Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. September 2004
 

4.10. Kultur und Sozium und Kultur. Probleme der Globalisierung
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Mikhail Blumenkrantz (Charkow)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Zeit der Antigeschichte.
Das Weltbild: Wiederholungsaufnahme Nr. 2003

Mikhail Blumenkrantz (Charkow)
[BIO]

 

Wenn Historiker von "Übergangsepochen" reden, so entsteht unwillkürlich eine Frage: Welche Epoche ist nicht "übergänglich"? Die Geschichte ist eine seismisch gefährliche Zone, in der jeder Punkt in Zeit und Raum einen Übergangspunkt darstellt; dieser ist beweglich, und in Grunde genommen ist er immer ein Grenzpunkt.

In der Rückschau kann man über mehr oder weniger stabile Epochen reden, aber man darf nicht vergessen, dass Pulverfässer während solchen, auf ersten Blick ruhigen, Epochen gefüllt werden, lange vor einer nächsten Explosion. Im Prinzip kann jede Epoche als eine Übergangsepoche betrachtet werden, alles hängt von dem Ausgangspunkt des Forschers ab.

Der christlichen Ansicht nach sieht der ganze historische Prozess überhaupt wie ein Übergangszustand aus, vom Anfangspunkt - dem Erschaffen der Welt - bis zum letzen Punkt - der Rückkehr von Jesus Christus mit dem Jüngsten Gericht. Die Geschichte ist ein grandioses Mysterienspiel im Gang, vom Sündenfall bis zur darauf folgenden Reinigung und Verklärung der gefallenen Menschheit, der Weg des Aufsteigens vom alttestamentarischen Adam zum neuen Adam.

Der unzertrennliche geschichtliche Zusammenhang der Zeiten lässt sich in mehreren mittelalterlichen Chroniken zurückverfolgen. Wie Romano Guardini konstatiert: "[Chroniken] (M. B.) fügen die noch erinnerten Ereignisse der Geschichte bis zur Gegenwart des Erzählenden in den großen Zusammenhang ein. Dadurch entsteht ein charakteristisches Gefühl von Geschehen: es wird durch klaren Anfang und entschiedenes Ende umfasst, gleichsam unter Randdruck gesetzt, und von dort her geordnet. So hat das Jetzt des Existierens einen deutlich empfundenen Ort im Ganzen der Weltzeit - um so bedeutungsvoller, als im Leben jedes Erlösten die Menschwerdung Gottes mit ihrem Verhältnis von Ewigkeit und Zeit wirksam wird, und aus der bloßen Zeitstelle des Jetzt den über die Existenz entscheidenden "Augenblick" macht".(1)

Dadurch, im Paradigma der christlichen Geschichtekultur, werden Metahistorischen Horizonte gestellt, und nur in diesem Zusammenhang erlangt sowohl die Weltgeschichte, als auch das Sein jedes einzelnen Individuums, das de - facto durch seine geschichtliche Mission sanktioniert ist, ihren Sinn.

Alles, was innerhalb der Zeit geschieht, hat seine sakrale Bedeutung und Begründung in Ewigkeit, ist darin verwurzelt. Wie ein bekannter, das Mittelalter studierender Historiker über die Weltanschauung der mittelalterlichen Menschen schreibt: "der Mensch empfindet sich, wird sich bewusst zugleich in zwei Zeitdimensionen - in der Zeit des lokalen vorübergehenden Lebens und in der Zeit allgemeinhistorischer, für das Schicksal der Welt entscheidender Ereignisse - Erschaffen der Welt, die Geburt Christi und Leiden Christi.

Das flüchtige und geringfügige Leben jedes Menschen vergeht auf dem Hintergrund vom historischen Weltdrama, wird darin eingeflochten und bekommt davon einen neuen, höheren und unvergänglichen Sinn. Diese Zweideutigkeit der Zeitfassung ist eine integrierende Eigenschaft des Bewusstseins des mittelalterlichen Menschen." (2)

Heute leben wir nicht nur in einem anderen historischen Raum, Raum der post-industriellen Gesellschaft, die über die in Menschheitsgeschichte beispiellosen Massenmedien verfügt, sondern wir erleben diese geschichtliche Zeit auch anders. In unserer säkularisierten und rationalisierten Welt ohne überhistorische Aufgaben, ohne metaphysischen Horizont, sind wir in einen anderen Zeittyp und ein anderes Paradigma geraten. Nur mechanisch verwenden wir das ehemalige Koordinatensystem weiter, identifizieren uns immer noch in dem Rahmen traditioneller Kulturwerte, ohne uns klar zu werden über die radikalen Veränderungen unseres alltäglichen Seins.

