es um die Komplexität der Befragung in international vergleichenden Surveys. Von niedriger Komplexität soll dann die Rede sein, wenn RespondentInnen mit geschlossenen Fragen konfrontiert werden, die eine einfache Ja/Unentschieden/Nein-Antwort, eine einfache Evaluation auf einer drei-, vier- oder höherstufigen Skala sowie eine Auswahl aus einer kleinen Anzahl vorgegebener Kategorien bedingen. Mittlere Komplexität setzt bei Befragten die Verarbeitung größerer Informationsmengen voraus und verlangt eine teilweise oder vollständige Reihung, eine Auswahl nach einem Mini-Max-Kriterium (völlig zutreffend/völlig unzutreffend) u.a.m. Hohe Komplexität ist hingegen dort am Werke, wo RespondentInnen mit offenen Fragen, mit größeren Erzählungen - seien diese biografischer Provenienz, detaillierte Angaben von Einstellungen oder Präferenzen - oder mit sehr aufwendigen Selektions- oder Zuordnungsaufgaben konfrontiert werden.

Tab. 0: Möglichkeiten einer internationalen Survey-Forschung

Der Weg in die internationale Vergleichbarkeit komplexerer Inhalte scheint somit mit exponentiell steigenden Kosten gepflastert. Und vor diesem Hintergrund sei eine ganz neue - oder eigentlich uralte - Bühne eröffnet, die international vergleichende Survey-Forschung auf eine weitgehend ungenützte Arbeits- und Spielgrundlage zu stellen.

 

Die Wiederkehr einer trans-kulturellen Symbol-Sprache

Der Weg hin zu dieser komplexeren trans-kulturellen Bühne wird durch eine Geschichte eröffnet, die anonym tradiert und erstmals von André Leroi-Gourhan (1984) erzählt worden ist. Ihre Handlung beginnt damit, daß in früheren und vor allem frühesten Zeiten eine mannigfaltige Schriftform existierte, die weniger auf eine Kodifizierung von Lauten und Gehörtem, sondern vielmehr auf die Sicherstellung eines künstlerisch-religiösen Kontextes ausgerichtet, einen Code von Symbolen, zentriert um den Sehsinn, bildete. Oder besser so: In den Entwicklungswegen des Homo sapiens formen sich, endlich langsam, nicht eine, sondern zwei Sprachen aus:

Die eine ist dem Hörsinn verhaftet und mit der Evolution jener Bereiche verbunden, die für eine Koordination der Töne zuständig sind; die andere beruht auf visueller Wahrnehmung und ist mit der Evolution der Bereiche verknüpft, die für eine Koordination der in materielle graphische Symbole übersetzten Gesten sorgen [...] Der graphische Symbolismus besitzt gegenüber der phonetischen Sprache eine gewisse Unabhängigkeit: sein Inhalt drückt in den drei Dimensionen des Raumes aus, was die phonetische Sprache in der einzigen Dimension der Zeit zum Ausdruck bringt. (Leroi-Gourhan 1984: 246)

Und dabei wäre es wohl geblieben, wenn nicht manche, es waren bei weitem nicht alle, jener Gesellschaften, in denen solche Symbol-Schriften gepflegt und tradiert wurden, sich verändert, eine "transformation of the homogeneous into the heterogeneous" (Spencer 1967: 18) durchlaufen hätten, gewachsen wären; und damit auch die Funktionen und Aufgaben, denen ihre Bild-Zeichen zu genügen hatten.

Und wie so oft, wenn ein genereller Wandel hin zum Komplexeren verläuft, so differenzierten sich auch diesmal überkommene Lebensweisen; und da, unter anderem natürlich, die bisherigen Sprachformen:

4000 Jahre linearer Schrift haben uns zu einer Trennung von Kunst und Schrift geführt, und wir müssen schon alle Kräfte der Abstraktion aufbieten [...], wenn wir wieder Zugang zu einer Bildauffassung finden wollen, die allen Völkern gemein war und immer noch ist. (ibid. 244)

Aus informationstheoretisch-evolutionärer Sicht hört sich die soeben erzählte Geschichte, allerdings ohne redundant zu werden, nahezu identisch an:

