TRANS Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 17. Nr. September 2008

Sektion 7.12.

Eliten als Orientierungsgeber oder als ‚Sozialschmarotzer’? Zur soziokulturellen Bedeutung von Elitehandeln in gesellschaftlichen Transformationsprozessen

Sektionsleiterin | Section Chair: Jens Aderhold (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ISInova – Institut für Sozialinnovation e.V. Berlin)

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Zur ungebrochenen Aktualität Moscas und Paretos in der Elite-Diskussion

Hilke Rebenstorf  (Universität Hildesheim, z.Zt. University of Haifa) [BIO]

Email: rebensto@uni-hildesheim.de

 

I. Einleitung

Über Eliten wird wieder geredet und dies nicht nur aufgrund und seit der jüngsten Skandale um Steuerhinterziehung (Deutsche Post AG Chef Zumwinkel u.a.), Millionenabfindungen (Ex-Mannesmannchef Esser), Bestechung (Siemens) oder gemessen an allgemeinen moralischen Standards vermeintlich unethischen Verhaltens wie Stellenabbau trotz Miliardengewinnen (diverse Banken, BMW, Deutsche Post AG, Daimler-Chrysler u.a.). Geredet wird nicht nur in der medial vermittelten Öffentlichkeit, sondern auch die Sozial- und Geisteswissenschaften haben das Elitenthema wieder entdeckt. Dieses neuerwachte Interesse fällt zeitlich zusammen mit dem Umbruch der Weltordnung nach dem Ende des Kalten Krieges, wie die Erscheinungsdaten der ersten Publikationen (Ogger 1992; Glotz et al. 1992; Scheuch/Scheuch 1992) zeigen. Wie in diesen frühen populärwissenschaftlichen Büchern dominieren auch heute „Anklageschriften“ gegen die Elite die semi-wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung. Im wissenschaftlichen Diskurs wird hingegen durchaus ein differenziertes Bild von Eliten, von deren Funktionen und Aufgabenwahrnehmung gezeichnet.

Erstaunlich angesichts der Fülle an Publikationen ist aber dennoch, dass in ihnen im Grunde nur zwei unterschiedliche und darüber hinaus vertraute Positionen sichtbar werden, und zwar diejenigen der Klassiker Mosca und Pareto – so als hätten wir es einfach mit einer Wiederholung des Jahrhundertwende-Diskurses zu tun.. Um diese Behauptung zu stützen, gehe ich folgendermaßen vor:

  1. Als erstes werde ich einen skizzenhaften Vergleich der Umbruchsituationen am ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert vornehmen und daraus die divergierenden Anforderungsprofile an Eliten ableiten. Zum einen wird deutlich der Wunsch nach Führung erkennbar, daneben besteht jedoch auch eine verhaltenere Position, in welcher der Wunsch zum Ausdruck kommt, Eliten möchten die Anpassung an die veränderte Zeit gestalten (helfen). Erstere Haltung stellt in meinen Augen das faschistische Prinzip Paretos dar, letzteres spiegelt das proto-demokratisches Modell Moscas wider.
  2. In einem zweiten Schritt werde ich die Ansätze der Klassiker kontrastierend darstellen, also die Differenzen hervorheben statt Ähnlichkeiten zu betonen.
  3. Drittens werde ich eine Einordnung der neueren Publikationen in diese beiden Modelle vornehmen, um dann abschließend festzustellen, ob in der neuen Debatte tatsächlich etwas Neues formuliert wird, oder ob wir es doch einfach nur mit Centenniumsdiskursen zu tun haben, mit öffentlicher Aufgeregtheit und wissenschaftlichem Raisonnement um Jahrhundertwenden.(1)

 

II. Strukturbrüche im Jahrhundertrhythmus

Mosca und Pareto(2) veröffentlichten ihre zentralen Werke um die um Wende zum 20. Jahrhundert, welche durch tiefgreifende politische und ökonomische Veränderungen geprägt war. Die ökonomische Revolution fand ihren vorläufigen Abschluss mit der flächendeckenden Etablierung der industriellen Produktionsweise, dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Die nationale Revolution fand ihr vorläufiges Ende in der europäischen Nationalstaatenbildung mit der Gründung des Italienischen (1861) und des Deutschen (1871) Reiches. Die bereits mit der Französischen Revolution deutlich werdenden, und in den Vormärz-Aufständen angekündigten, Ansprüche bürgerlicher und intellektueller Schichten an politischer Teilhabe wurden jetzt realisierbar aufgrund der Etablierung hierfür notwendiger politischer Institutionen.

