Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. September 2004
 

2.6. Post-industrial Civilization and Culture
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Gennady Uzilevsky (Orel, Russia)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Entwicklungswege der Krankenversicherung in Russland im Kontext der postindustriellen Zivilisation

Leonid Stelmach (Orjol, Russland)

 

Unser Land ist zur Zeit auf dem Wege des Übergangs von der industriellen Zivillisation zur postindustriellen. Eine ihrer Eigenschaften ist die gleichbedeutende Wechselbeziehung zwischen den Menschen und der Gesellschaft, die auf die Entwicklung eines mehrdimensionalen sozialen Wesens, auf die Erhöhung der Lebensqualität, auf die Verbesserung der bestehenden und auf die Bildung der neuen demokratischen Formen gerichtet ist. Diese Eigenschaft offenbart sich in Betrachtung des Menschen als eines materiellen - idealen - und geistigen Wesens in dem metaphysischen, ökologischen und ergonomischen Sinne, in der Steigerung seiner Rolle als des Schöpfers von allem, woran er arbeitet und womit er sich beschäftigt. Es ist bemerkenswert, dass zur Realisierung dieser Eigenschaft das föderalistische Prinzip der Gesellschafts- und Staatsbildung beitragen kann [1].

In unserem Fall wird es um eine auf die Persönlichkeit orientierte Gesellschaft gehen, deren Motto die Maxime ist "Der Mensch und die Umwelt sind das Maß aller Sachen" [1]. Das wird selbstverständlich die Ausrichtung aller Gesellschaftsinstitutionen beeinflussen, denen die Arbeit mit den Menschen insbesondere im Bereich der lokalen Selbstverwaltung bevorsteht, mit der Absicht, die Menschen zur aktiven Teilnahme an der kulturellen, gemeinschaftlichen, politischen, sportlichen, wirtschaftlichen Tätigkeit heranzuziehen.

In diesem Zusammenhang gewinnt die allumfassende Entwicklung der sozialen Versicherung und des Gesundheitsschutzes an Bedeutung. Das soll letzten Endes Harmonie zwischen den materiellen, idealen und geistigen Eigenschaften des Menschen und dessen kultureller, sozialer, ökologischer, technischer und anderer Umwelt bewirken.

Heutzutage hängen der Umfang und die Qualität der Versicherungsleistungen von der Zahlung der einheitlichen sozialen Steuer durch den konkreten Arbeitgeber durchaus nicht ab. Die Versicherungsunternehmen und Heilanstalten erhalten keine Information über die Mittel der einheitlichen sozialen Steuer, die dem Fonds der obligatorischen Krankenversicherung aus den Betrieben zur Versicherung konkreter Personen zufließen.

Dem modernen Versicherer mangelt es an den Anreizen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Einführung der gesunden Lebensweise unter den Arbeitnehmern, weil die Höhe der Versicherungssteuer von diesen Faktoren nicht abhängt. Die Betriebsleiter zeigen kaum Interesse an den Leistungen und Qualität der Krankenversicherung und sind darüber schlecht informiert [2].

Die Erfahrung der Russischen Föderation und einer ganzen Reihe von europäischen Ländern (wie zum Beispiel Deutschland, die Niederlande und andere) bestätigt die Tatsache, dass die Neuerung der Krankenversicherung nur dann möglich ist, wenn die Versicherungsmechanismen zur Finanzierung der Gesundheitsfürsorge eingeführt und solche Formen der Krankenversicherung geschaffen werden, die am besten der historischen Erfahrung und den Prioritäten eines Landes entsprechen.

Die Gesundheit in der modernen Gesellschaft wird nicht nur wie die Abwesenheit der Krankheiten und der physischen Defekte betrachtet, sondern wie «der Zustand des vollen physischen, psychischen, sozialen Wohlergehens». Solche Komponente der Gesundheit, im breiten Sinn des Fachwortes, können nur unter den Bedingungen der Zivilesellschaft gewährleistet sein. Die Gesundheitsverbesserung der Bürger soll ein vorrangiges Ziel der Entwicklung eines beliebigen Staates sein [3, S. 115-124].

Im Kontext des oben gesagten betrachten wir jetzt die Typologie der Krankenversicherungsmodelle. Diese Modelle sollen nicht nur zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit beitragen, sondern auch zur Erkenntnis der wichtigen Bedürfnisse der Menschen nach der persönlichen Verantwortung für eigene und Gesundheit der Verwandten dienen.

