Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. April 2004
 

3.5. Wechselbeziehungen zwischen der jüdischen, der slawischen und der deutschen Kultur
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Maria Klanska (Kraków)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Multikulturelle Stadt als Quelle der Identitätsschwierigkeit - Max Brod in Prag

Agata Starowicz (Kraków, Polen)

"Wenn auch die Menschen sich entwickeln sollen, dann ist es undenkbar, dass sie dies ohne Literatur, ohne Lied, Tanz, Musik und Mythen tun sollen, ohne Geschichten über sich selbst und ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Ansichten zu ihrem gegenwärtigen Schicksal und ihre Hoffnungen für die Zukunft zum Ausdruck zu bringen. Entwicklung ist ohne Dynamik nicht denkbar; Dynamik verlangt Freiheit, die Freiheit etwas zu schöpfen; schöpferische Freiheit verlangt schlicht und einfach Phantasie."(1)
Shashi Tharoor

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Prag, die damalige Hauptstadt Böhmens zu den wahrscheinlich intensivst multikulturellen Städten Europas. Dort lebten die Tschechen, die Deutschen und die Juden nebeneinander. In diesem Teil der Monarchie gärte es politisch und gesellschaftlich. Ein Jahr vor der Geburt Max Brods (1884-1968) gab es in Österreich eine große antiliberale Tendenzwelle. Es war die Folge der gerade herrschenden Wirtschaftskrise und des Massenelends. Die soziale Stimmung war sehr gespannt und es konnte sehr leicht eine sozial-revolutionäre Welle hervorgerufen werden. Das ideologische Konglomerat der neuen politischen Bewegung in der Reichshauptstadt kann an dem Schlagwort einer Massenversammlung des Wiener Gewerbestandes 1882 abgelesen werden: "Es gibt in Österreich keine Nationalitätenhetze, sobald die Judenfrage gelöst ist! Kauft nur bei Christen. Die Emanzipation muß rückgängig gemacht werden."(2)

Die neue ideologische Weihe erhielt die Bewegung durch die sogenannte Ritualmordpropaganda. Sie ging in Folge des Ritualmordprozesses gegen Leopold Hilsner von tschechischer Seite aus. 1899 wurde nämlich der arbeitslose jüdische Schuster Leopold Hilsner angeklagt, an einer katholischen Tschechin einen Ritualmord begangen zu haben. In der Folge des Prozesses, Hilsner wurde verurteilt und erst nach 1918 freigesprochen, kam es zu einer antisemitischen Massenhysterie in Böhmen, die von dem Philosophen und späteren Präsidenten Thomas Masaryk bekämpft wurde. Wir wissen aus dem autobiographischen Erinnerungsroman Max Brods Beinahe ein Vorzugsschüler, dass er in seiner Gymnasialzeit dem Antisemitismus seines aus dem sudetendeutschen Gebiet Böhmens stammenden Geschichtsprofessors ausgesetzt war.(3) Gerade dieses Jahr 1883 war für die Juden und die nationalistisch denkenden Tschechen Prags wesentlich. Auf den Straßen der Stadt gab es viele antisemitische Zettel und Drohbriefe. Die tschechische Parteipolitik versuchte eine Doppelstrategie zu führen. Einerseits war es die Politik der Versöhnlichkeit in den offiziösen Verlautbarungen der bürgerlichen tschechischen Honoratioren-Partei (Alttschechen). Andererseits gab es die Politik der jungtschechischen Parteizentrale, die unterirdische Hetz- und Angstkampagne mit judenfeindlichem Material betrieben hat. Trotz der Kampagne der Jungtschechen gelang es, die Juden bei den Landtagswahlen auf die tschechische Seite zu ziehen. Man feierte das Umschwenken der Juden als Beweis weniger für die freundlichen Gefühle der Juden - wie es auch in der Sprachstatistik aufschien - als für die Macht des tschechischen Nationalismus.