Ohne es zu bemerken, sind wir in einer neuen post-historischen Epoche gelandet. Aus der "abrahamischen Oikumene" drifteten wir in die "post-apokalyptische Oikumene". Apokalypsis bedeutet in diesem Zusammenhang eine Demarkationslinie, die letzte durch das christliche kulturelle Paradigma gegebene Grenze. Vom christlichen Standpunkt aus kann man über den Beginn der Antigeschichte reden, über eine Reise jenseits des Zauberspiegels.

Aber ist es nicht ein Paradox, dass wir über die Zeit der Postgeschichte sprechen in einer Situation, in der das Bewusstsein des heutigen Menschen mehr als je mit Informationen über allerlei große und winzige Ereignisse des Alltagslebens überlastet ist? Durch Massenmedien und Internet werden wir in ein verrücktes Kaleidoskop hineingerissen, mit Tagesnachrichten und Berichten von Ereignissen in den entferntesten Winkeln der Welt überfüttert. Wir sind im Bilde aktueller Probleme, die die Weltgemeinschaft aufregen: von den letzten gesellschaftlichen und internationalen Konflikten - und epochemachenden Entscheidungen politischer Summits bis zu einer nächstfolgenden extravaganten Ausschreitung irgendwelcher Showstars, bis zu Abschüssen von Raumschiffstationen oder letzten Börsezahlen bis hin zu neuen Erfolgen von Sex-Minderheiten im Kampf für ihre Rechte.

Im Grunde genommen leben wir in einem Informationschaos, das als historischer Kosmos zu wirken versucht. Alle diese zahllosen Ereignisse bilden für uns keine sinnvolle Reihe, und meistens berühren sie uns gar nicht. Die Welt ist für uns genauso mosaikartig und fragmentarisch, wie es auch unser Dasein in ihr ist.

Wir sind hermetisch abgekapselt in kleiner Zeit unseres Seins, in der grauen Schale des Alltags. Wir sind Monaden ohne Fenster aber ... mit Fernsehschirmen. Wir haben schon seit langem nicht mehr in der historischen Welt gelebt, aber heimlich beobachten wir sie gern.

In unserem Winkel, in kleinem Raum und kleiner Zeit, mit Hilfe der letzten Leistungen des technischen Fortschritts können wir gemütlich, ohne geringste Bemühungen und Risiko, schwindelerregende Wanderungen durch jegliche Epochen und Galaxien unternehmen.

"'Mythos' ist eine Maschine für Zeitvernichtung"(3) - so schrieb Claude Levi-Strauss. Jetzt haben wir dafür ein wirkungsvolleres Mittel. Welcher Programmsender wird uns heute Geschichte zeigen?

Die erfolgreiche Simulation des Lebens hat die genauso erfolgreiche Simulation des geschichtlichen Fortschritts ersetzt. Wir haben überhistorische Perspektiven verloren und damit auch den historischen Raum. Die Zeit, die nicht durch den Goldbestand der Ewigkeit gesichert ist, sondern in die Leere herunterfällt, erweist sich als ein Unsinn "von sinnloser Endlosigkeit". Übrigens haben wir uns in diesem Unsinn eingelebt und empfinden ihn fast als gemütlich : im kosmischen Unsinn des leeren und kalten Weltalls, im historischen Unsinn des ständigen Entstehens und Zusammenbruchs der Zivilisationen und vor allem im trostlosen Unsinn unseres alltäglichen Seines.

Die Ironie unseres Lebens besteht darin, dass sogar die Kultur - die dem Unsinn immer widerstehende Quelle - heute zu einem seiner mächtigsten Simulatoren und Leiter geworden ist. Sie befreit den Menschen völlig vom geistlichen Verantwortungsgefühl und gibt ihm dagegen die Illusion des wahren Seins. Einst richtete sie Seelen auf, jetzt verkürzt sie die mit gutem Erfolg. Die Kultur ist zu einer der gewinnbringendsten Industrien, zum königlichen Kricket des gegenwärtigen Geschäftslebens geworden.

K. S. Dowson hat die gegenwärtige Situation der Kultur ziemlich genau charakterisiert: "... die neue wissenschaftliche Kultur ist jedes positiven Inhalt beraubt. Sie ist nur eine riesige Gesamtheit von technischen Verfahren und speziellen Gebieten ohne ein führendes geistliches Ziel...Die Kultur derart ist keine Kultur in traditionellem Sinne, das heißt sie ist nicht eine Ordnung, die in sich jede Seite des menschlichen Lebens einschließt, in lebendiger geistlicher Gemeinsamkeit."

