Eugen Stykow — E-Partizipation als Entwicklungsmöglichkeit zur Gesellschaft der „Weisheit der Vielen“

Nr. 18    Juni 2011 TRANS: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften


Section | Sektion: Transition to Societies of Wisdom as a Condition
of Cities and Towns Development in XXI Century

E-Partizipation als Entwicklungsmöglichkeit
zur Gesellschaft der Weisheit der Vielen

Eugen Stykow (Blankenheim, Deutschland) [BIO]

Email: estykow@yahoo.de


 Konferenzdokumentation |  Conference publication


 

Einleitung

Die Auswahl vom Autor des Forschungsgegenstands resultiert aus unseren praktischen Erfahrungen mit der Informationstechnologie. Die Informationstechnologie spielt eine wichtige Rolle in vielen Tätigkeitsfeldern der Gesellschaft. E-Partizipation nutzt die Potentiale der Informationstechnologie für eine leistungsfähige öffentliche Verwaltung, für mehr Bürgerbeteiligung und Demokratie. Als Teil einer umfassenden Modernisierung der öffentlichen Verwaltung kann E-Partizipation wesentlich dazu beitragen sie auf die zukünftigen gesellschaftlichen Herausforderungen auszurichten. Erfolgreiche E-Partizipation dient sowohl der Verwaltung als auch den Bürgern, Unternehmen und Organisationen.

Die Durchsicht der bestehenden Fachliteratur ergab, dass über E-Partizipation zwar zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen existieren, der Zusammenhang zwischen E-Partizipation und Entwicklungsmöglichkeit zur Weisheitsgesellschaft aber bisher kaum thematisiert wurde.

Das Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der E-Partizipation im Kontext der Weisheit der Vielen auf Ebene der Kommunen und Gemeinden.

 

2. E-Partizipation – eine Form der Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltung

Der Begriff E-Partizipation setzt sich aus den beiden Begriffen “elektronisch” und “Partizipation” zusammen. In der Definition von Prof. Ann Macintosh wird E-Partizipation gesehen als die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, um die politische Beteiligung der Bürger zu erweitern und zu vertiefen.

Nötig wurde der Begriff der E-Partizipation, um eine Abgrenzung zum Begriff des E-Governments zu treffen. E-Government umfasst die Optimierung und Modernisierung von Verwaltungsprozessen durch Informations- und Kommunikationstechnologie – die Angebote öffentlicher Dienstleistungen werden online zugänglich gemacht. E-Government sieht den Bürger als Kunde von Regierungsdienstleistungen. Im Gegensatz dazu betont E-Partizipation die Rolle des Bürgers als mündiger Partner bei der politischen Entscheidungsfindung.

Mit dem Ausbau von Breitbandverbindungen des Internets in den Industrienationen ist dieses für fast jeden verfügbar. Das weltweite Netzwerk hat fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens durchdrungen. Die modernere Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen neben den klassischen Partizipationsmodellen auch neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung. Zu den Gleichgewichtsbedingungen einer funktionierenden Demokratie gehört auch die Beteiligung der Staatsbürger an der Politik. Nach der systemtheoretischen Gesellschaftstheorie von Luhmann ist nur das Ergebnis der spezifischen Kommunikation wichtig Dieses wird dann zur Grundlage für die weitere Kommunikation. Demnach ist zu erwarten, dass die genutzten Verfahren mit denen kommuniziert werden auch Konsequenzen auf das Verständnis von Demokratie haben.

Jürgen Habermas betrachtet die politische Öffentlichkeit als einen der wesentlichsten Diskursbegriffe der Demokratie und bezeichnet diese Öffentlichkeit als ein „Netzwerk für die Kommunikation“. Sie stellt eine „Kommunikationsstruktur dar, [die sich] weder auf die Funktionen noch auf Inhalte der alltäglichen Kommunikation bezieht, sondern auf den im kommunikativen Handeln erzeugten sozialen Raum“, in dem Bürger über gemeinsame Belange verhandeln. Aus diesem Grunde eignet sich die politische Öffentlichkeit als Inbegriff derjenigen Kommunikationsbedingungen, „unter denen eine diskursive Meinungs- und Willensbildung eines Publikums von Staatsbürgern zustande kommen kann“, und damit zum Grundbegriff einer normativen Demokratietheorie.