"Seit 1880 gab die neu eingeführte Statistik der Umgangssprache der politischen Öffentlichkeit ein Instrument in die Hand, das nationale Bekenntnis des Individuums, seine politische Identifizierung weit präziser haftbar zu machen, als das in den Wahlkämpfen möglich gewesen war. Von nun an begann das Bespitzeln der Nachbarn, ob hinter den Türen der jüdischen Familien auch jene Sprache gesprochen werde, die in die amtliche Liste eingetragen war; von nun an begannen die Juden im tschechischen Landesteil, sich die deutschen Zeitungen, die sie des Börsenteils wegen brauchten, in verschlossenen Umschlägen zusenden zu lassen. Die Folge all dessen für die Juden war eine noch weitere Einschränkung ihres utraquistischen Spielraumes. 1880 bekannte sich ein Drittel der böhmischen Juden zur tschechischen Umgangssprache, 1900 waren es bereits über fünfzig Prozent. Zwischen 1890 und 1900 wechselten über viertausend Juden in der Prager Innenstadt ihr nationales Bekenntnis; während in Prag 1890 noch 74% der Juden sich zur deutschen Umgangssprache bekannt hatten, waren es 1900 nur noch 45%."(4)

Gleichwohl beleuchten die Zahlen mehr die Machtverhältnisse in der Hauptstadt als die tatsächliche nationale Identifikation der Juden, denn ein Vergleich mit der Statistik der Schulen und Universitäten zeigt, dass nur ein verschwindender Bruchteil die tschechischsprachigen Institute besuchte. 1900 sandten immer noch 90% aller Juden ihre Kinder auf deutsche Schulen.

Die Tschechen feindeten die jüdische Position an, weil sie trotz der Wirtschaftskrise Kapital, wirtschaftlichen Einfluss und industrielle Macht in der Hand hatten. Im Gefolge von Industrialisierung und der erwähnten Wirtschaftskrise bemerkte man eine rapid zunehmende Binnenwanderung. 1890 befand sich gut die Hälfte aller Bewohner Böhmens nicht mehr an ihrem Heimatort. Mobilität bewirkt immer die Zunahme von Unsicherheit, Ängsten, sozialer und politischer Erregung. Die mobilste Gruppe der böhmischen Gesellschaft blieben die Juden. Die in Böhmen geführte nationalistische Politik der Tschechen stereotypisierte aufs Neue die Juden als Ausbeuter des tschechischen Volkes. Der Chauvinismus der Tschechen und Deutschen war weit mehr als ein politisches Denksystem. Es schien, als projizierte die nicht jüdische Gesellschaft alle ihre Schuldgefühle auf die Juden, die man permanent der nationalen Doppelzüngigkeit, der Lüge, des Verrats bezichtigte. "Denn die Phänomene der nationalen Bekenntniswechsel, der Fluktuation des Bewußtseins waren ja bei Tschechen und Deutschen gleichermaßen zu finden; Tschechen schickten ihre Kinder gleichfalls in deutsche Schulen, jährlich germanisierten sich Tausende von Tschechen [...], und umgekehrt bot die wachsende tschechische Wirtschaft und Kultur ambitionierten Deutschböhmen verlockende Aufstiegswege. Aber für den Sündenbock dieser kollektiven nationalen Unmoral blieb der verschärfte Zwang zur Maskierung ohne Ende; überall lauerte Argwohn gegen die wahre Identität des zuwandernden oder gesellschaftlich aufsteigenden Juden"(5), wie Stölzl in seiner Publikation Kafkas böses Böhmen feststellt.

Max Brod wurde als österreichischer Staatsbürger jüdischer Herkunft in der Mitte Europas, in dem vorwiegend von Tschechen bewohnten und von Mythen umrankten Prag, am 27. Mai 1884 geboren. Die Vorfahren Brods hatten karg gelebt. Erst die Generation seiner Eltern musste die vielen Beschränkungen des Lebens der Juden wenigstens in rechtlicher Hinsicht (Freizügigkeit, Berufszulassung, Familiengründung) nicht mehr erdulden. Die Kindheit hat Max Brod im Meer der Ruhe als glücklich und geschützt bezeichnet, obwohl er gesundheitliche Probleme gehabt hatte. Während er an der Kyphose litt, erfuhr er von der Seite der Eltern und besonders der Mutter Zuwendung und Liebe. In den Jahren 1902-1907 studierte er Rechtswissenschaften an der Universität in Prag. 1907 bekam er die Promotion zum Doktor juris utrisque (staatliches und kirchliches Recht), in diesem Jahr publizierte er auch seine erste Novelle Die Insel Karina. 1908 schrieb Max Brod seinen ersten Roman Schloß Nornepygge. Der Roman des Indifferenten.

Sein Leben in Prag war die ganze Zeit von den politischen und sozialen Umständen dieser Stadt beeinflusst. Wie schon erwähnt wurde, gab es in Österreich ein Jahr vor Geburt Max Brods eine große antiliberale Tendenzwelle.

