Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. August 2004
 

1.5. Vom Nutzen kultureller Differenzen (Vilém Flusser)
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Gerhard Fröhlich (Linz)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Kultureller Zyklus zwischen Stau - und Crash

Karin M. Hofer (Wien)

 

1) THEORIEN KULTURELLER ENTWICKLUNG:

Wer immer sich mit gesellschaftlichen/kulturellen/historischen Prozessen beschäftigt, wird auf (scheinbar widersprüchliche) Anschauungen darüber stoßen: Je nach Problemstellung oder Blickwinkel kann man eine der metaphorischen Vorstellungen auswählen: Im großen (philosophischen) Rückblick auf eine Epoche mag der Lauf einer Entwicklung (z. B. Aufstieg und Niedergang einer vergangenen Kultur) KREISFöRMIG erscheinen; befasst man sich mit der CHRONOLOGIE von Einzelereignissen, stellt sich der Lauf der Ereignisse linear dar.

Das ZEITEMPFINDEN eines Menschen hängt von der - selbstverständlich kulturell beeinflussten - subjektiven Einstellung ab.

1/1) Die Idee des kulturellen Zyklus:

.... könnte anthropologisch gesehen aus der Beobachtung ständig wiederkehrender Tages- & Jahreszeiten und damit verbundener Verrichtungen entstanden sein. Es ist wohl die Sicht des Menschen, der noch im Einklang mit den natürlichen Rhythmen steht - also oft von Stammes- und Argrarkulturen, andererseits wird es aber oft als weibliche oder ökologische Sicht der Welt bezeichnet. Denn die Ökologie aber auch neue Theorien der Selbstorganisation gehen davon aus, daß alle Prozesse als Kreisläufe zu deuten sind. Versucht man die Ideen der Kultur- & Philosophiegeschichte in Kurzform zu zeigen, käme man etwa auf folgende "vitalistische" (frei nach Bergson) Vorstellungen, die nicht zuletzt auch das künstlerische Schaffen beeinflussten:.

Die Kreislauf-Sicht auf das Geschehen war in der Antike eher die Regel (Polybios). In der Islamischen Philosophie etwa beim Historiker Ibn Khaldun (Buch der Beispiele) in der fernöstlichen Ideenwelt als Rad der Wiedergeburten. Die Idee von Werden und Vergehen, von Aufstieg und Niedergang findet sich beispielsweise in mittelalterlichen Buchmalerein und Darstellungen des Jahreslaufes, der Rosette (die christliche Form des Mandalas), wie sie so oft für Kirchenfenster verwendet wurde oder auch des Glücksrades illustriert.

In der Neuzeit wurde dies etwa von dem neopolitanischen Philosophen Gianbattista Vico um 1700 wieder aufgegriffen. Bei Nietsche findet sich die (von östlicher Philosophie beeinflusste) Vorstellung von der "Ewigen Wiederkehr des Gleichen" bei einer gleichzeitigen, fallweise stattfindenen Umwertung aller Werte.

Schließlich hat Oswald SPENGLER in seinem einflußreichen Werk "Untergang des Abendlandes" eine Kreisbewegung der Kultur auf einen erstarrten Endzustand, den er Zivilisation nennt, hin gesehen. Der englische Historiker Arnold TOYNBEE beschrieb etwas später anhand etlicher Beispiele den "Aufstieg und Verfall der Kulturen".

Heute treten zyklische Vorstellungen von Kultur- und Sozialphänomenen wieder bei Vertretern von Theorien der Selbstorganisation (manchmal durch mathematische Simulationen gestützt) oder im Nachhaltigkeitsdenken der ÖKOLOGIE auf (populär beschrieben beispielsweise durch Friedrich Vesters rückkoppelnde Netzwerke). Diese berufen sich sogar zeitweise auf einen Satz von KANT, der sich in der "Kritik der Urteilskraft" (§ 64) findet: "Ein Ding existiert als Naturzweck, wenn es von sich selbst Ursache und Wirkung ist."

Vilém FLUSSER entwickelt in seinem Aufsatz: "Gespräch, Gerede Kitsch" von 1984 ein epizyklisches "posthistorisches" Kulturmodell: Natur-Halbfabrikat-Kultur-Abfall (Kitsch) Natur) Kitsch ist dabei als Recycling des Abfalls zurück in die Kultur anzusehen. Darauf wird später noch einzugehen sein.

