TRANS Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 17. Nr.
Januar 2010

Sektion 5.5. Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität
Sektionsleiterin | Section Chair: Michaela Bürger-Koftis (Genua)

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In der Fremde schreiben.
AutorInnen der Exil- und Migrationsliteratur und ihre Sprachsozialisation.

Eine Projektpräsentation

Rosanna Vitale (Genua)

Email: Rosanna.Vitale@unige.it

 

Vorwort

Die Kulturgestaltung der Moderne hat, als mit der Renaissance das Bedürfnis nach Wissen zunahm und die angebotene Anzahl der Disziplinen stieg, seinen universellen Charakter verloren. In den Jahrhunderten nach der Gründung der ersten Universität in Bologna haben Kulturschaffende, unter ihnen Künstler, Naturwissenschaftler, Wissenschaftler und Literaten, begonnen, sich je nach Interesse auf ein bestimmtes Wissenschaftsgebiet zu spezialisieren. Die Zeiten Leonardo da Vincis, als das Studium unter anderem Philosophie, Astronomie, Mathematik miteinschloss, waren vorbei. Die Unterscheidung der Disziplinen, also das Fachwissen, hat sich nach und nach verbreitet, bis zu einer vielleicht zu starken Fachzersplitterung. Die Historiker beispielsweise konzentrieren sich zunehmend auf eine bestimmte Zeit, die Physiker auf ein bestimmtes Molekül. Ähnliches gilt für die Geschichte der Vertreibung, des Exils und der Migration. Vertreibung, Exil und Migration hat es in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben, angefangen bei der biblischen Geschichte. Die Wörter Exil und Migration/Emigration werden häufig, vor allem in der deutschsprachigen Exilgeschichte, gleich und unterschiedslos verwendet, obwohl das Wort Exil eher eine politische und das Wort Migration/Emigration eine eher wirtschaftliche Valenz hat. Die deutschsprachige Exilforschung hat die thematische und wissenschaftliche Grundlage geschaffen, um die Komplexität des Exils gestern und heute zu untersuchen. Die Gesellschaft für Exilforschung in Österreich hat als erste das Problem der neuen Exilanten thematisiert und der neuen Emigration in ihrer Zeitschrift Die Ziehharmonika einen Platz eingeräumt. Die Frauengruppe AG des älteren Pendants in Deutschland unternahm ebenfalls den Versuch, neue Exilantinnen zu treffen, um klarzumachen, dass sich die gleichen Themen und dieselben Schwierigkeiten in der Geschichte der Verfolgung gestern und heute wiederholen.

Das hier vorgestellte Projekt will eine Brücke zwischen deutschsprachigen Migranten während des Nationalsozialismus und den zeitgenössischen Migranten aus den östlichen Ländern bauen, die unter denselben Voraussetzungen wie Krieg, Heimat- und Sprachverlust leiden.

 

Das Genre Autobiographie

Der Ansatz dieses Projekts ist sowohl anthropologisch als auch sprachlich. Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden, da die Sprache den Migranten zur Integration verhilft. Man kann drei Schwerpunkte erkennen, da für manche das Schreiben keine Eingebung bzw. keine Folge eines Kindheitswunsches war, sondern eine Konsequenz der Migration. Auf die Frage, warum sie schreiben, erhält man drei häufige Antworten:

Schreiben dient als psychologische Verarbeitung des Erlebten, als Mittel zur Verständigung des Eigenen und als Weg, von den Anderen in der neuen Umgebung verstanden zu werden. Die Exilliteratur ist reich an Romanen mit autobiographischen Zügen, man denke hier vor allem an Klaus Mann und Anna Seghers, in der neuen deutschsprachigen Migrantenliteratur an Vladimir Vertlib und Viktorja Kocman. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen zahlreiche Autobiographien. Die Forschung erkannte dabei gemeinsame Merkmale: Heimat- und Sprachverlust, den Zweifel zwischen Anpassung und/oder Integration u.a. Die Zunahme der autobiographischen Schriften im letzten Jahrhundert lässt sich auf die gesellschaftlichen Veränderungen zurückführen. Klaus Mann und Stefan Zweig sprechen von Generationswechsel, Gusdorf nennt in seinem Aufsatz, Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie (Gusdorf 1989) den Verlust des Gemeinschaftsgefühls als Ursache. Die Exilanten gehörten als solche nicht mehr ihrer Gemeinschaft an, der Wechsel ihres Status von 'Dazugehörenden' zu 'Außenseitern' geschah schlagartig. Daher unternahmen sie den Versuch einer Erklärung, quasi einer Rechtfertigung der eigenen Lebensentscheidung. Wie die Exilforschung belegt, litten und leiden die Männer besonders stark unter dem Verlust ihrer gesellschaftlichen Position und ihres traditionellen Lebensmittelpunkts. Daher sind sie in ihrer Autobiographie stärker auf die Selbstdarstellung nach außen fixiert (Vitale 2003:45). Auch zur Zeit Goethes war die Autobiographie eher eine poetische Selbstdarstellung, quasi eine Koketterie des Dichters, der sein Leben dichterisch darstellte, wo es nicht um die Wahrheit, sondern eher um die Dichtung ging. Der Autor verschwieg Dinge bzw.  schmückte die Wahrheit aus. Das traf auf Goethe zu und geschieht auch heute noch. Der feine Unterschied scheint zu sein, dass bei den heutigen Autoren das Verlangen des Schriftstellers nach der wahren Darstellung und Nacherzählung stärker geworden ist.