Für Brod, den freien Bürger, war das über ihn hereinbrechende Schicksal tragisch, weil er, wie die größte Zahl der mittel- und osteuropäischen Juden auch, ein positives Verhältnis zur deutschen Nation, vor allem aber zur deutschen Kultur, hatte. "Ich fühle mich nicht als Angehöriger des deutschen Volkes, doch bin ich ein Freund des Deutschtums und außerdem durch Sprache und Erziehung, durch vieles von dem, was die Soziologie mit Schallmayer Traditionswerte im Gegensatz zu Generationswerte (Erbwerte) nennt, dem Deutschtum kulturverwandt. Ich bin ein Freund des Tschechentums und im wesentlichen (mit den folgenden Einschränkungen) dem Tschechentum kulturfremd. [...] Sprache, Erziehung, Lektüre, Kultur haben mich zum dankbaren Freunde des deutschen Volkes gemacht, nicht zum Deutschen ... Gegen diese Einsicht spricht nicht, daß sie sich erst allmählich, mit zunehmender Reife in mir entwickeln hat" - schrieb Max Brod in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1918 mit dem Titel Juden, Deutsche, Tschechen. Eine menschlich-politische Betrachtung. Vierzig Jahre später hat er in seiner Autobiographie Streitbares Leben folgendermaßen die frühere Zeit beurteilt: "Für mich persönlich ergab sich aus der Revolutionierung, die ich damals durchmachte, zweierlei: mein Verhältnis zum Deutschtum definierte ich als Kulturverbundenheit, dann aufs vertraulichste und entschiedenste war ich in deutscher Kultur erzogen worden, das bedeutete aber von nun an nicht mehr, daß ich mich dem deutschen Volk in eins zu verschmelzen hoffen durfte. Schmerzlicher Abschied, der mich durchtobte."(6)

Für sein Verhältnis zu den Deutschen erfand er einen spezifischen Begriff, nämlich den Ausdruck die Distanzliebe. Er erschien zuerst in dem Roman Die Frau, die nicht enttäuscht aus dem Jahre 1933. In seiner Biographie schrieb er weiter: "Mit diesem dialektischen, in sich Widerspruch und fruchtbare Spannung bergenden Terminus meinte ich, daß ich das Deutschtum, das deutsche Wesen liebte, doch mir zugleich einer gewissen Distanz von ihm bewußt war, die mir beispielsweise verbot, fessellos scharfzüngige Kritik in der Art Tucholskys zu üben. Meine Kritik musste von zurückhaltender, ernsthafterer Art sein. Diese meine diffizile, nach Kräften konsequent festgehaltene Einstellung hat mir sehr viel Feindschaft zugezogen, und zwar von deutscher wie von jüdischer Seite ... Ich blieb meiner Überzeugung, dass die Distanzen und Unterschiede der Völker, wenn sie an der Oberfläche unserer menschlichen Beziehung nur recht offen und klar ausgesprochen würden, eine desto innigere menschliche Gemeinschaft im Kern, in den allerwesentlichsten Zusammenhängen stiften würden. Diese neue Art dialektischen Zusammenhangs nannte ich eben Distanzliebe; ihr erhofftes Endresultat sollte ein alle Menschen umfassender Bund sein, der die Verschiedenheit der Völker nicht verschleiern, aber in verstehender Liebe überbrücken sollte und den ich Nationalhumanismus nannte."(7)

Gefährlicher noch als der immer schmäler werdende Boden für die freie ökonomische Existenz waren die Barrieren, die durch den etablierten Antisemitismus den jüdischen Akademikern gelegt wurden. Die Wünsche der meisten Aufsteiger bei Tschechen wie bei Deutschen und Juden zielten fast nicht mehr auf Positionen der freien Wirtschaft, sondern auf die akademischen, staatlichen, die "sicheren" Berufe. "Es wurde den Juden nicht schwer gemacht, in den Staatsdienst einzutreten. Man ließ sie nur nicht gerne zu weit vorrücken. Es galt der Grundsatz, dass ein Jude, um einen bestimmten Rang zu erreichen, ungefähr das Doppelte leisten müsse wie ein Christ."(8) - berichtet Stölzl. Brod verzeichnet die "oft enttäuschten Hoffnungen auf passende Stellungen"(9). Der Verein jüdischer Privatbeamter, dem auch Brods Freund Kafka angehörte, klagte 1910, dass der überwiegende Teil arischer Firmen nur Nichtjuden akzeptiert. Der Hintergrund dieses Krieges lag in dem erbitterten Konkurrenzkampf, mit dem sich Deutsche und Tschechen auf dem Markt der qualifizierten Berufe auseinander setzten. Max Brod arbeitete nach dem Jurastudium als ein Postbeamter in Prag. Zugleich engagierte er sich sehr in die Tätigkeit der jüdischen Organisationen.