As the mists of prehistory begin to lift a little, culture is seen to be extremely ancient, reaching back perhaps as far as three million years ago, to the time of Australopithecus, a manlike ape who may have had some glimmerings of symbolism [...] The first known example of the intentional use of symbolism in engraving is extremely ancient, belonging to the later period of Homo erectus [...] Evidently the capacity for intellectual activity of a high order was in place long before the first civilizations, a fact which makes it difficult to sustain traditional ideas of human culture as progressing by gradual increments as a result of a slowly increasing mental competence [...] The remarkable animal paintings in the Paleolithic caves of France and Spain, dated earlier than 17.000 years ago and at first dismissed as hoaxes, are not [...] an exceptional, isolated blaze of artistic splendor, but represent one facet of more widely dispersed and more continuous symbol-making activities. The abstract notation in other regions of Upper Paleolithic culture are equally impressive as displays of an advanced intellectual capacity. They are different in degree but not in kind. If the cave paintings are the Rembrandts of the era, other evidences of symbolism represent the Leibnizes and Newtons. These abstractions were not writing, but they were based on mental processes as sophisticated as those which underlie writing. It is unlikely that such complex thoughts were the result of hunting animals or gathering roots and berries [...] The tradition of abstract symbolism that shines out from the bits of bone and antler retrieved by archeologists, stretching back so many millennia, yielding so much more to intelligent inquiry than was ever suspected, is far in excess of what was needed for subsistence [...] Paleolithic art exploded in the glories of cave paintings like those in Lascaux and Pech Merle. (Campbell 1984: 152ff.)

Damit wäre der weitestmögliche Hintergrund, vor dem der weitere Artikel spielt, entfaltet worden: das Theatrum eines schon paläolithisch entwickelten Symbolismus, eines über Jahrtausende tradierten Codes der Welt-Bilder, welche nicht nur über eine ihnen eigentümliche Logik verfügten -

es ist hier nicht der Ort, um das offenbar sehr komplexe System auszubreiten, dem die Symbole folgen, es sei nur hervorgehoben, daß die Figuren, die auf die Höhlenwände gemalt oder in Plaketten graviert wurden, ein kohärentes religiöses Denken zum Ausdruck bringen und daß es sich nicht um die zufällige Ansammlung disparater Figuren handelt. Die statistische Auswertung mehrerer tausend Höhlenbilder oder Kunstobjekte zeigt, daß es ein zentrales Thema gab: Mann-Frau und (oder) Pferd-Bison. Diese beiden Paare bildeten die Ausdrucksgrundlage für die Übersetzung eines wahrscheinlich mythischen Gehaltes. Trotz deutlicher Abwandlungen in Raum und Zeit ist dieser Inhalt unterschiedslos vom Ural bis in die Dordogne und nach Spanien vorherrschend (Leroi-Gourhan 1984: 456) -,

sondern die es darüber hinaus auch nahe legen, den eingewöhnten Konnex von Sprache, Denken und Kulturen gleich in zweifacher Weise aufzuspalten: in den vordergründigen Zusammenhang von

{[Laut-Schrift]-Sprache}_ Denken _ Kultur;

und in einen zweiten, hinter- wie untergründigeren, den von

{[Symbol-Bild]-Sprache}_ Denken _ Kultur

Und das nachstehende Zitat, wird es nacheinander in diese beiden Kontexte placiert, zeigt sich dann nachgerade von einer dramatischen Doppelsinnigkeit, Zweiwertigkeit:

Die Hintergrundphänomene bilden die Provinz des Grammatikers - oder des Linguisten, wie sein moderner Name als Wissenschaftler lautet [...] Die Hintergrundphänomene, die sie [die Linguistik; K.H.M.] behandelt, sind in allem vordergründigen Sprechen und Übereinkommen impliziert [...] Wo immer in menschlichen Angelegenheiten Übereinstimmung oder Einwilligung erreicht wird [...], da wird die Übereinstimmung durch linguistische Prozesse erreicht oder sie wird überhaupt nicht erreicht [...] Die Formulierung von Gedanken ist kein unabhängiger Vorgang, der im alten Sinne dieses Wortes rational ist, sondern er ist beeinflußt von der jeweiligen Grammatik. Er ist daher für verschiedene Grammatiken mehr oder weniger verschieden [...] Wir gelangen daher zu einem neuen Relativitätsprinzip, das besagt, daß nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich oder können auf irgendeine Weise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. (Whorf 1972: 10ff.)