1/2) Linear-teleologische Kulturtheorien

Insbesondere durch die monotheistische Weltsicht entwickelte sich so etwas wie ein lineares Zeitempfinden, das auf ein zukünftiges Besseres ausgerichtet war. Die ESCHATOLOGISCHE christliche Sicht orientiert sich auf das jüngste Gericht hin. Das verändert sich in der Neuzeit, wo die rationale Sicht dazu innerweltlichen Ersatz anbietet: Zahlreiche Utopien pflegen diese perspektivische Sicht. So ist die Vorstellung in der Evolutionstheorie jene, dass wir an Intelligenz und Fähigkeiten zunehmen und im MARXISMUS sollen wir die aufgetretene Entfremdung überwinden und uns in eine egalitäre Kultur hinein verwirklichen.

1/3) Modelle einer schrauben- bzw spiralförmigen kulturellen Dynamik

Weiters existieren Kultur- bzw. Geschichtstheorien, die das zyklische mit dem linearen verbinden. So sieht etwa HEGEL in der Spiralbewegung sich Thesen und Antithesen zu immer höheren Synthesen "hinaufschrauben". An deren Spitze steht das Absolute, sei dies - aus heutiger Sicht gesehen - nun Glauben oder Wissen.

All diese sowohl ikonographischen und metaphorischen Vorstellungen sieht Uwe Pörksen als "Visiotypen" (siehe Literaturangaben) aufgrund anarchisch/archetypischer (-> C.G.Jung) Denkmuster im tiefsten Speicher unserer Kulturen sichtbar verborgen, Bild und Gedanke voneinander untrennbar. - So werden auch neueste Erkenntnisse der Wissenschaft mithilfe von Icons illustriert (d.h. dem Individum innerhalb einer - kulturell geprägten - Gesellschaft vorstellbar gemacht), die auf archarisch anmutende "Formformeln" zurückgreifen.

Die nebenstehende Skizze versucht, die künstlerisch & wissenschaftliche Denkmuster einer- bzw. einiger aufeinander wirkender Kultursphären (nicht-chronologisch) nebeneinander darzustellen: als gebautes (islamisches) Zikkorat, gewundene Himmelsleiter, (gotische) Wendeltreppen bzw. die wissenschaftliche Konstruktion einer um sich selbst gerankten aufwärts strebenden DNS-Doppelhelix.

2) ZYKLISCHE KULTURPHäNOMENE ZWISCHEN ALLTAGS- UND HOCHKULTUR

Die hier von der Autorin vorgestellte HYPOTHESE untersucht sich mehrmals wiederholende Muster kultureller Entwicklungen, die in unterschiedlichen Zeiträumen ablaufen und dem zyklischen oder Spiraltyp der Entwicklung nahekommen. Sie beschränken sich auf Teilaspekte, ja manchmal nur Moden der Kultur, die oft auch asynchron zu anderen Vorgängen geschehen. Man kann sie als kulturelle Feinstrukturen verstehen, die aber durch ihre Wiederholung interessant werden.

Kultur wird hier als Gegensatz zur Natur verstanden und insbesondere als Gesamtheit der Lebensäußerungen einer größeren Gruppe. Sie umfasst also sowohl das, was wir als Hochkultur wie auch das, was wir als Alltagskultur bezeichnen. Die Wechselwirkung dieser Beiden zeigt oft kreislaufförmige Phänomene.

Aus einer anfänglich pragmatisch dominierten Kultur entwickelte sich eine ausschließlich dem Kult dienende "Kunst". Bei uns in Europa spaltete sich erst in der Neuzeit ein autonomer, d.h. weltlicher Kunstbereich ab. Alltags- und Hochkulturbereich waren zwar voneinander getrennt, aber nie so hermetisch, daß nicht durch langsame Diffusionsvorgänge formale gegenseitige Beeinflussungen stattfinden konnten.