Sein jüdisches Bewusstsein wurde schrittweise durch drei Faktoren gebildet. Den wahren Begriff des jüdischen ethnischen Kerns hat er in einer ostjüdischen Schauspielertruppe in dem kleinen "Cafe Savoy" entdeckt. Es hat ihn erschreckt, abgestoßen aber zugleich auch magisch angezogen. Einen anderen Einfluss hatten auf Max Brod die Vorträge Martin Bubers. In seiner Autobiographie Streitbares Leben erinnert sich Max Brod an folgendes, was er besonders von den Reden Bubers im Gedächtnis behielt: "Buber stellte in seiner ersten Rede über das Judentum die Frage auf eine andere Grundlage: Welchen Sinn hat es, dass wir uns Juden nennen? Was bedeutet es in jedem einzelnen Leben, in dem inneren Recht und Wesen jedes Lebens, dass wir Juden sind? [...] Was ist die Wirklichkeit des Judentums in jedem einzelnen? Wozu verpflichtet sie uns, nicht in äußerem Zwange, sondern in der Notwendigkeit der Erfüllung unseres inneren Sinnes, die zu werden, die wir sind? Buber hatte schon 1904 die Erkenntnis geäußert, dass die wahre Judenfrage eine innere und individuelle ist, nämlich die Stellungnahme eines jeden einzelnen Juden zu der ererbten Wesensbesonderheit, die er in sich vorfindet, zu einem inneren Judentum, und daß dieses allein das Volk statuiert."(10) Drei Reden über das Judentum hat Buber 1909 in Prag im Kreise des Studentenvereins Bar-Kochba gehalten. Brod hat sie "als Gast und Opponent" gehört. Um die Reden Bubers zu verstehen, musste man schon eine gewisse Erfahrung auf dem konfessionellen Gebiet haben. Brod hatte fast keine, aber er hatte sich ein bisschen für diese Problematik schon als Student interessiert und erst der Besuch bei seinem Freund Hugo Bergmann war der Beginn seiner neuen Faszination. Dort, in der Wohnung Hugo Bergmanns hat er zum ersten Mal das Bild Theodor Herzls gesehen und erfahren, wer Theodor Herzl war - der Begründer des Zionismus.

"Ich lieh mir von ihm (Hugo Bergmann - A.S.) Bücher jüdischen Inhalts aus, darunter auch Herzls formal ziemlich mittelmäßigen Roman Alt-Neuland, aus dem aber dennoch eine hochsinnige und umwälzende Denkart sprach, ein Neubeginn jüdischen Bewußtwerdens. Konzentration, Heimat als Postulate - genauso wie bei anderen normalen Völkern. Eigentlich nichts als das, was die Natur befiehlt."(11)

Im Leben Brods erschienen immer mehr Fragen, die ihn mit der Zeit überfluteten. Seine Überzeugung von der jüdischen Identität wurde dadurch immer stärker. "Von den drei Völkern, die in Prag wohnten - Deutsche, Tschechen, Juden -, war es das drittgenannte, zu dem ich gehörte."(12) Seine inneren Überzeugungen spiegelten sich in seiner Dichtung wider.