Wenn die Kommunikation zwischen Bürger und Staat eine so wichtige Rolle für die Demokratie hat, so müssen die genutzten Kommunikationsformen besonders betrachtet werden. Die empirisch orientierte Forschung und praktische Umsetzung zeigt, dass die E-Partizipation, welche eine mögliche Form der Kommunikation ist, sich an folgenden Faktoren orientieren sollte:

  1. Möglichst früh, möglichst viele und möglichst unterschiedliche Akteure beteiligen.
  2. Insbesondere diejenigen beteiligen, die von der Planung betroffen sind.
  3. Beteiligungsgleichheit schaffen.
  4. Offenheit in Bezug auf Lösungen und Wege zu Lösungen gewährleisten.
  5. Deliberativer Kommunikationsmodus und Moderation durch neutrale (allparteiliche) Dritte ermöglichen.
  6. Unterschiedliche Sichtweisen zusammenführen.
  7. Lernprozesse und die Entwicklung einer gemeinsamen Problemsicht initiieren und fördern.
  8. Partizipatorische Entscheidungsfindung garantieren,
  9. Kommunikations-Mischung berücksichtigen.

Wie auch bei klassischen Modellen der Bürgerbeteiligung gibt es auch elektronische Möglichkeiten des zivilen Ungehorsams und Protests, wie zum Beispiel „Hacktivists“ und „direkten onlineprotest“. Um ihren Protest öffentlich zu machen, setzen Hacktivists eine ganze Palette von illegalen oder zumindest zweifelhaften Methoden ein, wie z.B. „Website Defacement“, das Verunstalten öffentlich sichtbarer Seiten auf Webservern. Weitere beliebte Werkzeuge sind Redirects, DOS-Attacken, Informationsdiebstahl, virtuelle Sitzblockaden, Sabotage, oder Website-Parodien.

 

3. E-Partizipation vor dem Hintergrund von Weisheit der Vielen

Weisheit definiert sich als Expertentum in den grundlegenden Fragen des Lebens, das sich in höchstem Wissen und höchster Urteilsfähigkeit im Umgang mit schwierigen Problemen der Lebensplanung, Lebensgestaltung und Lebensdeutung zeigt..

  • Weisheit weist folgende Eigenschaften auf: Weisheit ist mehr als Wissen, es bietet als zusätzlichen Aspekt die Gesamtschau, die man benötigt, um in komplexen Situationen die besten Entscheidungen treffen zu können.
    Wenn das stückweise Wissen nicht ausreicht, dann muss man eine Möglichkeit finden, das gesamte, relevante und verfügbare Wissen zu kombinieren und dieses mit der Situation in Bezug setzen zu können.
    Wenn man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die richtige Entscheidung trifft, dann ist das Weisheit.
  • Weisheit hat nichts mit Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu tun.
    Weisheit ist langfristig zu sehen.
    Halbwissen ist in solchen Situationen manchmal schlechter als Nichtwissen, weil es in die falsche Richtung führen kann.
  • Weisheit ist vollständiges Wissen, aber richtig angewandt.

Unter dem Begriff die Weisheit der Vielen versteht man das kollaborative Arbeiten an einem Thema zur Ansammlung von Wissen oder zur Lösung einer Aufgabe. Wenn alle gut informiert sind und eine freie Aussprache möglich ist, sind Gruppen kompetenter als Einzelexperten. Damit eine Gruppe von Menschen als Experten (Weisheit der Vielen) fungieren kann, müssen gewissen Voraussetzungen gegeben sein.

Einer der Mechanismen zur Bildung des kollektiven Expertentums ist die E-Partizipation. Die Effektivität wird durch nachfolgende Punkte belegt.