Der Absolutismus hatte sich überlebt. An seine Stelle war ein Konglomerat von Interessenorganisationen in Form von Parteien und Wirtschaftsassoziationen getreten, welche als Repräsentanten der zentralen gesellschaftlichen Spannungslinien gelten konnten. Neue Formen der Elitenrekrutierung und neue Reservoirs hierfür mussten aus verschiedenen Gründen eröffnet werden:

Diese beiden Aspekte der Funktionalität und der Repräsentativität bzw. Responsivität stehen sinnbildlich für die beiden Positionen, die von Pareto und Mosca in ihren Schriften vertreten werden. Pareto maß der regierenden Elite nur solange Legitimität zu, wie sie dazu in der Lage war, wirtschaftliche Prosperität zu fördern. In Moscas Schriften kam hingegen stets das Integrationsproblem zum Vorschein, das sein Italien, in dem er als aktiver Politiker lebte, nach der Reichsgründung so deutlich prägte.

Die Umbruchsituation am ausgehenden 20. Jahrhundert hat durchaus vergleichbare Züge mit derjenigen ein Jahrhundert zuvor. Die ökonomische Revolution fand eine Fortsetzung in der rasanten Entwicklung der neuen computerbasierten Technologien, der Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft wurde vollzogen. Hieraus sowie aus der zunehmenden internationalen Verflechtung und nicht zuletzt dem Sieg der kapitalistischen Staaten über die staatssozialistischen im Wettbewerb der Systeme folgten massive Veränderungen der Wirtschaftsorganisation.

Das Pendant zur nationalen Revolution des 19. Jahrhunderts sehen wir in der Neigung zur Bildung transnationaler Bündnisse, etwa in der geographischen Erweiterung der Europäischen Union sowie in der Intensivierung der europäischen Integration. Parallel hierzu gibt es jedoch insbesondere in Osteuropa eine Welle des nationalen Separatismus, welche der zunehmenden supranationalen Integration entgegensteht. Für nationale Eliten, und damit auch für die Deutschen, ergeben sich hieraus weitreichende Konsequenzen:

Beide Jahrhundertwenden weisen also Parallelen auf in Ausmaß wie in Geschwindigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklungen. In der Folge erwiesen sich Abstimmungsprozesse und Rekrutierungsmuster der Eliten in Wirtschaft und Politik als inadäquat. Sie waren weder dazu in der Lage zu führen, noch Orientierung zu geben, unternahmen vordergründig kaum Anstrengungen, den Übergang in die neue (Welt)Ordnung zu gestalten.

Es ist selbstverständlich, dass in solchen Situationen eine Auseinandersetzung mit Eliten geführt wird. Diese findet statt in der medial vermittelten Öffentlichkeit, in populärwissenschaftlichen Werken und in der Wissenschaft selbst. Welche Antworten auf das Eliteproblem fanden nun die Klassiker?

 

III. Die Elitekonzeptionen Paretos und Moscas im Vergleich

Pareto und Mosca werden häufig in einem Atemzug genannt, wenn es um die antidemokratische Stoßrichtung der klassischen Elitetheorie geht. Pareto kann man sicherlich als Apologeten faschistischer Herrschaft bezeichnen, manche seiner Formulierungen ähneln faschistischer Propaganda, etwa wenn er die Vernichtung von zur Gewaltanwendung unfähigen regierenden Elite als nützliche Tat bezeichnet. Mosca ist sehr viel gemäßigter. Zwar war auch er kein Freund der parlamentarischen Demokratie, hat jedoch in den 1930er Jahren diese als beste bis dahin existierende Regierungsform bezeichnet – wenn bestimmte Bedingungen eingehalten würden. Aber natürlich haben beide vieles gemeinsam.

