Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. September 2004
 

6.4. Transkulturelle Kompetenz in der Umwelt- und Entwicklungskommunikation
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Ernest W.B. Hess-Lüttich (Bern)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


Umwelt begreifen. Transdisziplinäre Umweltkommunikation im Feld

Dieter D. Genske (egs-Umweltnetzwerk Bern, www.egs-net.ch)

 

Abriss

Wie werden Umweltprobleme am besten bewusst gemacht und durch Begreifen auf den Begriff gebracht? Diese Frage beschäftigt nicht nur Experten, nicht nur Politik und Pädagogik. Auch internationale Organisationen wie Greenpeace nutzen modernste Kommunikationsmittel professionell, um auf Umweltsünden aufmerksam zu machen. Deren Gegner nutzen sie nicht weniger professionell, um Umweltvergehen zu kaschieren. Die wissenschaftlichen Details der Debatte überfordern nicht nur manchen 'normalen' Bürger, sondern auch viele Entscheidungsträger, die kaum mehr die hochkomplexen Zusammenhänge durchschauen können, die Umweltkonflikten zugrunde liegen. In Entwicklungsländern verschärft sich die Situation insofern, weil es dort oft nicht nur um die Kommunikations- und Bildungsinstrumente schlecht bestellt ist, sondern weil ein Umweltbewusstsein vielfach entweder nicht entwickelt ist oder nicht zur Entfaltung kommen kann.

Vor diesem Hintergrund stellt nun das Referat eine Initiative vor, die Umweltaufklärung in transdisziplinären und interkulturellen Kontexten veranschaulicht. Ein Versuch wird unternommen, die semiotische Dimension bewusster Umwelterfahrung auszumessen, um daraus ihr Potential für die Entwicklung einer öko-semiotischen Kompetenz (Trampe 2004) abzuleiten. Exkursionen des Berner Umweltnetzwerks, an denen sich Interessierte wie Betroffene beteiligen, führen an Orte, an denen die Gefährdung der Umwelt unmittelbar akut ist. Sie wird begreifbar durch Gespräche mit den Betroffenen, dem raumzeitlichen Erleben gefährdeter Natur und der Diskussion von Hilfsmaßnahmen. Anhand eines konkreten Projektes sollen Akteure und Strategien vorgestellt, Kommunikationskanäle untersucht und die sich daraus entwickelnde Kommunikationsdynamik diskutiert werden.

 

Exkurs

In Jean Gionos Erzählung L'homme qui plantait des arbres wird das Leben des Einsiedlers Elzéard Bouffier beschrieben, der im letzten Jahrhundert in den französischen Kalkalpen zwischen Grenoble und Marseille lebte. Das einst natürliche Hochland war durch Jahrhunderte der Rodung, Köhlerei und landwirtschaftlicher Übernutzung zu einer kargen, unwirtlichen Wüste geworden, verlassen von Mensch und Tier, der Erosion preisgegeben. Unter dem Eindruck der trostlosen Höhen fasste Bouffier einen überraschenden Entschluss: fortan wollte er sein Leben der Aufgabe widmen, hier Bäume zu pflanzen.

Bouffiers unkonventionelle Strategie nahm das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung vorweg, lange bevor der Erdgipfel von Rio es 1992 als Leitmotiv einer ressourcenbewussten Zukunftsplanung formulierte. Bouffier war seinerzeit erfolgreich: seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu danken, das heute die Hänge wieder bewaldet sind, Bäche wieder fliessen, Artenvielfalt und Lebenslust zurückgekehrt sind, das ökologische Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Schließlich war es eine Exkursion in den von Elzéard Bouffier über Jahrzehnte erschaffenen Bergwald, die die teilnehmenden französischen Regierungsvertreter bewog, beeindruckt von der "Natürlichkeit" des Waldes und der wieder aufgelebten Biodiversität, hier ein Naturschutzgebiet einzurichten.