Der Ausgangspunkt seiner Entwicklung lag in dem im Jahre 1908 erschienenen Roman Schloß Nornepygge. Seit dieser Zeit begann Brods Hinwendung zum Thema: jüdisches Volk, jüdischer Glaube, jüdische Identität. Das war auch der Anfang seiner Entscheidung zum Judentum und Zionismus. Brod hat in den folgenden Jahren in drei Formen über das Judentum geschrieben: in schriftstellerischen Werken, in allgemeinen religionsphilosophischen Abhandlungen und in politischen Aufsätzen. Schloß Nornepygge wurde als revolutionärer Roman der neuen Avantgarde begrüßt. Einen sehr großen Einfluss auf Max Brod hatte damals die Philosophie Schopenhauers. Schopenhauer hatte das Problem der Freiheit in der Konsequenz seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung ausführlich in der Abhandlung Über die Freiheit des Willens dargelegt. Brods Interpretation Schopenhauers beruht auf der Annahme, dass die Freiheit der Wahl - etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen - gar nicht existiert. Menschliches Handeln ist der strengsten Notwendigkeit unterworfen und die Menschen sind für ihr Handeln nicht verantwortlich. Schopenhauer verlagert die Verantwortung von der Wahl des Handelns in das Gefühl des Handelnden. Claus-Ekkehard Bärsch meint: "Die Judenreligion ist für Schopenhauer die "roheste' aller Religionen", weil sie die einzige ist, die durchaus keine Unsterblichkeitslehre noch irgendeine Spur davon hat. Letztlich folgt diese Beurteilung aus Schopenhauers Metaphysik des Willens. Insofern nach dieser alles Wille ist, als Weltbejahung oder Weltverneinung in der Negation des Willens, fehlt nach Schopenhauer der jüdischen Religion die Verneinung des Willens zum Leben. [...] Schopenhauer expliziert eine ganze Reihe antisemitischer Stereotypen, vor allem aber die Schuld der Juden an der Kreuzigung Jesu. [... Er] war aber kein strikter Rassist."(13) Und der junge Max Brod war der eifrige Apologet der Philosophie Schopenhauers.

Wenn man vom Atijudaismus Schopenhauers absieht, bietet Schopenhauers Lehre von der Notwendigkeit allen Geschehens eine Möglichkeit, den Konflikten von Selbst- und Fremdbestimmung auszuweichen. Alles, was geschieht, und alles, was Menschen denken, ist gleichgültig, wenn der Satz stimmt: "Quidquid fit, necessario fit"(14) - Was auch immer geschieht, geschieht notwendig. Brod als Anhänger der Philosophie Schopenhauers brauchte sich um den Konflikt zwischen Identität und Angleichung als Vertreter des Indifferentismus nicht zu kümmern. Angleichung ist dann gleichgültig (indifferent), wenn alles, was der Mensch tut, aus dem folgt, was er schon immer war und ist.

"Daraus folgte für mich ein Allverzeihn, das in einem müden Fatalismus ohne Möglichkeit ethischer Wertung auslief. Ich mußte erst im Verfolg dieses obersten Satzes meinen Indifferentismus (am krassesten in dem mißglückten Roman Schloß Nornepygge) ausbauen, ehe ich meine Irrlehre und mit ihr auch den Irrweg Schopenhauers durchschaute und abschüttelte"(15) - meint Brod in seinen Erinnerungen in Streitbares Leben. Am Schluss des Romans Schloß Nornepygge lässt Brod den Protagonisten Nornepygge Schopenhauers ganze Lehre von der Weltbejahung und der Weltverneinung durchbrechen. Denn Nornepygge wählt den Freitod. Nicht nur deswegen, weil dieser Akt ein Beweis für die Wahlfreiheit des Menschen ist. Wir können uns die Frage stellen, inwieweit Brod, indem er den Indifferentismus nachher verneinte, auch Schopenhauers Bestimmung des Judentums und sein eigenes Vorurteil über Juden abschütteln wollte.

Der deutsch-jüdische Denker Kurt Hiller stellte fest, dass der Protagonist Walder Nornepygge schon ein bestimmtes Bewusstsein vom Judentum repräsentiert. In der Gegenüberstellung der zwei Gestalten Nornepygge und Oironet sieht Hiller den Kontrast von Judaismus und Ariertum. Folgt man den Feststellungen Hillers, dann sieht man auch, dass Max Brod nicht allein den Indifferentismus, sondern auch ein bestimmtes Bewusstsein vom Judentum überwunden hat.

"Mit dem Freitod Nornepygges endete die Beziehungsfalle zwischen der Scylla des Fatalismus der Ghetto-Existenz und der Charybdis der Aktivität der Emanzipationen. Von nun an war es Brod nicht mehr gleichgültig, ob er Jude war oder nicht. Darüber hinaus ist auffällig, daß Brod in seinem späteren literarischen Werk ganz bewußt entschlossene, selbstbewußte, aktive Jüdinnen und Juden gestaltet hat"(16) - stellt Bärsch fest. Hugo Bergmann sah viele Jahre später in der Philosophie des Indifferentismus, wie sie Walder Nornepygge vertritt, den Ausdruck der Ohnmacht der jungen Prager Intellektuellen, bevor sich ihnen der Weg zum zionistischen Engagement öffnete.