Immer gab es in der Kunst Innovative Gestaltungen, die sich gegen den Widerstand des Tradierten (schneller oder langsamer) durchsetzten. In ihnen drückt sich der Gestaltungswille, die schöpferische Absicht jener Wenigen aus, die sich, das Tradierte überschreitend, bereits in der Gegenwart bewusst auf Zukünftiges hin bewegen. Manche dieser vorerst befremdlichen Gestaltungen werden im Laufe der Zeit schulebildend und in epigonaler Weise nachgeahmt. So verbreitete sich ein gewisser Duktus, Stil oder Mode unter einer größeren Zahl von Gebildeten.

Besonders das Öffentlichwerden von Museen im frühen 19. Jahrhundert, sowie die ver besserte Reproduktionstechnik Anfang des 20 Jahrhunderts beschleunigte diese Vorgänge.

Schließlich werden diese Produktionen bei den Gebildeten unmodern, finden aber bei weiten Bevölkerungskreisen deswegen Anklang, weil sie sie ein Zeichen für "Guten Geschmack" darstellen. Diese ins Triviale gesunkenen und stark vervielfältigten Abbilder der Abbilder von einst Innovativem nähern sich immer mehr dem sogenannten Kitsch, einem nicht leicht ergründbaren Phänomen, das den sentimentalen und repräsentativen Bedürfnissen der "kleinen Leute " entgegenkommt. Nach Ludwig Giesz sind es weniger die kitschigen Objekte als vielmehr ein kitschiges Verhalten, ein "Sich befinden im Kitsch", das das Phänomen ausmacht. Natürlich gibt es sehr wohl Objekte, die bereits als Kitsch erzeugt sind, doch nur, um den Bedürfnissen einer meist unreflektiert sentimentalen Kundengruppe entgegenzukommen, die nur das Niedlich-Dekorative sucht.

Der "Kompost" (wie Flusser es nennt) dieser trivialen Kultur verrottet so lange, bis er zum Humus für wiederum innovative Gestaltungen wird. Dies geschieht auf die Art, dass gerade das Trivialste auch das Gewöhnlichste, d.h. das Gewohnteste geworden ist. Nun wird dies aber kaum mehr explizit wahrgenommen. Löst man so Etwas aus dem gewohnten Kontext heraus und beleuchtet es mit dem Lichte der Aufmerksamkeit, kann es neben anfänglicher Verstörung zu einer innovativen Neuinterpretation bzw. Umwertung des alten Wertes führen. Mit diesem Mechanismus arbeitet etwa die Ready-made-Kunst eines Marcel DUCHAMPS, die Pop Art eines Andy WARHOL, die Konzeptkunst eines Josef BEUYES oder die Trash art eines Jeff Koons (um hier Namen zu nennen, die auch Nicht-Fachleuten nicht fremd sind).

Erste Ansätze über die Transformation von Sujets und Symbolen in zeitlicher Abfolge findet sich in Aby Warburgs Ikonologie. Der Warburgschüler Rudolf Wittkower (1901-1971) beschreibt in seinem Aufsatz "Die Deutung optischer Symbole" die sukzessive Wandlung und oft Sinnentleerung von Symbolen, etwa am Beispiel des gegiebelten Portikus, einer Säulenvorhalle, die in der griechisch-römischen Architektur ein Gebäude als Tempel kennzeichnete. Im 16. Jahrhundert verlieh Palladio diesem Motiv eine neue Bedeutung, indem er Villen damit ein fürstliches Gepräge gab. Dies sank dann im amerikanischen Kolonialstil zum republikanischen "Symbol" ab. Heute findet sich das Motiv selbst beim Häuslbauer und wurde in der Postmodernen Architektur als ironisches Zitat adaptiert.

3) STAU UND CRASH:

Stau (folgt man Flussers Denkmodell) bedeutet steigende Verlangsamung, Crash unvermittelte Beschleunigung eines sonst kontinuierlich ablaufenden Prozesses: dem stetigen KREISEN DER OBJEKTE bzw. ihrer Darstellung zwischen INNOVATION, Epigonentum und TRIVIALITäT.

Damit ein Objekt in den Kulturkreislauf eintreten kann, benötigt es (so Flusser) verändernde Information. Das heißt aus ihm wird ein Informationsträger, der Objekt-charakter ist periphär. In Flussers epizyklischen Modell stauen sich verbrauchte Innovationen, die nun zu Abfall geworden sind und treten als Kitsch wieder in den Zyklus ein.