Gemäß der soeben skizzierten Hintergrundgeschichte hat sich ein inter- und trans-kulturelles Verständnis von symbolischen Arrangements mit einfachen Bausteinen - Symbolelemente von geometrischen Objekten bis hin zu Piktogrammen - und Grammatiken - Regeln für Symmetrien, Distanzen, Relationen, Musterbildungen - akkumuliert, das jederzeit aktivierbar und abrufbar erscheint - und ohne das Gesellschaften niemals ihre gegenwärtigen Funktionsfähigkeiten und Entwicklungsdynamiken entfaltet hätten. Ganz in diesem Sinne werden die nächsten Passagen verschiedengradig komplexe Symbol-Arrangements skizzieren und deren Relevanz für eine internationale Survey-Forschung beispielhaft erläutern. Die Strukturierung der weiteren Arbeit wird ihrerseits elementar und einfach vorgenommen, indem solche symbolischen Arrangements nach der Anzahl von verwendeten Dimensionen in ein-, zwei- sowie drei- und höherdimensionale Abschnitte separiert werden.(12)

 

Eindimensionale Symbolformen: Niveaus und Distanzen

Das erste Gebiet beschränkt sich auf die eindimensionale Welt der Linien und auf die trotz alledem nicht unbeträchtlichen Möglichkeiten, symbolische Arrangements entlang einer einzelnen Dimension zu verwenden. Den einfachsten Bereich dabei stellen Niveaufestlegungen dar, in denen das eigene Niveau - beispielsweise bei Fragen nach dem eigenen Status oder Position in der Gesellschaft - oder andere Domänen - technologische, wissenschaftliche, kulturelle u.a.m. - verortet werden sollen.

Daneben eröffnen eindimensionale Arrangements auch die Möglichkeiten, relative Distanzen zueinander festzulegen. Im nachstehenden Bild wird beispielsweise nach Abständen zwischen einem festgelegten nationalen Referenzstandard in einem speziellen technologischen Segment - dem Landmaschinenbau - und mehreren anderen Entwicklungsniveaus gefragt: nach dem derzeit höchst entwickelten state of the art sowie auch nach dem Entwicklungsstandard anderer Länder.(13)

Diagramm 1: Relative Distanzen im Rahmen von internationalen Technologie-Surveys

Es wird klar, daß solche symbolische Rangordnungen eine Vielzahl von Auswertungsmöglichkeiten eröffnen, die implizit in einer solchen Ordnung von relativen Distanzen zutagetreten. Beispielsweise resultieren hochinteressante Datensätze aus der schlichten Codierungsmöglichkeit von relativen Distanzen, Clusterungen u.a.m. Es bedarf kaum einer näheren Erläuterung, daß solche Daten aus schriftlichen Befragungen nur unter sehr großem Aufwand und durch vielfältige Fragestellungen extrahierbar wären. Daneben tritt bei einer schrift-sprachlichen Befragung ein nicht unbeträchtliches Qualitäts- und Reliabilitätsproblem auf: RespondentInnen können sich bei zusammengesetzten Aufgaben, die für sie alle zur Kategorie von "underlearned items"(14) gehören, in der Regel nicht an ihre früher gegebenen Antworten erinnern. Durch symbol-sprachliche Arrangements hingegen bleiben die einmal gegebenen Antworten nicht nur visuell präsent, jede neue Antwort - in diesem Fall jedes weitere nationale Entwicklungsniveau - erfolgt im Kontext der bereits gegebenen.

Zweidimensionale Symbol-Formen: Prozesse, Relationen

Vielfältig gestalten sich die Möglichkeiten des Einsatzes einer trans-kulturell zuhandenen Symbolsprache im Falle zweidimensionaler Arrangements, in denen unterschiedlichste Verläufe und Prozesse, Relationen von Entfernungen und Nähen zwischen divergenten Komponenten, Stärke-Schwäche-Profile und viele andere Bereiche zum Vorschein gebracht werden können. In der folgenden Abfolge von Tab. 1 und Diagramm 2 wird auch sofort der gravierende komparative Vorteil solcher symbol-spachlichen Arrangements deutlich. Tab. 1 verlangt nach einer Auswahl aus mehreren Items zum persönlichen Lebensverlauf und kann von RespondentInnen nur unter großem zeitlichen Aufwand kognitiv bewältigt werden.

Tab. 1: Die alte sprachliche Unübersichtlichkeit I

Das Diagramm 2(15) hingegen verdeutlicht, daß ein symbol-sprachliches Arrangement der Tab. 1 zu einem leicht erkennbaren Muster von insgesamt zehn Verlaufsmustern führt, die ihrerseits leicht zu unterscheiden sind und Selektionsleistungen und Eigenzuschreibungen in relativ schneller Zeit gestatten.