 

Wissenschaft als Apparatur

Was nun genau hat die Regierungsdelegation bewogen, für ein ökologisches Sanierungsprojekt eine Entscheidung von solcher Tragweite zu treffen? Horst Rumpf gibt in seinem Beitrag "Erstickt das Wissen an sich selbst?" (Rumpf 2003: 552) einen ersten Hinweis, indem er sich auf Martin Wagenschein beruft, der bereits 1959 zum Problem der Wissenserfahrung an Gymnasien reflektiert: "Wie sollte es sein? - So, wie beim Suchen von Versteinerungen, von Kristallen. Man geht langsam im Steinbruch umher - nicht im Museum - und plötzlich blitzt etwas auf. Es ergreift einen und deshalb ergreift man es. Man kniet nieder und hebt es auf. Man hat es selbst gesucht und gefunden. Deshalb vergisst man es nie mehr." Dieses "Nie-mehr-Vergessen" markiert einen Erkenntnisgewinn, der nicht selten die Augen öffnet für unmittelbaren Handlungsbedarf und die Motivation liefert, diesen zu befriedigen, wie dies in Bouffiers Bergwald dann auch geschehen ist. Erst das praktische, selbstbestimmte Ergreifen führt zum Begreifen des Problems.

Vereinfachend auf den Punkt gebracht, stimuliert die bewusste Umwelterfahrung den Interpreten der Pierceschen Zeichentriade (Nöth 2000:140) zu regulativen Maßnahmen, indem der Zeichenträger, im vorliegenden Beispiel "Natur wo früher Ödland war", mit dem Objekt der "Rehabilitation von Natur" eine kausale Verknüpfung findet. Die "Wissenschaft als Apparatur zwischen sich selbst und [der] lebendige[n] Erfahrung" (Adorno 1963: 48f) wird überwunden, ohne ihre Bedeutung zu entwerten. Die bewusste Naturerfahrung blendet aus, was Trampe (2004) als "rapide vorangetriebene Virtualisierung von anthropogenen Zeichen-Welt-Prozessen" bezeichnet und legt so Potentiale frei, die in einer hypertechnisierten Welt verschüttet schienen.

Mit Bouffiers Beispiel wird die semiotische Dimension der unmittelbaren Umwelterfahrung offenbar. Sie als grundsätzliche Infragestellung eines Cartesianischen Reduktionismus aufzufassen, wäre nicht gerechtfertigt. Vielmehr ergänzt sie tradierte Formate der Naturanalyse, die durchaus in der Naturbetrachtung ihren Platz haben. Eine a priori Analytik mit den traditionellen Vehikeln sowohl so genannter "exakter" Wissenschaften, als auch so genannter "Natur"-Wissenschaften" kann jedoch die komplexen Wechselwirkungen, die unsere Umwelt kennzeichnen, nicht erklären. Vielmehr belegen Fakten und Statistiken, dass der Mensch trotz seines Intellekts und armiert mit (scheinbar) emanzipierter Wissenschaftsethik seit langem schon zu einem ökologischen Zustandsstörer geworden ist, der das Gleichgewicht von "Ökosystemen als sich selbst organisierendes Lebenswelt-Umwelt-System" (Trampe 2004) sowohl lokal, als auch global ins Wanken bringt. Sein Einfluss auf seine Umwelt erweist sich als nicht nur bedrohlich für die vielen Organismen, mit denen er seinen Lebensraum teilt, sondern auch als fatal für den Fortbestand seiner eigenen Spezies.

 

Weiße Elefanten

Abhilfe schüfe hier die Erkenntnis, dass der Mensch und die Organismen, die ihn umgeben, zeichendeutende und zeichenverwendende Interpreten sind, die nach Uexkülls Umweltlehre eine "Ganzheit" bilden. Vor diesem Hintergrund kommt es daher nicht nur auf die Analyse von Messungen und Fakten an, auf deren Grundlage sich durchaus zutreffende Aktions-Reaktions-Mechanismen (Newton 1687) herleiten lassen, sondern auch auf die Konterkarierung scheinbar nicht-referierter Zeichenträger, die der aufmerksame Umweltbeobachter sammelt. Dies soll an dem folgenden Beispiel verdeutlicht werden.