Nun stellt ein BEDEUTUNGSVERLUST des Artefaktes (des Objekts mit Informationscharakter) von innovativ über epigonal zu trivial eine auch historisch spürbare Verlangsamung bis hin zum Stillstand dar. Wenn nun das Triviale (der Kitsch) innovativ verwendet wird, ihm dadurch neue Information zukommt bzw. neue Bedeutung zugedacht wird, ist das im stockenden Kreislauf als Ruck, als plötzliche Beschleunigung spürbar - die Folgen sind üblicherweise schockartige Verstörung: eine KONFLIKTSITUATION im kulturellen Zyklus.

Obige Illustration versucht, den PROZESS DER INNOVATION innerhalb des unterbrochenen kulturellen Kreislaufes darzustellen: Der Weg der kulturellen Abläufe (der Pfeil) ist unterbrochen. Die Veränderung der Information dabei ist als plötzliche Ausdehnung (der Deutungs- und Verständnismöglichkeit) zu sehen, hier wie ein "Blitzbündel" dargestellt - eine symbolische Form, die in verschiedenen Kulturkreisen der Welt fur den "Funken der Innovation" steht.

4) TRIVIALES, KITSCH UND INFORMATION

Triviales kann, um wieder auf die Gedanken von GIESZ und auch FLUSSER zurückzukommen, bereits die Möglichkeit zur Innovation geben. Das hat jedoch weniger mit dem Objekt als mit dem Subjekt (in diesem Falle ein/e BetrachterIn) zu tun: Die Kultursoziologie, die sich eher als die Kulturwissenschaft mit dem Subjekt beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang von "Kulturellen Feldern", innerhalb derer Subjekte agieren und die seine Handlungs- und Urteilsmöglichkeiten (Definitionsmacht als Möglichkeit der Distinktion) bestimmen (s. dazu Bordieu und Mörth/Fröhlich).Laut Giesz nun ist das Phänomen Kitsch mit dem Subjekt verbunden, also mit dessen Lebenshaltung und den daraus resultierenden Bedürfnissen und Erwartungen - (wie die Fernsehessays einer Elisabeth T. Spira zeigen). Nach Flusser entsteht Kitsch aus dem Stau (das heißt einer Verdichtung) von aus der Kultur ausgeschiedenen Objekten.

Führt man die Gedanken der Beiden weiter, kann aus diesem Stau bzw. Gedränge obsoleter Objekte leicht durch subjektive Informationszufuhr (oder auch: Umdeutung, Neuinterpretation) Neues entstehen: Ein Erinnerungsstück (an eine geschätzte Person) - vielleicht sogar Kunst wie bei Warhol oder Koons, sofern das Objekt zum Träger neuer "Information" wird.

 

© Karin M. Hofer (Wien)


LITERATUR:

Roland Barthes, Mythen des Alltags, Frankfurt/Main 1964

Jean Baudrillard, Das System der Dinge, Frankfurt/Main 2001

Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/Main 1987

Vilém Flusser, Nachgeschichte, Frankfurt/Main 1997

Ludwig Giesz, Phänomenologie des Kitsches, Frankfurt/Main 1994

Karin M. Hofer, Ästhetik des Täglichen, Schriftenreihe 1994 - 2004

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Köln 1995

Ingo Mörth / Gerhard Fröhlich (Hg.), Das symbolische Kapital der Lebensstile, Frankfurt/Main & New York 1994

Uwe Pörksen, Weltmarkt der Bilder, Stuttgart 1997

Arnold Toynbee, Aufstieg und Untergang der Kulturen, München 1970

Rudolf Wittkower, Allegorie und Wandel der Symbole in Antike und Renaissance, Köln 1984


1.5. Vom Nutzen kultureller Differenzen (Vilém Flusser)

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For quotation purposes:
Marie Elisabeth Müller (Stuttgart): "Schöne, weiße Galerien!" - Identitätsprozesse und Rassismus in der westlichen Kunstwelt. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/01_5/hofer15.htm

Webmeister: Peter R. Horn     last change: 10.8.2004    INST