Wir haben eine Typologie der Krankenversicherungsmodelle unter Berücksichtigung der inneren und äußeren Faktoren entwickelt:

Nach der Reichweite der durch Versicherung erfassten Bevölkerungsgruppen steht die obligatorische Krankenversicherung unbedingt auf der ersten Stelle, obwohl kein der Krankenversicherungsmodelle volle Erfassung der Bevölkerung mit der Versicherung gewährleistet. In Deutschland erreicht die Erfassung der Krankenversicherung mehr als 90 %, in Frankreich - 80 %, in Belgien - 98 % der Bevölkerung [4].

Freiwillige Krankenversicherung ist in Russland noch nicht stark verbreitet. Die Reichweite der durch freiwillige Krankenversicherung erfassten Bevölkerungsgruppen ist nicht mehr als 3 % der ganzen Bevölkerung. Die Erfassungbreite dieser Versicherungsart hängt gerade vom Lebensstandard ab.

Die Formen der Staatsbeteiligung an der freiwilligen und obligatorischen Krankenversicherung unterscheiden sich durch den Anwesenheitsgrad des Staates in diesen Arten der Tätigkeit. Obligatorische Krankenversicherung wird mit der Teilnahme der staatlichen oder unter der Staatskontrolle befindenden Organisationen verwirklicht. Die Programme der obligatorischen Krankenversicherung werden von den Staatsmachtorganen verabschiedet. Tarife werden nach der einheitlichen Methodik eingeführt. Die Einkommen im System der obligatorischen Krankenversicherung können nur für die Haupttätigkeit (nicht kommerzielle Tätigkeit) verwendet sein.

In der freiwilligen Krankenversicherung ist die Staatesbeteiligung minimal: die Versicherungsregeln werden von den Versicherern entwickelt; die Programme für die freiwillige Krankenversicherung werden durch den Vertrag des Versichertes und des Versicherers bestimmt; die Einkommen von dieser Versicherungsart können für eine beliebige Tätigkeit usw. verwendet sein.

Die Bürgerteilnahme an der Verwaltung der Krankenversicherung wird desto bemerkenswerter, je grösser ihr Mitfinanzierungsniveau der Sozialversicherung zusammen mit den Arbeitgebern ist. Höher ist das Niveau der Bürgerteilnahme an der Verwaltung der obligatorischen Krankenversicherung in jenen Versicherungssystemen, wo das Familienprinzip gilt (Familienangehörigen eines Arbeiters werden durch seine Beiträge versichert). Die Organisation der Krankenversicherung nach dem Prinzip der Krankenkassen in Russland (in erster Hälfte des XX . Jahrhundertes) gewährleistete in ausreichendem Maße, unserer Meinung nach, die Repräsentation der Versicherten und der Versicherer in den Verwaltungsorganen der Versicherungsorganisation, die die Krankenkasse war. Dass das oberste Verwaltungsorgan der Krankenkasse - die Vollversammlung - auf 2/3 aus den Vertretern der Arbeiter und der Beamten und auf 1/3 aus den Vertretern des Arbeitgebers bestand, besagt schon selbst viel. In der Kassenverwaltung hatten die Vertreter der versicherten Arbeiter und der Beamten auf 1 Stimme mehr, als die Vertreter des Arbeitgeber-Versicherungsnehmers.

Krankenversicherung in den Ländern mit dem Versicherungssystem des Gesundheitswesens (z.B. Deutschland, Holland, Frankreich, Österreich, Belgien, die Schweiz, etc.) verwirklicht sich mit der Teilnahme verschiedener Organisationsformen der Versicherern. In Deutschland sind das unabhängige nicht kommerzielle Selbstverwaltungsorganisationen, die Krankenkassen genannt werden. In Frankreich wird die obligatorische Krankenversicherung durch den Sozialversicherungsfonds finanziert und es gibt auch Versicherungsgesellschaften, in Holland sind das Krankenfonds und private Versicherungsgesellschaften. In den Versicherungssystemen verschiedener Länder werden nichtkommerzielle Versicherungsfonds und Krankenkassen durch kommerzielle private Versicherungsorganisationen ergänzt [4].