Eine Initiative des Umweltnetzwerks Bern hat zum Ziel, drei auf den ersten Blick nicht inhaltlich korrelierte Themen zu assoziieren: Umwelt, Armut, Kommunikation. Die Idee dazu entstand aus der Überzeugung, dass die Komplexität ökologischer Probleme am besten verstanden wird, wenn man sich "ins Feld" begibt und die Probleme und ihre Lösungsmöglichkeiten vor Ort analysiert.

Die Degradation der Umwelt wird traditionell von Naturwissenschaftlern untersucht, Armut stellt sich konventionell als soziologisches Phänomen dar, Kommunikation wird aus informations- oder geisteswissenschaftlicher Tradition definiert. Einem analytischen Ansatz folgend würde man nun versuchen, die einzelnen Begriffe zu definieren, sie von einander abzugrenzen und schließlich vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Traditionen so lange zu wenden, bis die "Arbeitsaufteilung" klar ist und die theoretische Aufarbeitung beginnen kann. Eine Aufarbeitung, die nur einen beschränkten Dialog erlaubt, diskutiert doch jede Disziplin aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Vergangenheit. Die sich daraus ergebenden Resultate folgen dem Kalkül der aktuellen wissenschaftlichen Dialogstrategie, die nur besitzstandswahrende Resultate erlaubt, eine Infragestellung grundsätzlicher Positionen jedoch nicht duldet und unvorhersehbare Ergebnisse scheut.

Diese Dialogstruktur wird bei konventionellen Projektbearbeitungen favorisiert, schützt sie doch die Interessen der Einzeldisziplinen, ohne dass intellektuelles Neuland betreten werden muss. Die so formalisierte Kommunikation verunmöglicht eine wirksame Umsetzung ökologisch relevanter Kommunikationsregister, die sowohl die interdisziplinäre als auch die internationale und die Face-to-Face-Kommunikation einschließt (Genske, Hess-Lüttich 2002). Sie stellt eine amputiert- disziplinkonforme Kommunikation dar, die in keinerlei Hinsicht dem Anspruch einer ökologischen Linguistik genügt, nach der sprachliche Prozesse zu verstehen sind als "symbolische Prozesse innerhalb anthropogener ökologischer Systeme" (Trampe 2004).

Besonders drastisch wird das Versagen selbst einfacher Kommunikationsversuche bei der Umsetzung der Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Die Kommunikation verengt sich auf das in Mangelsituationen grundsätzlich vorliegende "Ihr-habt-wir nehmen"-Muster. Es gibt nicht genug Wasser, also besorgen wir Wasser: Wir bauen Brunnen, und schon gibt es Wasser für alle. Für alle? In einer Generation sind aus "alle" "viele" geworden. Zu viele für nur einen Brunnen. Ein zweiter wird gebohrt, ein dritter, doch der durch das lokale Bevölkerungswachstum ausgelöste Wasserbedarf ist schließlich nicht mehr zu stillen. Die Situation verschärft sich durch die infolge des unerhofften Wasserreichtums angewachsenen immer durstigen Viehherden, die ihrerseits die noch verbliebenen Vegetationsreste abgrasen, den Boden auflockern, der Erosion freigeben. Brunnen fallen trocken. Für tiefere fehlt das Geld. Und wenn welches da wäre, würde man dann tatsächlich weiterbohren wollen, wohl wissend, dass auch dieser Aquifer bald erschöpft wäre? Eine Spirale beginnt sich zu drehen, ausgelöst von der arglosen Befriedigung einer linearen "Ihr-habt-wir-nehmen"-Kommunikationsstruktur, die einen lokalen Konflikt schnell zu einer Krise eskalieren lässt, der im schlimmsten Fall in eine regionale Katastrophe münden kann. Die nationalen und halbstaatlichen Entwicklungshilfeorganisationen schrecken vor der rückblickenden Analyse ihrer Maßnahmen nicht umsonst allzu oft zurück. Der Blick auf die "Weißen Elefanten", die Investitionsruinen, ist schon schmerzhaft genug. Den Blick für eine ökologische Folgeabschätzung zu schärfen wird unter dem Diktat des banalisierten Kommunikationsmarketings bei jeder Organisation auf Widerstand stoßen.