Wie würden Sie nun Ihren beruflichen Werdegang im Verlauf der Zeit beschreiben? Welches dieser Bilder würde da am besten passen?


Diagramm 2: Die alte Übersichtlichkeit symbol-sprachlicher Umgangsformen I

Und die nächste Sequenz führt über die Tab. 2 und das Diagramm 3 denselben Sachverhalt komparativer Vorteile vor Augen. Auch und gerade Relationen zwischen zwei Domänen lassen sich symbol-sprachlich auf eindrucksvolle Weise nach mehreren Merkmalen - beispielsweise nach Distanzen, Intensitäten oder Häufigkeiten - visualisieren. Wieder wird im direkten Vergleich zwischen Tab. 3 und Diagramm 2 die unerträgliche Schwere des schrift-sprachlichen Seins vor Augen geführt.

Tab. 2: Die alte sprachliche Unübersichtlichkeit II

Das symbol-sprachliche Arrangement wurde in einem Fragebogen zum Status der Kognitionswissenschaften entwickelt und soll die symmetrischen oder asymmetrischen Austauschbeziehungen zwischen den österreichischen Kognitionswissenschaften und ihrer internationalen Umgebung veranschaulichen. (Müller et al. 2002)

 

Diagramm 3: Die alte Übersichtlichkeit symbol-sprachlicher Umgangsformen II

 

Drei- und multidimensionale Symbol-Formen

Als weitgehend noch unentdecktes weites Land soll an dieser Stelle lediglich die Möglichkeit dreidimensionaler und anderweitig komplexer Arrangements angedeutet werden. Bei drei-dimensionalen Kompositionen werden Prozesse, Relationen, Distanzen oder anderes um eine weitere Dimension angereichert, wodurch die Komplexität der symbol-sprachlichen Bild-Kompositionen kräftig angehoben wird. So ließen sich - um ein bislang ungenutztes Beispiel zu entwerfen - die biografischen Verläufe innerhalb eines dreidimensionalen Raumes verorten, dessen drei Dimensionen aus Zeit, beruflichem Erfolg und privaten Zufriedenheiten aufgebaut werden und RespondentInnen sich zu verschiedenen Zeitpunkten - vor zwanzig Jahren, zehn Jahren, gegenwärtig, in zehn Jahren - lokalisieren können.

Ein weiteres symbol-sprachliches Arrangement sei noch eigens hervorgehoben, nämlich die Konstruktion von "small multiples" (Edward R. Tufte). Mit dem Diagramm 4 wird eine solche Möglichkeit von "small multiples" über eine zweidimensionale Symbolisierung einer theoretisch angereicherten Prozeßlinie - des Lebenszyklus von Produkten - aufgeführt (Müller et al. 1994).

Diagramm 4: Position von acht Produkten innerhalb eines Produkt-Lebenszyklus

Diese Methode der "small multiples" erscheint vor allem deswegen so interessant, weil jeder neue Eintrag im Kontext der bereits vorgenommenen erfolgt und sich daraus sehr subtile Rangordnungen ergeben, die über die normalsprachliche Abfrage mit Sicherheit nicht erreicht werden können. Die nachstehende Tabelle faßt nochmals zusammen, welche enormen Potentiale symbol-sprachlicher Arrangements faktisch ungenutzt für eine internationale Survey-Forschung brach liegen.

Tab. 3: Eine kleine Morphologie symbol-sprachlicher Arrangements

Anwendbar erweisen sich solche symbol-sprachlichen Elemente im Prinzip auf alle Arten von Surveys, auf überkommenen Soziale Surveys ebenso wie auf Technologie-Surveys, Unternehmens-Surveys oder auch auf Wissenschafts-Surveys. Die Tab. 4 verdeutlicht, auf welche Weisen sich eine internationale Survey-Forschung viele ihrer traditionellen Probleme abstreifen könnte - und ihre Datenmengen von ihren Komplexitätsgraden her dennoch stark anheben könnte:

Tab. 4: Wege aus der Falle multipler Kontingenzen

 