Cassirer hat den Menschen als ein "symbolisches Tier", "das Symbole schaffendes Tier" definiert(4). Aber es ist auch umgekehrt - genauso wie wir Symbole schaffen, so schaffen Symbole auch uns. Wir leben in einer Welt der symbolischen Formen. Symbol ist die Quelle für das geistige Schaffen. Ein Mythos, der im Frühling der menschlichen Geschichte geboren ist, ist auch ein Symbol. Das Symbol wird für uns zum Verfahren, das Geheimnis zu berühren. Durch das Erleben von geistigen und kulturellen Symbolen erlangt der Mensch die geistige Synthesis, er überwindet die blinde Tragik von seiner schnell vergehenden Existenz und eröffnet ihr sein tief im Inneren seiner Seele verborgenes Mitbeteiligt sein mit der lebendigen Unendlichkeit des Weltalls.

Zusammen mit dem Verlust der metaphysischen Dimension hat unser Bewusstsein auch die unendliche Vielfältigkeit symbolischer Formen verloren, worin der Mensch aus dem mittelalterlichen Europa sich und die ihn umgehende Welt fasste. Die durch die christliche Kultur erschaffene Verbindung der menschlichen Existenz mit dem Absoluten wurde annulliert.

Der begonnene Prozess der Säkularisation des Bewusstseins hat allmählich dazu geführt, dass Kultursymbole sich in Kulturemblematik verwandelten. Ein Emblem ist in Grunde genommen ein inhaltsloses Symbol, das nur zum Schein die symbolische Form beinhaltet. Aber zum Unterschied vom wahren Symbol hat es die schaffende Vieldeutigkeit der Sinne und die Fähigkeit, die Innerwelt einer Persönlichkeit mit den Urgründen der Existenz zu korrelieren, verloren. In der Tat ist das Simulacrasystem - Jean Baudrillards Meinung nach die Besonderheit der gegenwärtigen Kultur.

Die Geschichte wird aus sich selbst definiert, selbstgenügsam, sie verschwindet spurlos in endlosen Patiencen von historiosophischen Konzeptionen, die umsonst ihren verborgenen Sinn in der Reihe von einander abwechselnden Ereignissen zu erraten streben. Die Ideen von Evolution und Fortschritt, von Zyklizität, Spiralbewegung, Pendelschwingungen usw. gehen davon aus, dass die Geschichte ihren eigenen Sinn immanent in sich selbst trägt. Die Sinne vermehren sich, und das Empfinden von Geschichte wird immer absurder.

Die im XX. Jahrhundert hervorgetretene anthropologische Katastrophe - noch nie gesehene Massenvernichtungen von Menschen, Schaffen von riesenhaften Todesfabriken - sind zu furchtbarem Zeugnis des grandiosen kulturellen Durchfalls der gegenwärtigen Zivilisation geworden.

Die totalitären Regime haben den, nach der geschichtlichen Existenz und den geschichtlichen Maßstäben hungernden Menschen die Täuschung der geschichtlichen Perspektive angeboten.

Sie simulierten eine metahistorische Dimension der Geschichte, kippten die religiöse Vertikale auf die ideologische Horizontale der historischen Werte um. Das Resultat war, dass diese Werte eine sakrale Füllung erhielten, die imstande war, den religiösen Impuls hervorzurufen. Jedoch findet dieser Impuls seine Verwirklichung nicht in der religiösen Symbolik, sondern in der Ideologischen Emblematik. Die Kunst der Unterschiebung des religiösen Symbols durch ein ideologisches Emblem ist eines der Instrumente der Machttechnologie der totalitären Systeme.

Als geistige Phänomene sind die Kategorien der geschichtlichen Zeit und der Ewigkeit keine Antithesen, sie sind innerlich verknüpft und miteinander verbunden. Die Ewigkeit wird dem Menschen durch die Geschichte eröffnet. Der Mensch trägt diese zweideutige Grundlage ursprünglich in sich selbst. Keine dieser Dimensionen kann man amputieren, ohne damit die menschliche Natur zu verletzen.

Wie die historische Erfahrung gezeigt hat, verurteilt solche Amputation die Menschheit zur Existenz in Raum und Zeit der Anti-Geschichte, was die geistlichen Quelle des Lebens zum austrocknen bringt.

© Mikhail Blumenkrantz (Charkow)


ANMERKUNGEN

(1) R.Guardini. Das Ende der Neuzeit, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1986, S.23

(2) A.Ja.Gurewitsch. Kategorien der mittelalterliche Kultur. Ì., Iskusstwo, 1984, S. 153

(3) C.Levi-Strauss. Strukturale Anthropologie. Ì., Nauka, 1983, S. 189

(4) E.Cassirer. Versuch über den Menschen. Einführung in die Philosophie der menschlichen Kultur. Aus dem Buch "Auswahlband, Versuch über den Menschen". Ì., Grafika, 1998, S. 471


4.10. Kultur und Sozium und Kultur. Probleme der Globalisierung

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Mikhail Blumenkrantz (Charkow): Zeit der Antigeschichte. Das Weltbild: Wiederholungsaufnahme Nr. 2003. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/04_10/blumenkrantz15.htm

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