Betrachten wir die Gesamtheit der angegebenen Faktoren als System, so kommen wir zur folgenden Krankenversicherungstypologie:

  1. Die obligatorische Krankenversicherung, die alle Bürger Russlands umfasst und die Dominanz des Staates vorsieht.
  2. Die freiwillige Krankenversicherung, die vermögende Bürger Russlands umfasst und keine Beteiligung des Staates vorsieht.
  3. Die obligatorische nichtstaatliche Krankenversicherung, die einen Teil der Berufstätigen umfasst.
  4. Die Krankenversicherung in Form der Krankenkassen. Sie umfasst einen beträchtlichen Teil der Berufstätigen und ihrer Familienangehörigen und sieht keine Beteiligung des Staates vor.

Zur Zeit sind in Russland die zwei ersten Typen der Krankenversicherung verbreitet. Beachtenswert, dass die Teilnahme der Bürger an der Verwaltung der Krankenversicherung nicht vorgesehen ist. Hier muss auch auf das föderalistische Prinzip in der Struktur der obligatorischen Krankenversicherung hingewiesen werden. Es sei aber betont, dass in dieser Struktur die Mechanismen der Rückverbindung zwischen dem Versicherten und anderen Subjekten der obligatorischen Krankenversicherung fehlen.

Der dritte und der vierte Typ der Krankenversicherung werden als deren mögliche Entwicklungswege betrachtet. Der dritte Typ der Versicherung entsteht bei dem freiwilligen Austritt des Unternehmens aus der obligatorischen Krankenversicherung unter der Zustimmung der Arbeitnehmer. In diesem Fall wird der Arbeitgeber von der Zahlung der einheitlichen sozialen Steuer entlastet, aber er wird verpflichtet, seine Arbeitnehmer im System der freiwilligen Krankenversicherung zu versichern, dabei soll der Umfang von Versicherungsprogrammen und -leistungen der freiwilligen Krankenversicherung nicht kleiner als der Umfang der obligatorischen Krankenversicherungsprogramme sein [5].

Die Krankenversicherung mit der Krankenkassenbeteiligung unterscheidet sich von den oben erwähnten Versicherungsmodellen durch ihre Mobilität, finanzielle Transparenz und Selbstverwaltung. An den Krankenkassen nehmen Versicherer (Arbeitgeber), Versicherte (Arbeitnehmer) und ihre Familienangehörigen teil. Die Finanzmittel der Krankenkassen setzen sich aus den freiwilligen Beiträgen der Versicherten und Geldmitteln des Arbeitgebers zusammen. Die Krankenkassen, ihre Beteiligten, Betriebsinhaber werden gemeinsame Interessen haben, zum Beispiel an der Senkung der Erkrankungshäufigkeit unter den Arbeitern. Das soll die Unternehmer bewegen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Zahl der Unfälle zu vermindern. Darin bestehen die gemeinsamen ethischen und ökonomischen Interessen aller Beteiligten der Krankenkassen. Bemerkenswert, dass in diesem Fall der Arbeitgeber die einheitliche soziale Steuer unmittelbar in die Krankenkasse zahlt. Zusätzlich laufen dorthin freiwillige Beiträge der Versicherten ein. Zugunsten der Krankenversicherung in Form von Krankenkassen spricht sowohl die Erfahrung von Russland aus den Jahren 1912 - 1917, als auch die mehr als hundertjährige Erfahrung von Deutschland [4].

Diese Form der Krankenversicherung passt am besten zur auf die Persönlichkeit orientierten Gesellschaft.

Die Erarbeitung der Typologie der Krankenversicherung, die auf dem System von äußeren und inneren Faktoren beruht, führt uns zum föderalistischen Prinzip der Bildung von staatlichen und nicht staatlichen (freien) Organisationen. Es besteht darin, dass die Verwaltungsstruktur hierarchisch ist, üblicherweise aus drei Ebenen besteht und auf Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität beruht. Die höheren Ebenen verwenden das Prinzip der Subsidiarität, die unteren - das Prinzip der Solidarität. Das bedeutet folgendes: wenn die oberen Stufen den unteren ihre Vollmacht übergeben, bieten sie ihnen eine ganze Reihe von verschiedenen Entwicklungsvarianten an. Hier können wir die Realisierung des metaphysischen Prinzips von Überversorgung sehen.