In dem späteren Roman Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden (1912) wird die Geschichte eines jungen Intellektuellen dargestellt, der den ethischen Indifferentismus des Ästhetizismus dadurch überwindet, dass er seinen eigenen jüdischen Ursprung wiederentdeckt. Der Roman gehörte schon zum Werk des zionistisch engagierten Brod. Leo Hermann erkannte - in einem Artikel der Selbstwehr - in Arnold Beer sogleich das Beispiel des Prager Juden, der im Bewusstsein der eigenen nationalen Herkunft auch die Kraft der Liebe und mit ihr zugleich eine neue, positive Beziehung zum Menschen wiederentdeckt. Arnold Beer repräsentiert den Typus des assimilierten, hochbegabten, sich in Vielgeschäftigkeit verlierenden und unentschlossenen Juden. Es ist wichtig zu bemerken, dass das Modell für die im Roman beschriebene Großmutter, die Großmutter von Max Brod stand. Der Weg zur Großmutter im Roman symbolisiert den Weg zu den Vorfahren und damit zu den Wurzeln. Die Frage ist: Wer bin ich und wer sind wir, wo kommen wir her? Und dadurch nähert er sich an den Zionismus, der die Frage zu beantworten versucht: Wo gehen wir hin?

Das Thema des Judentums behandelte Brod literarisch ganz ernst zum ersten Mal in dem 1911 erschienen Roman Jüdinnen, die jüdischen Positionen, orthodoxe oder zionistische, stehen jedoch nicht im Zentrum der Problematik. Der Plural Jüdinnen besteht zu Recht als Titel. Brod geht es um die unterschiedlichen Alltagsverhalten verschiedener Menschen und nicht um das Wesen der Juden selbst. In einem Artikel aber von Leo Hermann, der im Mai 1911 in der Selbstwehr erschienen ist, wurde Brod vorgeworfen, dass er die Problematik der Assimilation nur vom Stadtpunkt der jüdischen Welt aus dargestellt hat. Weil im Roman die Darstellung der christlichen Welt fehlt, kann der Leser nicht verstehen, wie die Gründe für den Konflikt sind, die die Entstehung der zionistischen Bewegung rechtfertigen. Solcher Meinung war auch der Freund von Max Brod Franz Kafka, der glaubte, dass die Zionisten selbst daran interessiert sind, den Gegensatz zwischen den Juden und den Christen hervorzuheben. Brod antwortete darauf: "Ich habe es nirgends unternommen, den Typus des Juden oder der Jüdin zu schildern, weil ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegensätze dem Judentum sehr wesentlich zu sein und ich habe dementsprechend meine Aufgabe darin gesehen, zunächst für kleinere Typen von Gruppen einen Typ zu bilden."(17)

Brod zählte zu den bedeutendsten Figuren in der zionistischen Bewegung und erschien so als der Begründer einer jüdischen Avantgarde, die den Zionismus Bubers radikalisierte. Der böhmische Zionismus war in den Jahren der bürgerlichen Zeit aufgeblüht. Seit 1907 erschien in Prag die zionistische Zeitschrift Selbstwehr. Sie predigte den assimilierten Juden den radikalen Rückzug aus dem Deutschtum und Tschechentum auf eine neutrale Position, verlangte dafür die staatliche Anerkennung der Juden als dritte böhmische Nationalität und eine Minderheitengesetzgebung. Am schärfsten polemisierte die Selbstwehr gegen die, wie sie meinte, charakterlose Anpassung des assimilierten jüdischen Bürgertums an die Bedingungen einer antisemitischen Epoche. Das Klima zwischen Tschechen und Juden wurde bald sehr schlecht. Schon der pro-russische Rausch der Tschechen im Sommer 1914 mit ihrer Hoffnung, alsbald vom großen slavischen Bruder befreit zu werden, zeitigte eine wachsende Entfremdung auch der endgültig tschechisch assimilierten Juden. Die Juden fürchteten einen russischen Sieg mit gutem Grund; für sie war das Zarenreich jenes Land, wo der Pogrom als Mittel der Innenpolitik diente, das Land der Ausnahmegesetze und Ghettos. Die zionistische Selbstwehr forderte im April 1916 ihre Leser ultimativ auch zu großzügiger Zeichnung der österreichischen Kriegsanleihe auf, sprach dabei von grenzenloser Hingabe an die großen Ziele des Krieges, in welchem für die Juden so viel auf dem Spiel steht. "Daß ausgerechnet Masaryk im Sommer 1914 das Land verlassen und offen gegen die Monarchie Stellung bezogen hatte, war für alle böhmischen Juden ein schwerer Schock gewesen. Denn die multinationale Monarchie war für die österreichischen Juden letztlich der instinktiv gefühlte notwendige Lebensraum"(18) - berichtet Stölzl.