Zunächst einmal vertreten beide die These über die Existenz einer (scheinbaren) Elite-Masse-Dichotomie, die in der Unabänderlichkeit von Eliteherrschaft anklingt. Darüber hinaus natürlich die Notwendigkeit der Elitenzirkulation und die Ansicht, Eliten seien der Motor gesellschaftlicher Entwicklung. Als Herrschaftsmittel dienen im Paretianischen Modell Derivationen (Ideologien), Konsens und Gewalt. Bei Mosca ist das entscheidende Element der Herrschaftslegitimierung die politische Formel, welche vergleichbar ist mit den Derivationen im Model Paretos, sowie Konsens. Hiermit sind die Gemeinsamkeiten jedoch auch im Wesentlichen erschöpft, die Unterschiede überwiegen. (Siehe Abbildung 1)

Pareto unterscheidet innerhalb der Elite die regierende und die nicht-regierende Elite. Unter ihnen sind, quasi als psychische Dispositionen, die Residuen der Klasse I (Instinkt der Kombinationen; Spekulanten, List, Mut, Konsens, Intellektualität) und/oder Residuen der Klasse II (Konservationen; Gewalt, Vorurteil, Angst vor dem Risiko) dominant. Laut Pareto müssen beide Klassen von Residuen in der regierenden Elite vertreten sein: Der Instinkt der Kombinationen steht dabei für das unternehmerische Risiko, die Residuen der Klasse II für die Fähigkeit und Bereitschaft Gewalt anzuwenden. Pareto schätzte die Residuen der Klasse I als problematisch ein: zwar seien sie notwendig, um wirtschaftliche Innovationen herbeizuführen, sie unterstützten jedoch auch die Neigung, Konsens an Stelle von Gewalt als Herrschaftsinstrument zu bevorzugen. Regierende Eliten richteten sich Pareto zufolge stets irgendwann in der Macht ein, wurden dekadent, regierten mittels Konsens und verloren die Fähigkeit zur Gewaltanwendung – das war dann jeweils der Zeitpunkt, an dem sie gestürzt wurden, zu Recht, wie Pareto betont.(3) In seinem Herrschaftsmodell ist das Volk zwar grundsätzlich ein Rekrutierungsreservoir, im Wesentlichen jedoch disponible Masse. Elite hingegen ist, wer Leistung bringt oder auch Einfluss nimmt – die Grundlage für die Bemessung von Leistung legt Pareto nicht offen. Die Funktion der regierenden Elite besteht darin, wirtschaftliche Prosperität herbeizuführen. Dies könne sie aber nicht auf Dauer, da sie nun einmal zur Dekadenz neige und dann gewaltsam hinweggefegt werden müsse. Selbst dort, wo Rekrutierung aus der nicht-regierenden Elite stattfindet, wo also die regierende Elite ständig mit Residuen der Klasse II angereichert wird, reicht dies auf Dauer nicht aus, da der Instinkt der Kombinationen innerhalb der regierenden Elite dazu führt, neu rekrutierte Eliten in einer Weise zu kooptieren, dass auf Dauer die Residuen der Klasse I die überhand gewännen. Der Kreislauf der Eliten wird dadurch zu einem ehernen Gesetz, Stabilität und Fortschritt sind nicht möglich, weshalb Pareto es wohl auch unterließ ein Staats- oder Verfassungsmodell zu entwickeln.(4)

Abb. 1: Strukturelemente der Elitetheorien Paretos und Moscas im Vergleich

Abb. 1: Strukturelemente der Elitetheorien Paretos und Moscas im Vergleich

Eine zumindest rudimentäre Staatstheorie entwickelt hingegen Mosca. Wie Pareto begründet auch er seinen Ansatz und seine Aussage zur Unabänderlichkeit von Elitenherrschaft erfahrungswissenschaftlich, leitet sie ab aus empirisch beobachtbaren historischen Tatbeständen. Als Mitglied der politischen Klasse fehlte ihm vielleicht die analytische Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand, dafür befasste er sich jedoch sehr viel konkreter mit Handlungserfordernissen und –möglichkeiten dieser Klasse als sein Zeitgenosse Pareto. Mosca formuliert nahezu pathetisch, dass ein Volk, eine Gesellschaft unsterblich sein können, wenn ihre politische Klasse es schaffe sich fortwährend zu erneuern – und dies nicht im Hinblick auf eine bestimmte Balance zwischen Gewalt und Konsens, sondern in der Aufnahme neuer Impulse. Die Funktion der politischen Klasse Moscas besteht nicht allein in der Garantie ökonomischer Prosperität, sondern in der gesellschaftlichen Integration. Entsprechend hatte er eine differenziertere Vorstellung vom Volk als Pareto. Mosca sah im Volk viele soziale Schichten und Kulturen, er sah dort divergierende Interessen, woraus sich auch seine anfängliche Skepsis gegenüber der parlamentarischen Demokratie begründet. Er fürchtete, dass angesichts menschlicher Egoismen das Parlament nur als Bühne für den Kampf um Partikularinteressen diente und damit die notwendige Integration dieser Interessen gefährdet sei. Daraus ergaben sich dann die spezifischen Anforderungen, die er an die Mitglieder der politischen Klasse und an die Verfassungsprinzipien stellte: der Staatsmann müsse das Ganze im Blick haben, Gemeinwohlorientierung aufweisen. Herrschaft könne nur mittels Konsens ausgeübt werden, was angesichts der divergierenden Interessen schwierig sei. Deshalb wären Gewaltenteilung und kanonisiertes Recht unabdingbar, da nur hierüber die menschlichen Triebe kontrollierbar würden.