Die Autobiographie war das Mittel, die sich verändernde Welt festzuhalten. Sie wurde als literarische Gattung sowohl von ‚Berufsschriftstellern‘ als auch von Laien für die Beschreibung der aktuellen politischen Situation verwendet: Für und gegen die Nazis. Das Genre der Autobiographie entwickelte sich jedoch besonders in den 1970er Jahren, als die Überlebenden das Verlangen verspürten, nach dem Historikerstreit und angesichts der Unmenge an Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus, ihre Wahrheit zu erzählen. Innerhalb des literarischen Diskurses zeichneten sich zwei Richtungen ab, die der Autobiographie und die des autobiographischen Romans. Beim autobiographischen Roman kreiert der Autor ein Alterego, um seine eigene Erfahrung durch einen anderen Ich-Erzähler berichten zu lassen. Dabei vermischen sich im Roman die eigenen Erfahrungen mit fiktionalen Ereignissen.

In der Genreforschung wird stark zwischen der Reaktion von Männern und Frauen auf das Exil unterschieden. Frauen mussten häufig ihr traditionelles Lebenszentrum – ihre Familie – nicht zurück lassen. Sie mussten sich auf das Wesentliche konzentrieren und daher ist es verständlich, dass bei ihnen selten der Ton der Klage herrscht; es handelt sich bei ihnen vielmehr um eine  Selbstanalyse, bei der die eigene Person nicht das Wichtigste ist (Vitale 2003:45-45).

Von der Exilzeit bis zu den Balkankriegen sind über 50 Jahren vergangen. Die Gewohnheit eine Fremdsprache zu lernen und die damit verbundene Entfremdung des Selbst durch eine andere Kultur ist zu einem üblichen Prozess geworden wie  früher. Das Verlassen des Ursprungslandes seitens der neuen Migranten, man denke an die jüngere Generation, hat weniger mit den Konsequenzen einer organisierten Verfolgung zu tun, wie in der Nazizeit, vielmehr ging es um eine Abwägung der der eigenen Familie und den Kindern angebotenen Möglichkeiten. Mit dem Mauerfall sind bestimmte Vorbehalte den Deutschstämmigen gegenüber gefallen sowie auch die Deutschstämmigen nicht mehr den politisch motivierten Grund haben, dort zu bleiben, wohin ihre Vorfahren einmal gegangen waren. Für alle anderen gilt die neue Regel der Beweglichkeit, ohne staatliche Hindernisse, wie z. B. bei den ehemaligen Jugoslawen. In manchen Fällen wurden sie nicht unbedingt bedroht, sie mussten nicht unbedingt emigrieren, sondern es war und ist eine bewusste Familienentscheidung. Das bedeutet, dass die junge Schriftstellergeneration, um die es hier geht, sehr früh (in jungen Jahren) in Kontakt mit der deutschen Sprache getreten ist und sie vor allem die deutsche Sprache als etwas Positives, Befreiendes empfinden. Man denke hier an Vladimir Vertlibs Umgang mit der Sprache u. a. in Zwischenstationen.

Das Selbstbewusstsein der Frauen hat sich inzwischen auch verändert. Sie konzentrieren sich nicht mehr auf eine neu gebildete Familie, sondern eher auf das Schicksal der zurückgelassenen Eltern bzw. die Zurückgebliebenen in den  Kriegsgebieten im Allgemeinen.

Gemeinsamkeiten der alten und neuen Exilanten/Migranten:

Unterschiede:

Die vorangegangenen Ausführungen sollten lediglich einen ersten Einblick bieten in ein „work-in-progress-Projekt“. Dieses Projekt hat zum Inhalt die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der Exilanten von gestern und der Migranten von heute anhand der Sprachsozialisation und des Kulturkontaustausches zu beleuchten.

Bibliographie

  1. Gusdorf, Georges. Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie, in:   Günter Niggl (hrsg.), Die Autobiographie, Darmstadt, 1989, S.121-147.
  2. Krohn, Claus Dieter/Rotermund, Erwin/Winckler Lutz/Koepke, Wulf/Enderle-Ristori, Michaela. Übersetzung als transkultureller Prozess. In: Exilforschung – Ein Internationales Jahrbuch Nr. 25/2007, edition text+kritik, München, 2007.
  3. Vitale, Rosanna. Exil in Brasilien. Die Erfahrung der Fremde aus der Sicht weiblicher Selbstzeugnisse 1933 - 1945, München, 2003.

5.5. Mehrsprachigkeit und literarische Kreativität

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For quotation purposes:
Rosanna Vitale: In der Fremde schreiben. AutorInnen der Exil- und Migrationsliteratur und ihre Sprachsozialisation. Eine Projektpräsentation - In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 17/2008. WWW: http://www.inst.at/trans/17Nr/5-5/5-5_vitale .htm

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