Aus-Blicke

Und so soll denn die kleine Geschichte, die ab der Mitte dieses Artikels auf die Möglichkeit einer untergründigen und trans-kulturell zuhandenen Symbol-Sprache verwies, in die Zukunft fortgeschrieben werden. Zunächst verharrten sie, die Laut-Schrift und die Seh-Symbolik, im Verhältnis folgenloser Koexistenz, bis plötzlich etwas Unerhörtes passierte: Zuerst zögernd, aber seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rapide, tauchten spezielle Apparaturen, audiovisuelle Medien, auf: das Radio, das Fernsehen, das Tonband, wenig intelligente Geräte, verständigere Maschinen, sich selbstreproduzierende Wesen, welche allesamt das gesprochene Wort weitaus besser, als es das gesamte Schrifttum von seinerzeit je gekonnt hätte, abrufen, aufbewahren, zusammenfügen konnten. Und die Folgen davon? Man stellte sich, veröffentlicht wurde das nachstehende übrigens im Jahr 1964, peu à peu die Frage,

ob die Schrift nicht trotz der wachsenden Bedeutung gedruckten Materials in der gegenwärtigen Zeit nicht schon zum Tode verurteilt ist. Tonaufzeichnung, Kino und Fernsehen haben sich seit einem halben Jahrhundert in die Verlängerung jenes Weges eingeschaltet, der seinen Ausgang vor dem Aurignacien nahm. (Leroi-Gourhan 1984: 265)

Doch parallel mit dem Abschwung der eingelebten Schrift nahm in diesem Jahrhundert des Auges, wie es beispielsweise von Otto Neurath, einem Visionär aus jenen Tagen benannt wurde, eine neue und wiederum doch alte Form der Informationsübertragung und der Weltkonstruktion ihren Lauf: Symbol-Sprachen, worin

der graphische Ausdruck der Sprache die Dimension des Unaussprechlichen wiedergibt, die Möglichkeit, der Mehrdimensionalität der Tatsachen durch visuelle Symbole, die zur gleichen Zeit zugänglich sind, gerecht zu werden. (ibid. 249)

Oder aus einem sehr andersgelagerten Blickwinkel skizziert: Man schickte sich an, eine dunkle Ahnung zu Anfang jenes 20. Jahrhunderts, nämlich - "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich ..." (Wittgenstein 1969: TLP 6.522) - ihrer mystischen Konnotationen zu entledigen, "gelîchesame die himelleiter abewerfen, sô die menige an ir ufgestigen" (Eco 1982: 625); und ihr nach und nach auch empirisch einholbare Seiten abzugewinnen: die Sphären des immer nur Zeigbaren als eigensinnige Informationsträger eines zufälligerweise auch neuen Jahrtausends auszubilden. Und nochmals aus der Perspektive von André Leroi-Gourhan geschildert, der ja, obwohl inmitten dieses Umbruchs, dessen wesentliche Verlaufsformen dargelegt hatte:

Das Gewicht der im Weltgedächtnis angesammelten Bildung verdeckt durch die Anziehungskraft der Reminiszenzen die genaue Bedeutung einer Evolution, die uns nach einem kurzen Jahrhundert der Reorientierung [man schreibt noch immer das vielzitierte zwanzigste; K.H.M.] an den Punkt führt, an dem die unmittelbaren Vorgänger der Maler von Lascaux standen.(Leroi-Gourhan 1984: 488)

Und es wird höchst an der Zeit, daß sich auch eine vergleichende Survey-Forschung sich dieser stets aktivierbaren trans-kulturellen Ressourcen bemächtigt. Das symbol-sprachlich ungenutzt Verbindende zwischen Kulturen - es bietet zahlreiche neue Chancen, überkommene Probleme der Verschiedenheiten von Kulturen aufzulösen.

© Karl H. Müller (Wien)


ANMERKUNGEN

(1) Der dafür relevante theoretische Hintergrund kann auf der Regelparadoxie bei Ludwig Wittgenstein basieren, wonach beliebige Handlungen mit einer bestimmten Regel und beliebige Regeln mit einer bestimmten Handlung verbunden werden können. Vgl. dazu nur Kripke 1985.

(2) Als passender theoretischer Hintergrund bietet sich W.V.O. Quines "indeterminacy of translation" an (1975, 1979), wonach - auf den Kontext der vergleichenden Survey-Forschungen projiziert - verschiedene Übersetzungen mit einem bestimmten Fragebogen kompatibel und äquivalent sind.

(3) Zur Operationalisierung von Ausdrücken wie "soziale Produktionssysteme", "soziale Gesundheitssysteme", "soziale Bildungssysteme" siehe speziell Hollingsworth 2003.

(4) Man nehme einen im britischen Kontext wohleingebetteten Ausdruck wie "race and ethnicity". Doch wie soll dieses Konzept problemadäquat in andere europäische Sprach-Kontexte übersetzt und in Regionen wie Sprachen transferiert werden, in denen es nach einer Klassifikation von Claus Offe (1994) Nationalstaaten, Nationalitätenstaaten und Mehr-Nationenstaaten gibt?