Will man die beiden Positionen der Klassiker auf eine Kurzformel bringen, so kann man – zugespitzt – sagen, Pareto war ein Elitenkritiker ohne Gnaden. Zwar sah er Elitenherrschaft als unabdingbar an, sowohl aufgrund historischer Tatsachen als auch aufgrund dessen, dass das Volk aufgrund seiner Residuenstruktur untauglich für Führungsaufgaben sei. Die Elite (singulärer Leistungsträger) verlöre jedoch zwangsläufig mit der Übernahme von Regierungsmacht ihre Fähigkeit zur Führung, könne ihre Funktion nicht mehr wahrnehmen, da sie nur noch Eigeninteressen vertrete.

Mosca sah dieselbe Gefahr wie Pareto. Als politischer Praktiker suchte er jedoch nach Möglichkeiten eine Regierung, die der gesellschaftlichen Integration zuträglich ist auf Dauer zu stellen, trotz individueller Egoismen. Diese Möglichkeit sah er in der grundsätzlich offenen Rekrutierung neuer Mitglieder in die politische Klasse, in der Kontrolle des Auslebens menschlicher Triebe durch gesetztes Recht, Gewaltenteilung und Bürokratie sowie in Bildung und politischer Professionalisierung – gerade letzteres müsste Pareto kalte Schauer über den Rücken schicken, führt doch Professionalisierung in seinen Augen zur Dekadenz.

Und hiermit sind wir dann auch bei der Elitekritik unserer Tage bzw. der im zweiten Centenniumsdiskurs formulierten Kritik angelangt.

 

IV. Die Positionen im neuen Diskurs über Eliten

Angesichts der heute dominierenden Schlagzeilen über die bundesdeutsche Führungsschicht ist es auffallend, dass es in Deutschland bis zur Vereinigung nur wenig Elitenforschung gab, sieht man von den frühen Arbeiten Stammers, Zapfs und Jaeggis ab. Es gab die empirischen Mannheimer Studien um Rudolf Wildenmann und Ursula Hoffman-Lange, es gab die historischen Studien von Heinrich Best und es gab die Untersuchungen zu politischen Führungsgruppen von Dietrich Herzog. Theoretische Auseinandersetzungen insbesondere mit den Klassikern und im Rahmen von Demokratietheorie gab es häufiger, wie etwa die Arbeiten von Claessens, Ebbighausen und Röhrich. Aber es gab bei weitem nicht diese Fülle an Publikationen und es gab keine öffentliche Aufmerksamkeit. Selbst in der Sozialwissenschaft fristete diese Forschungsrichtung ein eher randständiges Dasein. Sogar Michael Hartmann, der ja mit seinem Buch über den Mythos der Leistungseliten (2202) für großen Wirbel im Blätterwald und insbesondere in der Bildungsforschung sorgte, wurde vor der Jahrtausendwende nur von einer Minderheit zur Kenntnis genommen, obwohl er seit langem empirisch in der Elitensoziologie arbeitet. Dies änderte sich erst zu Beginn der 1990er Jahre mit dem neuen Centenniumsdiskurs, in dem die beiden klassischen Positionen deutlich wieder aufscheinen. Ich werde im Folgenden versuchen, einige der neueren Autoren in das Schema einzuordnen, das soeben auf die Theorien Paretos und Moscas angelegt wurde. So lassen sich Ähnlichkeiten, Differenzen, Defizite und Ergänzung am besten erkennen.