 

Robuste Metamorphosen

Ganz anders das Beispiel der auf die lokalen "Wirk- und Merkzeichen" (Trampe 2004) reagierende Strategie der Assoziation Lagmyam, ein Begriff aus der Mooré-Sprache, der sich als "vereinigen wir unseren Verstand" übersetzen lässt. Das Projekt entstand Anfang der 90er Jahre in Wogodogo, einem der vielen Elendsviertel Ouagadougous, der Hauptstadt von Burkina Faso. In diesem Viertel ist eine Säuglingssterblichkeit von etwa 30% zu konstatieren, verursacht im Wesentlichen durch Water-Related Diseases. Aufgrund einer von der Weltgesundheitsbehörde vorgeschlagenen Terminologie lässt sich dieses Viertel als "High Risk Community" klassifizieren (Genske et al. 2000). Es gibt weder eine geordnete Wasserversorgung, noch können anspruchloseste Sanitärstandards eingehalten werden. Es gibt auch keine Müllentsorgung.

Genau hier setzt das Projekt an: Betroffene Anwohner beginnen einen komplexen Prozess der Umweltzeichenverarbeitung, indem sie Signale der Zustandsstörung kombinieren und daraus einen Maßnahmenkatalog ableiten. Zur Kenntnis genommen werden der auf die Wege gekippte Müll, die Kinder, die darin spielen, die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheitserregern. Kombiniert wird dies sowohl mit der Frage nach der öffentlichen Gesundheit, wie auch, und das macht das Projekt besonders interessant, mit dem Phänomen der Armut. Das Projekt entwickelt sich selbstständig, ohne Intervention von Außen, ohne den "Guten Rat" von Hilfsorganisationen und ohne monetäre Zuwendungen zur Gesundheitsversorgung bzw. zur Verbesserung der lokalen Infrastruktur. Der im Viertel entwickelte Maßnahmenkatalog beschränkt sich auf das Wesentliche: Ein Gruppe Arbeitsloser formiert sich, um den Müll einzusammeln und weiter zu verwerten. Metall, Glass, Plastik wird recycliert, organische Abfälle werden kompostiert und in für die Region kostbaren Biodünger transformiert. Dieser wird von lokalen Wachmännern gehütet und schließlich verkauft.

Die Strategie erweißt sich als robust: Selbst als nach einem Jahr die Männer (der Vorläuferorganisation) ihre hierarchische Spitzenposition ausnutzen und beginnen, die Einnahmen zu unterschlagen, heilt sich das System von selbst, indem die Frauen "ihren Verstand vereinigen" und die Männer entlassen. Eine Wagenzieherin wird zur Präsidentin der Assoziation gewählt und mit dem schwierigsten Aspekt dieser Initiative betraut: der Kommunikation zur Stadtverwaltung. Eine Schriftkundige übernimmt das Sekretariat (Guène et al. 1999). Das Projekt weitet sich aus. Maßnahmen zur Verbesserung der Sanitärstruktur werden ergriffen. Öffentliche Latrinen werden gebaut. Die Initiative hat inzwischen Vorbildcharakter für andere Elendsviertel Ouagadougous, sie wurde übertragen auf andere Städte Burkina Fasos und inspiriert inzwischen auch die Müllbesorgten anderer Städte der Subsahel-Zone. Es ist ein Projekt, das sich über ein semiotisches Erkenntnisgefüge selbst organisiert hat und auf Veränderungen und Störungen flexibel reagiert. Es ist ein behutsamer und selbstbewusster Versuch, ein ökologisch nachhaltiges Gleichgewicht zu schaffen in einem räumlich begrenzten Bereich, der aufgrund seiner Geoökologie verletzlich und leicht zerstörbar ist.

Das Wogodogo-Projekt reiht sich ein in eine Fülle von Mikro-Projekten, die, einer globalen Bewegung gleich, seit Jahrzehnten Probleme vor Ort lösen: Von Madhyapur-Abwasserprojekt im Katmandu-Tal (Bolt 2000) über das Albanische Gesundheitsprojekt (Abramowski, Bouvet, Genske 2000) bis zu den Projekten der nachhaltigen Forstwirtschaft in Kamerun (Couderc 2004). Schon formieren sich vielfältige Graswurzelbewegungen gegen die aggressive Expansionspolitik internationaler Gentechnik-Konzerne. Die Rolle der Regierungen reduziert sich auf das Schützen und Fördern lokaler Initiativen vor den Angriffen profitorientierter Industrien und der Korruption in den eigenen Reihen. Selbst diesem bescheidenen Anspruch genügen die wenigsten von ihnen.