(5) So laufen etwa in der Schweiz Surveys nur noch über das Telefon ab - und eine Face-to-face-Befragung stößt sowohl auf Seiten der Befragten wie der Befrager auf weitgehendes kulturelles "Unverständnis". Jedes internationale Survey-Programm mit Face-to-face-Interviews ist mit der paradoxen Situation konfrontiert, daß die qualitativ besseren Resultate der Befragung nur durch eine Variation in den Untersuchungsmethoden zu erzielen sind.

(6) Bedeutet beispielsweise die Haltung zu ethnischen Minderheiten dasselbe in Ländern mit - um Offes Klassifizierung wieder heranzuziehen - Nationalstaaten, Nationalitätenstaaten und Mehr-Nationenstaaten?

(7) Das International Social Survey Programme (ISSP) entstand aus einer Kooperation zwischen dem deutschen ALLBUS und dem amerikanischen General Social Survey (GSS) und wird seit 1985 jährlich zu einigen wenigen Schwerpunktthemen in mittlerweile 39 Ländern durchgeführt.. Bislang wurde die Rolle des Staates, der Bereich Familie und sich ändernde Geschlechterbeziehung sowie soziale Ungleichheit schon dreimal abgefragt, die Felder Religion, nationale Identität, Arbeit und Umwelt jeweils zweimal. Als Übersicht vgl. speziell http://www.issp.org.

(8) Der Quality of Life-Survey wurde 2003 von der "European Foundation for the Improvement of Living Conditions and Work" in Dublin in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) entworfen und in insgesamt 28 Ländern durchgeführt. Zur Übersicht vgl. speziell http://www.eurofound.irl, wo sich detaillierte Ausführungen zum Fragenprogramm und Kurz- wie Langzusammenfassungen zu wesentlichen Resultaten finden.

(9) Der World Value Survey entsprang aus dem European Value Survey aus dem Jahre 1981 und wurde bislang weitere dreimal - 1990/91 - 1995/96 und 1999/2001 - durchgeführt. Vgl. dazu speziell http://wvs.isr.umich.edu.

(10) Das EURO-Module verdankt sich einer Initiative von Wolfgang Zapf und dem Wissenschaftszentrum Berlin. Grundzüge zum EURO-Module können nachgelesen werden bei Böhnke et al. 2002 und Delhey et al 2002.

(11) Zum European Social Survey (ESS) vergleiche sowohl die mittlerweile sehr ausführliche Website (http://www.europeansocialsurvey.org) sowie auch die frei zugänglichen und vollständig herunterladbaren Daten zur ersten ESS-Welle unter http://www.ess.nsd.uib.no.

(12) Relevante Literatur für die weiteren Explorationen findet sich - neben den explizit vorgenommenen Verweisen - bei Bounford/Campbell 2000, Craig 2000, Harris 2000, Müller 1991, Neurath 1991, Spence 2000, Tufte 1983, 1990, 1997.

(13) Dieser spezielle Technologie-Survey wurde im Rahmen eines OECD-Technologie-Audits von Ungarn entwickelt, wobei nahezu ausschließlich solche symbol-sprachliche Arrangements verwendet wurden. Als Überblick vgl. auch Müller et al. 1994.

(14) Die kognitionstheoretische Distinktion "underlearned - overlearned" verweist auf die im Rahmen der Survey-Forschung viel zu wenig problematisierte Grenze zwischen kontextunabhängigen Fragen und Antworten einerseits und spontan konstruierten andererseits. Vgl. dazu lediglich Müller 1998: 277-345.

(15) Diese Darstellung wurde mittlerweile in mehreren Surveys eingesetzt, u.a. im Gesundheits- und Sozialsurvey Wien (GSW). Vgl. dazu Müller/Link 2000.


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Harris, Robert L. (2000). Information Graphics: A Comprehensive Illustrated Reference. Oxford: Oxford University Press

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Kripke, Saul A. (1985). Wittgenstein on Rules and Private Language. An Elementary Exposition. Oxford: Oxford University Press

Leroi-Gourhan, Andre (1984). Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp

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Tufte, Edward R. (1983). The Visual Display of Quantitative Information. Cheshire: Graphics Press

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For quotation purposes:
Karl H. Müller (Wien): Symbolische Formen als Vehikel trans-kultureller Kommunikation. Das Beispiel der internationalen Survey-Forschung. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/01_2/mueller15.htm

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