Es steht wohl kaum in Frage, dass wir die Paretianische Position der kompromisslosen Elitenkritik insbesondere in den populärwissenschaftlichen Schriften finden. Die Arbeit Günter Oggers „Nieten in Nadelstreifen“ steht paradigmatisch dafür. Seine Beschreibung der Wirtschafts-‚bosse’ in Deutschland der späten 1980er und frühen 90er enthält alle Kritikpunkte, die auch Pareto erwähnen würde: sie bringen keine Leistung, da es den von ihnen geführten Unternehmen nicht gut geht. Sie denken nur an sich selbst, bereichern sich, haben sich in der Macht eingerichtet. Sie weisen zwar die Residuen der Klasse I insofern auf, als dass sie Risikobereitschaft zeigen bei der Vergrößerung ihrer Wirtschaftsunternehmen durch Diversifikation – sind damit jedoch nicht erfolgreich, sondern handeln eher unter der Maxime realitätsferner Megalomanie.

Abb. 2: Strukturelemente neuerer Elitenliteratur im Vergleich

Abb. 2: Strukturelemente neuerer Elitenliteratur im Vergleich

Ein gleichermaßen vernichtendes Urteil finden wir bei Erwin K. und Ute Scheuch „Cliquen, Klüngel und Karrieren“. Auch in diesem Buch finden wir das Problem geschildert, dass Pareto als Einrichten in der Macht und damit einhergehender Dekadenz bezeichnen würde. Auch in anderen Beiträgen geißelt Scheuch insbesondere die Geschlossenheit der politischen Elite, die sich aufgrund der langen politischen Karrieren zwangsläufig ergebe. Diese Einschätzung verweist sowohl auf einen markanten Unterschied zwischen den Klassikern – was für Pareto zur Dekadenz und damit zur Unfähigkeit der Herrschaftsausübung beiträgt, die Erfahrung im Amt ist für Mosca unter der Bezeichnung Professionalisierung eine Bedingung guter Staatsführung – und zeigt zugleich, in wessen Nähe Scheuch damit steht.

Sehr viel milder, in der Konsequenz aber nicht weniger dramatisch ist die Analyse der politischen Insider Peter Glotz, Rita Süssmuth und Konrad Seitz, die von planlosen Eliten sprechen und die Frage stellen, ob die Deutschen die Zukunft versäumten.

Diese Publikationen können als typisch angesehen werden für eine Position, in der die im Amt befindlichen Eliten angeklagt werden, ihre Arbeit nicht richtig zu machen. Es wird aber auch gar nicht gesagt, worin denn diese Arbeit bestünde. Es wird unterstellt, dass die Leser dies schon wüssten, da die Aufgaben auf der Hand lägen.(5) Es werden keine Alternativen genannt – weder zur Rekrutierung innerhalb des bestehenden Modells, noch für eine Änderung des Modells. Es klingt schon sehr paretianisch: Die Eliten haben sich eingerichtet, sie bringen keine Leistung mehr, also hinweg mit ihnen. Man könnte noch mehrere Autoren in diesem Zusammenhang erwähnen, wie etwa Hans-Herbert von Arnim und Albrecht Müller (2006).