 

Umwelt, Armut, Kommunikation

Alexander von Humboldt empörte sich in seinem Essai politique sur l'île de Cuba über einen der wichtigsten Pfeiler des spanischen Wirtschaftssystems: Den Einsatz afrikanischer und einheimischer Sklaven auf den Feldern der Konquistadoren, noch eilends durch die in die neue Welt geschickten Missionare abgesegnet. Bereits auf der ersten Station seiner vierjährigen Expedition nach Lateinamerika musste er von seinem Hotel in Cumaná (Venezuela) aus direkt auf den Sklavenmark schauen, wo Schwarze, mit Kokosöl eingerieben, feilgeboten wurden. Der preußische Freiherr, der zusammen mit seinem Freund, dem französischen Marinearzt Aimé Bonpland, den Orinoko befuhr und den Chimborazo bestieg, sechstausend Pflanzen und sechzigtausend Proben sammelte und mit seinen Untersuchungen die Grundlagen gleich mehrerer Wissenschaftszweige legte, argumentierte in seinem Essay überraschend ganzheitlich: Der aus humanistischer Sicht ohnehin verwerfliche Einsatz von Arbeitssklaven, die immerhin 36% der Bevölkerung Kubas ausmachten, gehe einher mit einer unkontrollierten Ausbreitung der Plantagen, was zwar schnellen Profit verspreche, die Natur aber nachhaltig störe. Die Monokultur des Zuckerrohrs verdränge unwiederbringlich die erstaunliche Biodiversität des kubanischen Eilandes. Humboldt erkannte also den Zusammenhang zwischen Armut durch Ausbeutung und Verarmung der Umwelt und kommunizierte dies mit seinem Essay. Es ist sicher nicht der erste Versuch dieser Art, doch ein eindrücklicher, aus dem Mund eines Ingenieurs und Naturwissenschaftlers.

Humboldts Mahnung skizziert den Hintergrund zur Entstehung der Armenviertel vor den Toren der großen Städte und lässt den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Armut und Umwelt auch heute noch lebendig werden. Er ist vielleicht heute, in seiner aktuellen, demographisch bedrohlichen Form, noch aktueller als damals. Umso wichtiger ist der Entwurf von Gegenstrategien, getragen von einer offenen, emanzipierten Kommunikationskultur.

Im Rahmen eines Exkursionsprojektes des Schweizer Umweltnetzwerks wird dieser Ansatz aufgegriffen. Die Exkursion als Umwelterlebnis fokussiert in erster Linie auf einer Spurensuche. Einer Suche nach Repräsentanten, die mit den Objekten von Zustandsstörungen ökologischer, soziologischer und kommunikativer Art assoziierbar sind (Umwelt-Armut-Kommunikation). Einem Versuch der Anwendung des Gedankens der robusten Zeichenverarbeitung als Maßnahme zur Herstellung ökologischer Gleichgewichte. Dieses Konzept durchbricht die formalisierte Umweltkommunikation, deren Anspruch sich allenfalls auf eine möglichst effektive Medialisierung beschränkt. Die formalisierte Umweltkommunikation vergrößert nur die Kluft zwischen den Zeichen ökologischer Zustandsstörung und der Interpretation ihrer Bedeutungen. Sie reduziert die "öko-semiotische-Kompetenz" (Trampe 2004) auf einen virtuellen Informationsaustausch mit zum Teil verheerenden Konsequenzen.