In unserem Fall ist es nötig, das System von Gesetzen über die Krankenversicherung der Bürger der Russischen Föderation zu schaffen, in dem die von uns erarbeitete Typologie der Versicherungsmodelle berücksichtig wird. Die Subjekte der Russischen Föderation können ihrerseits die Normativakte verabschieden, die die Umsetzungsmechanismen für die föderativen Gesetze in bezug auf die Besonderheiten jeweiliger Regionen präzisieren. In diesem Fall verkörpert sich demokratische Anforderung: Die Freiheit auf Wahl der für jeweilige Persönlichkeit am besten passenden Versicherungsform.

Die Freiheit auf Wahl der sozialen Versicherung sichert die Schaffung von Konsens, Toleranz und sozialer Stabilität in Regionen und Munizipalorganisationen. Hier sehen wir die Wirkung noch eines metaphysischen Prinzips der "Mindestanstrengung". Das Zusammenwirken von diesen Prinzipien bewirkt die Realisierung des metaphysischen Gesetzes "Einheit in Vielfalt". Anders gesagt soll gemeinsame Interessiertheit an der Gesundheit jedes Arbeitnehmers bald ihre Früchte tragen .

Abschließend fassen wir zusammen:

Erstens. Auf dem Wege zur postindustriellen Zivillisation mit ihrer Orientierung auf den Menschen und die harmonische Offenbarung von metaphysischen Prinzipien nimmt die Rolle der auf die Persönlichkeit orientierten Gesellschaft immer zu. Ihre Institutionen sollen auf die Realisierung der Maxime "Der Mensch und die Umwelt sind das Maß aller Sachen" gezielt werden, sowie auf die Lösung von unterschiedlichen Problemen, unter anderem der Krankenversicherung.

Zweitens. Das föderalistische Prinzip der Bildung der Verwaltungsstrukturen kann auf die Krankenversicherung ausgeweitet werden, in diesem Fall ermöglicht es, vom Potential solcher metaphysischen Prinzipien wie das Prinzip der Solidarität und der Subsidiarität, das Prinzip der "Mindestanstrengung" und das Prinzip der Überversorgung, sowie vom metaphysischen Gesetz "Einheit in Vielfalt" Gebrauch zu machen.

Drittens. Um die Optimierung der unteren Stufe der Krankenversicherung als eines der wichtigsten Bestandteile der sozialen Versicherung zu erreichen, ist es zweckmäßig, von den angesammelten ausländischen und russischen Erfahrungen der Krankenkassen Gebrauch zu machen. Die Krankenkasse wird dabei als eines der vernünftigsten Krankenversicherungsmodelle in der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt.

© Leonid Stelmach (Orjol, Russland)


LITERATUR

1. Uzilevsky, G.Ja. (2004) Post-industrial civilization in the light of semiotic metaphysics. In: Proc. of the Congress "Unifying aspects of cultures. Wien, 2004 (http://www.inst.at/kulturen)

2. Sidorow G.A., Schtel'mach L.G., Eremin A.I., Bugrova L.W., Melikowa L.A. (2003) Staatsregulierung der Krankenkassen in Orjoler Gebiet. In: Aktuelle Fragen der wissenschaftlich-praktischen Medizin. Orjol:. ORAGS, S. 51-54 (Heft 7). (Im Russischen).

3. Wjalkow A.I., Reizberg B.A., Schilenko Ju.W. (2002). Verwaltung und Wirtschaft des Gesundheitswesens: das Handbuch. Moskau: GEOTAR-MED, 328 S. (Im Russischen).

4. Die Anlagen zum Vortrag des ersten stellvertretenden Minister der wirtschaftlichen Entwicklung und des Handels M. Dmitriew «Über die Entwicklung der Krankenversicherung in Russischer Föderation». (2003). Tambow. http://kremlin.ru/text/docs/2003/04/44254.shtml. (Im Russischen).

5. Konzeption der Modernisierung des obligatorischen Krankenversicherungsystems (2003). In: Wirtschafts- und Verwaltungsfragen für die Gesundheitswesensleiter, 2 (32). S. 49-57. (Im Russischen).



2.6. Post-industrial Civilization and Culture

Sektionsgruppen | Section Groups | Groupes de sections


TRANS       Inhalt | Table of Contents | Contenu  15 Nr.


For quotation purposes:
Leonid Stelmach (Orjol, Russland): Entwicklungswege der Krankenversicherung in Russland im Kontext der postindustriellen Zivilisation. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/02_6/stelmach15.htm

Webmeister: Peter R. Horn     last change: 4.9.2004    INST