Wenn auch Scheuch und Arnim wahrhafte Professoren waren bzw. sind rechne ich deren Publikationen zu Eliten eher dem populärwissenschaftlichen Bereich zu, dem es seiner Natur entsprechend an Differenzierung mangelt. In wissenschaftlichen Arbeiten gibt es diese durchaus, wenn auch in sehr unterschiedlicher Qualität. Auffallend sind Sammelbände wie z.B. der von Hitzler et al. (2004) editierte Band, der sich in erster Linie durch Beliebigkeit auszeichnet: da sind Eliten dann Differenzierungsparasiten erkennbar am Ruhm (Nassehi), oder es sind transformierte Kultureliten (Bittlingmayer), digital (Ellrich), es sind Berufsgruppen wie Ärzte (Meuser), Unternehmensberater (Brosziewski) usw. – und man fragt sich, wo der Elitebegriff dann überhaupt noch eine Trennschärfe entwickelt, ob er überhaupt noch eine Aussagekraft hat oder zum reinen Modebegriff transformierte. Daneben gibt es aber auch andere Stimmen, die versuchen, Elitenkritik so vorzubringen, dass sie weiterführend ist, die in erster Linie das Orientierungsdilemma aufgreifen, das sich durch den Strukturbruch 1989/90 auftat. Es scheint in der Natur der Sache zu liegen, dass mit diesem Bruch auch die bis dahin gültigen Elitekonzeptionen in Frage gestellt wurden. Es gibt noch empirische Arbeiten, die sich zum Teil in „alter“ Tradition begreifen, wie die Potsdamer Elitestudie (Bürklin/Rebenstorf 1997), die in Fortführung der Mannheimer Studien um Wildenmann, Kaase, Neumann und vor allem Hoffmann-Lange auf dem klassischen Funktionselitenbegriff aufbaute. Zwar war sie unter dem ausdrücklichen Anspruch angetreten, sechs Jahre nach der Vereinigung zu überprüfen, ob der Osten in der Elite angekommen ist und das Konsensprinzip weiterhin Gültigkeit beanspruchen konnte. Die Antworten, die sie gab scheinen jedoch nicht überzeugend gewesen zu sein, legte sie doch überwiegend das bekannte Definitionsgerüst an, statt es auf seine Gültigkeit hin zu prüfen – sie blieb im Wesentlichen in der funktionalen Gedankenwelt der Bundesrepublik Deutschland GmbH befangen, war aber dennoch oder gerade deshalb am umfassendsten im Hinblick auf die Parameter der klassischen Elitetheorie, die es zu vergleichen gilt. (Siehe Abbildung 2) Ebenfalls empirisch sind die Arbeiten Michael Hartmanns ausgerichtet (2001, 2002, 2007), der jedoch einen Schwerpunkt auf soziale Herkunft und Rekrutierung von Eliten legt, weniger auf deren Aufgaben bzw. Funktionen, wenn auch in seiner Kritik an der klassenspezifischen Rekrutierungspraxis anklingt, dass er mangelnde Responsivität und Gemeinwohlorientierung unterstellt. Seine Arbeiten sind, auch wenn er explizit Bourdieus Gesellschaftstheorie als Referenzgröße angibt, am ehesten vergleichbar mit den Untersuchungen Jaeggis aus den 1960er Jahren.

Neben diesen populärwissenschaftlichen Verrissen und wissenschaftlich-empirischen Studien mit mehr oder minder repräsentativem Charakter, gibt es auch eine Vielzahl neueren Publikationen, die viel weniger bestimmt sind. Einige Arbeiten sind wirklich konzeptioneller Art, wie z.B. die Bemühungen um Definition von Elite als auch von deren Funktionen durch Bude (2000) und Münkler (2000), die dann wiederum in ihrem Bezug auf die Gesellschaftsstruktur wenig konkret sind. Und dann es gibt sie doch noch, die Texte, die Forderungen an Eliten stellen, sei es in der Rekrutierungspraxis, sei es in ihren Führungsaufgaben, der Orientierungsgebung. Fast schon rührend sind dabei die Schriften von Sven Papcke – einmal davon abgesehen, dass sein Buch „Die Gesellschaft der Eliten“ inkommensurabel ist, hat er seinen Grundgedanken der Verpflichtung der Eliten auf das Gemeinwohl auch in anderen Publikationen formuliert. Diese erinnert natürlich unmittelbar an Mosca. Doch in Fragen der konkreten Umsetzung – wie Mosca dies getan hat: Kontrolle der Egoismen durch Recht, Gewaltenteilung und Bürokratie – findet man bei Papcke leider wenig.

 

V. Fazit

Wenn wir die Arbeiten zur Elite heute mit denen der Klassiker vergleichen, so muss man ernüchtert feststellen, dass es eigentlich nichts Neues gibt. Man wird heute zwar kaum mehr die Elitekritiker in die faschistische Ecke stellen können – natürlich gibt es die auch, kennzeichnet doch gerade diese Art der Kritik nach wie vor die rechtsextreme Propaganda. Dennoch, die populärwissenschaftliche Elitenkritik um die Wende zum 21. Jahrhundert ist inhaltlich nahezu identisch mit derjenigen ein Jahrhundert zuvor, wie sie von Pareto in seinem ehernen Gesetz zum Kreislauf der Eliten formuliert wurde. Und wie damals trägt sie auch heute kaum dazu bei, das Elitendilemma aufzulösen.

Diejenigen Arbeiten, die sich um konzeptionelle Neubeschreibungen bemühen, darum, neue Funktionen und Aufgaben für Eliten zu formulieren – mehr oder weniger abgeleitet aus den konkreten Problemlagen – und die nicht von vornherein eine Haltung aufbauen, der entsprechend Eliten früher oder später doch nur eigenen Interessen folgen, sind noch nicht so weit ausgereift, wie es Mosca bereits zu seiner Zeit war. Es werden keine Ziele formuliert, die Frage, wohin Eliten denn führen sollten, welche Aufgaben sie tatsächlich haben bleibt unbefriedigend unkonkret.