Für das Exkursionsprojekt dient als Suchfeld ökologischer Zeichen die Urbanität einer mittleren brasilianischen Stadt (Belo Horizonte), die mit ihrem Raubbau am Regenwald, ihren Favelas und ihren dynamischen Kommunikationsstrukturen vielfältige Anhaltspunkte liefert. Ziel ist es nicht, die gesammelten Fakten in übersichtlicher Form zusammenzustellen und gegenseitig zu gewichten. Vielmehr gilt es, Aspekte der Umwelt, der Armut und der Kommunikation als semiotische Phänomene vor Ort zu "begreifen". Erst aus der Kombination der aus der Zeicheninterpretation gewonnenen Bedeutungen erwachsen neue Bedeutungen, die im praktischen Dialog in Erkenntnisse münden. Nur so mutiert der Armen-Tisch in einer Favela als Zeichen der Armut zum Zeichen degradierender Umwelt. Nur so lassen sich ökologische Stoffströme mit Informationsströmen harmonisieren. Nur so wird der Umweltbetrachter seine Umwelt als "Ganzheit" begreifen. Nur so wird er die "Wirkzeichen" der Natur deuten können, so dass sie als "Merkzeichen" sein eigenes Überleben ermöglichen. Nur so wird er motiviert sein, Regelmechanismen auszulösen, um das Gleichgewicht dieser "Ganzheit" nachhaltig zu bewahren. Das ist das Ziel der Exkursion. Das ist ihr ästhetischer Anspruch.

Mit seiner Initiative möchte das Berner Umweltnetzwerk Akzente für eine kritische und unabhängige Umweltforschung setzen und eine Atmosphäre der Kreativität schaffen, in der auch Ideen vorgeschlagen und Konzepte reifen können, die vom natur- und geisteswissenschaftlichen Mainstream abweichen. An dem Projekt beteiligt sind die Staatliche Universität von Minas Gerais UFMG, ASMARE (eine lokale Organisation von Obdachlosen) und TV-Alterosa. Die Generalkoordination von Ort soll von der Associacao Mineira de Defesa do Ambiente AMDA erfolgen, einer gemeinnützigen Organisation die seit 1978 besteht (egs-Umweltnetzwerk 2004).

© Dieter D. Genske (egs-Umweltnetzwerk Bern)


LITERATUR

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Couderc F (2004) Les forêts communautaires du Cameroun donnent l'exemple. Geo 305:112-115

egs-Umweltnetzwerk (2004) Umwelt, Armut, Kommunikation: Eine transdisziplinäre Exkursion nach Belo Horizonte, Brasilien. www.egs-net.ch ("excursio")

Genske Dieter D, Hess-Lüttich Ernest WB (2002) Gespräche über's Wasser - Ein ökosemiotisches Projekt zur Umweltkommunikation im Nord-Süd-Dialog. In: Fill A, Penz H, Trampe W (eds.): Colourful Green Ideas. Lang Wien, 299-326. Wiederabdruck einer gekürzten Version in Huch M, Kruip G (2002) Eine Erde für alle: Geowissenschaften und Philosophie im Dialog. Schriftenreihe der Deutschen Geologischen Gesellschaft DGG Hannover: 35-48

Genske Dieter D, Heinrich Klemens, Hueb José A (2000) High Risk Communities: Identification and Planning. Leylakitap Bern, 114 S

Guène Ousseynou, Touré Chaikh S, Maystre Lucien Yves (1999) Promotion de l'hygiène du milieu: Une stratégie participative. Presses polytechniques et universitaire romandes PPUR Lausanne, 192 S

Newton Isaac (1687) Principia

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Rumpf Horst (2003) Erstickt das Wissen an sich selbst? Forschung und Lehre 10/2003: 552-554

Trampe Wilhelm (2004) Zur Notwendigkeit einer ökologischen Semiotik. In Ernest WB Hess-Lüttich (Hrsg.) Umwelt und Entwicklungskommunikation. Narr Tübingen [in Vorb.]

Uexküll Jakob von (1928/1973) Theoretische Biologie. Suhrkamp Frankfurt/M, 420 S


6.4. Transkulturelle Kompetenz in der Umwelt- und Entwicklungskommunikation

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For quotation purposes:
Dieter D. Genske (egs-Umweltnetzwerk Bern): Umwelt begreifen. Transdisziplinäre Umweltkommunikation im Feld. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/06_4/genske15.htm

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