Es soll berücksichtigt werden, dass die zionistische Aktivität nach Beginn des Weltkrieges fast zusammengebrochen war. Max Brod trat aber in das zionistische Distriktkomitee ein. Gegen Ende des Krieges griff er in die Kämpfe und Auseinandersetzungen programmatischer Art ein. Der Dichter wurde in die Fraktionskämpfe zwischen deutsch-österreichischen und böhmisch-mährischen Zionisten verwickelt. Er stellte die Verbindung mit den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden tschechischen und slowakischen Politikern her. Am 22.10.1918 wurde der jüdische Nationalrat in Prag gegründet. Max Brod wurde Vize-Präsident, womit seine führende Funktion als zionistischer Politiker Anerkennung fand. In den folgenden Monaten wurde ein Memorandum über die Anerkennung der Juden als Nation, der Status der Kultusgemeinde, die Einrichtung jüdischer Schulen und die kulturelle Autonomie ausgearbeitet.

Aufgrund der Ereignisse des Ersten Weltkrieges fühlte sich Brod gezwungen seine schon vor dem Krieg metaphysisch und ethisch motivierte Existenzinterpretation auszuarbeiten, welche in der Lehre vom edlen und unedlen Unglück(19) ihren vorläufigen, aber entschiedenen Abschluss findet. Brod unterscheidet zwei voneinander abweichende Bereiche des Seins. In einem Bereich vermag der Mensch nichts zu verändern. Hier ist Unglück, weil Veränderung nicht möglich ist, edel. Weil aber in bestimmten Bereichen Veränderungen durch menschliches Tun grundsätzlich möglich sind, ist dort Unglück unedel.

Die in der zweibändigen, 1921 erschienenen Monographie Brods Heidentum, Christentum, Judentum dargestellten Probleme bleiben bis zu seinem Tod sein Konfliktpotenzial.

Am 31.12.1919 wurde Brod als Vertreter der jüdischen Nationalität von Thomas Masaryk empfangen. In der am 29.02.1920 verkündeten Verfassung des Vielvölkerstaates der tschechoslowakischen Republik wurde die Anerkennung der Juden als Nation rechtlich verankert. Das ist ein entscheidender Moment in der Geschichte der jüdischen Diaspora, "weil damit im Gegensatz zur Emanzipation des 18. und 19. Jahrhunderts (Dem Volke nichts, dem einzelnen alles) sowohl demokratisch-individuelle als auch national-kollektive Rechte in Übereinstimmung gebracht wurden"(20) - wie es Claus-Ekkehard Bärsch ausdrückt. Mit der Möglichkeit zum Bekenntnis einer jüdischen Nationalität, welche die tschechoslowakische Verfassung eröffnete, gelang Masaryk dann endlich die Neutralisierung der jüdischen Problematik im Nationalitätenstaat. In den antisemitischen Krisenjahren zwischen 1918 und 1920 wanderten etwa viertausend Juden aus der C SR nach Palästina aus. Von da an bis zum deutschen Überfall im Jahre 1939 waren es nur noch knapp sechs Tausend.

Max Brod, der zu dieser Zeit an einer seelischen Krise litt, was man den Tagebüchern Kafkas und dem Briefwechsel mit Kafka entnehmen kann, wurde nicht gewählt und zog sich langsam aus der Politik zurück. In Prag lebte er bis 1939. Am 15. März 1939 verließ Max Brod Prag mit dem letzten Zug, der aus dem unbesetzten Prag in das noch freie Polen fuhr.

Aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tode sind nur wenige Daten über Brods Leben bekannt. Ausführlich berichtet Brod in seiner Autobiographie nach 1920 nur noch über die Flucht aus Prag und die Empfindungen der ersten Zeit in Erez Israel. 1924 hat er mit der Arbeit in der Postdirektion aufgehört und die Position als Kunstkritiker im Pressedepartament der tschechoslowakischen Republik erhalten. Ab 1929 war er freier Literatur- und Kunsthistoriker bei dem berühmten Prager Blatt und übte diese Tätigkeit bis 1939 aus. Als Max Brod am 20.12.1968 in Tel-Aviv starb, hatte er zwar Das gelobte Land - so der Titel eines Gedichtbandes aus dem Jahre 1919 - als Ziel seiner politischen Wünsche erreicht, aber Prag konnte und wollte er aus seiner Erinnerung nicht tilgen. Von Anfang an war Prag der zentrale Topos seiner Dichtung, in der wörtlichen und übertragenen Bedeutung. Nachdem Max Brod Prag mit seiner Frau verlassen hatte, begann er das neue Leben in Palästina, wo er eine Stelle als Dramaturg am Staatstheater Habimah in Tel Aviv und Musikkritiker der Zeitung Jedioth Chadashoth erhielt. 1948 erhielt er den Bialikpreis der Stadt Tel Aviv für den Roman Galilei in Gefangenschaft. Im Jahre 1948 hat er wieder Reisen nach Europa unternommen.

Brods Leben und Werk ist zwar nicht nur, aber doch entscheidend, von seiner Suche nach jüdischer Identität geprägt. Die Antworten, die Brod bei seiner Suche fand, sind selbstverständlich seine spezifisch eigenen, müssen aber vor dem Hintergrund der allgemeinen Situation seiner Zeit und seines Wohnortes gesehen werden, vor dem Hintergrund der Verkettung von jüdischer Emanzipation, Assimilation und Antisemitismus.

© Agata Starowicz (Kraków, Polen)


ANMERKUNGEN

(1) Tharoor, Shashi: Ihre Helden sind nicht meine Helden. Ohne Identität kann es keine Entwicklung geben. Was die Literatur der Globalisierung entgegenhalten muss. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. 09. 2003, Nr. 216, S. 42.

(2) Stölzl, Christoph: Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden: edition text+kritik GmbH, München 1975, S. 45.

(3) Vgl. Bärsch, Claus-Ekkehard: Max Brod im Kampf um das Judentum: Passagen Verlag, Wien 1992, S. 96.

(4) Stölzl, Christoph: Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden: edition text+kritik GmbH, München 1975, S. 50.

(5) Ebd.S. 59.

(6) Brod, Max: Streitbares Leben: Insel Verlag, Frankfurt am Main 1979, S. 52.

(7) Ebd.

(8) Stölzl, Christoph: Kafkas böses Böhmen, a.a.O., S. 77.

(9) Ebd.

(10) Brod, Max: Streitbares Leben,a.a.O., S. 48.

(11) Ebd. S. 49.

(12) Ebd. S. 50.

(13) Bärsch, Claus- Ekkehard, a.a.O., S. 98.

(14) Brod, Max: Schloß Nornepygge: Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1918, S. 104

(15) Brod, Max: Streitbares Leben, a.a.O., S. 160.

(16) Bärsch, Claus- Ekkehard: Max Brod im Kampf um das Judentum, a.a.O., S. 101.

(17) Max Brod zitiert nach ebd., S. 107.

(18) Stölzl, Christoph: Kafkas böses Böhmen, a.a.O., , S. 93.

(19) Claus-Ekkehard Bärsch erklärt: "In der Lehre vom edlen und unedlen Unglück wird das Sein in zwei Bereiche unterteilt. In dem einen unterliegt der Mensch der Notwendigkeit. Weil in diesem Segment durch menschliche Tat nichts verändert werden kann, ist es der Bereich des edlen Unglücks. Weil in dem anderen Bereich Veränderungen durch menschliches Tun möglich sind, ist hier das Unglück unedel. [...] Nach jüdischer Auffassung sei der Mensch Geschöpf und Schöpfer zugleich". Die Anerkennung oder Nichtanerkennung beider Bereiche ist nach Brod eine Haltung der Seele: Das Judentum ist die Grundhaltung der Seele, die beide Bereiche anerkennt, edles uns unedles Unglück". In: Bärsch, Claus-Ekkehard: Max Brod im Kampf um das Judentum, a.a.O., S 113.

(20) Ebd., S 57.


3.5. Wechselbeziehungen zwischen der jüdischen, der slawischen und der deutschen Kultur

Sektionsgruppen | Section Groups | Groupes de sections


TRANS       Inhalt | Table of Contents | Contenu  15 Nr.


For quotation purposes:
Agata Starowicz (Kraków, Polen): Multikulturelle Stadt als Quelle der Identitätsschwierigkeit - Max Brod in Prag. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/03_5/starowicz15.htm

Webmeister: Peter R. Horn     last change: 20.4.2004    INST