Die zugegebenermaßen im Funktionalismus befangene empirische Elitenforschung in der Tradition der Mannheimer Studien hat zumindest hierauf noch Antworten gegeben, so problematisch diese auch sein mögen angesichts der Vernachlässigung der Macht- und Herrschaftsperspektive in diesen Untersuchungen.

Aktuell gibt es einfach keine Arbeiten, die in einer Verbindung von empirischer Beschreibung, Reflektion politischer Notwendigkeiten und gesellschaftspolitischer Vision an Moscas Analyse heranreicht. Eine Synthese der klassischen quantitativen empirischen Elitenforschung und neuen Konzepten über Funktionen, Möglichkeiten und notwendigen Begrenzungen von Elitehandeln muss noch unternommen werden – hierfür bedarf es jedoch ganz sicherlich zunächst einmal einer Überwindung innerdisziplinärer Schranken innerhalb der Gesellschaftswissenschaften. Bis zum Erreichen dieses Punktes scheinen wir es tatsächlich eher mit Aufgeregtheit und vermeintlich wissenschaftlichem Raisonnement im Jahrhundertrhythmus zu tun zu haben, als mit tatsächlich neuen wegweisenden Analysen, in denen „Antworten auf die Fragen der Zeit“ gefunden werden, wie man es Mosca zumindest zum Teil zubilligen kann.

 

Literatur:


Fu▀noten:

1 Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es mit der Französischen Revolution bereits ein ähnliches Phänomen. Aufgrund von Ungleichzeitigkeiten in politischen, ökonomischen und sozialen Fortschritten konnte jedoch noch nicht dieselbe Konsequenz haben wie ein Jahrhundert später. Die zeitweilige Beteiligung breiterer sozialer Schichten wurde wieder aufgegeben zugunsten absolutistischer Herrschaft neuer Gestalt – dem Bürgerkönigtum.
2 Mosca veröffentlichte Sulla teorica di governi e sul Governo parlamentare erstmals 1884, die Elementi di scienza politica 1896. Das „Endwerk“ zur politischen Klasse kann aber erst für einen Zeitraum nach dem ersten Weltkrieg, sogar eher auf die 1930 Jahre datiert werden (vgl. Meisel 1962) Paretos Allgemeine Soziologie erschien 1901/02.
3 Pareto legt großen Wert auf die Anwendung der erfahrungswissenschaftlichen Methode, die ihn eigentlich zum reinen Berichterstatter über die von ihm beobachteten Phänomene machen sollte. Es wäre dann auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Beschreibung der Geschichte als einen Friedhof der Eliten als empirische Tatsache formuliert würde – Pareto geht jedoch darüber hinaus, in dem er genau dies gut heißt.
4 Er äußert sich durchaus zu Staatsmodellen, kann jedoch keinem wirklich etwas abgewinnen, kann sie auch nicht wirklich einordnen, kompatibel machen mit seinem Kreislaufmodell der Eliten. So äußert er sich bei­spielsweise ablehnend gegenüber demokratischen Verfassungen, da sie zum einen als Repräsentativsystem den „falschen“ Residuen zu viel Einfluss zukommen ließen, andererseits findet er das direktdemokratische Modell der Schweiz durchaus reizvoll. Hier betont er jedoch, dass es nur funktioniere, da die Schweizer so ein besonders tugendhaftes Volk seien – das hat nun mit Theorie nicht mehr viel zu tun und lässt sich auch nicht in seine erfahrungswissenschaftlichen Deskriptionen zum Elitenkreislauf einbauen.
5 Von dieser Regel weicht der Band von Glotz u.a. ab. In ihm wird durchaus auf die Führungsaufgabe verwiesen und es werden diverse Funktionseliten benannt.


7.12. Eliten als Orientierungsgeber oder als ‚Sozialschmarotzer’? Zur soziokulturellen Bedeutung von Elitehandeln in gesellschaftlichen Transformationsprozessen

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Hilke Rebenstorf: Wieder gelesen: Zur ungebrochenen Aktualität Moscas und Paretos in der Elite-Diskussion -. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 17/2008. WWW: http://www.inst.at/trans/17Nr/7-12/7-12_rebenstorf.htm

Webmeister: Gerald Mach     last change: 2010-01-26