Erstens: E-Partizipation umfasst ein Spektrum formeller und informeller Beteiligungsmöglichkeiten und -verfahren. E-Partizipation ist ein effektives mehrschichtiges Konstrukt, im Einzelnen kann zwischen folgenden Formen unterschieden werden:

  1. Information: Angebote, die auf die Bereitstellung, den Zugang und die Erschließung von Informationen öffentlicher Stellen abzielen und Voraussetzung für das Gelingen von anderen Beteiligungsformen sind.
  2. Transparenz durch Dritte: Informelle Angebote, die über Handlungen der Legislative oder Exekutive berichten und so öffentliche Kontrolle ermöglichen.
  3. Konsultation: Beteiligungsformen, durch die Expertise sowie Voten zu Planungs- und Entscheidungsprozessen von Bürgerinnen und Bürgern, Interessengruppen sowie Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu bestimmten Themen eingeholt werden.
  4. Eingaben / Beschwerden / Petitionen: Angebote, die es ermöglichen, Vorschläge oder Kritik, in der Regel über dazu eingesetzte vermittelnde Stellen, an die zur Entscheidung befugten Stellen und Behörden zu richten.
  5. Kooperation: Angebote, die auf einvernehmliche Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik, Bürgerschaft sowie Akteuren aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft abzielen und zu kollektiven Präferenzen und damit (auch) zu Ergebnissen führen, die von ursprünglichen Positionen abweichen.
  6. Aktivismus / Kampagnen / Lobbying: Beteiligungsformen, bei denen Einzelpersonen oder organisierte Akteure Maßnahmen ergreifen, die darauf abzielen, Aufmerksamkeit und Unterstützung für Themen und Positionen, aber auch für partikulare Interessen zu erhalten und die damit einen Beitrag zur politischen Meinungs- und Willensbildung leiste.

Zweites: E-Partizipation bildet ein soziotechnisches System. Unter einem soziotechnischen System versteht man eine organisierte Menge von Menschen und Technologien, welche in einer bestimmten Weise strukturiert sind, um ein spezifisches Ergebnis zu produzieren. Das Internet stellt eine technische Plattform für eine praktikable bzw. funktionale Kollaboration zwischen den Beteiligten bereit. Das Internet ermöglicht Datenübertragung, die

  • entfernungsunabhängig (und damit potenziell global für Fernkommunikation nutzbar) ist,
  • preisgünstig und leicht bedienbar ist,
  • dezentral organisiert ist,
  • Möglichkeiten der Einspeisung von Informationen für jedermann bereitstellt, und
  • durch Links und Suchmaschinen Orientierung ermöglicht.

Die Entwicklung des Internet zum Web 2.0, begünstigt die Akzeptanz der E-Partizipation als Kollaborationsmedium, denn urch das Web 2.0 hat sich die Kommunikation von Einem zur Mehreren (one-to-many) zu einer Kommunikation von Mehreren zu Mehreren (many-to-many) entwickelt. Das Web 2.0 ist kollaborativ und partizipativ ausgerichtete und stellt u.a. auch geräteunabhänige Applikationen bereit und lässt dem Benutzer einen hohen Grad an Freiheit in seiner Nutzung.

Die Funktionalität der Weisheit der Vielen finden bereits Anwendung in nachfolgenden Web 2.0-Seiten: Wikipedia, Weblogs, Twitter, Facebook, Xing, StudiVZ, MySpace, Social Bookmark, Live-Online-Tools.

Die meisten Kontakte zwischen Bürger und Verwaltung finden auf kommunaler Ebene statt. Das Modul des Erfolgsmodells E-Partizipation ist der Online-Ratgeber. Der Online-Ratgeber richtet sich an Entscheidungsträger und Experten in den Kommunen und bietet eine wirkungsvolle Unterstützung bei der Realisierung virtueller Rathäuser.

Basiskomponenten der virtuellen Rathäuser sind:

  • Portal
  • Virtuelle Poststelle
  • Authentifizierung
  • Formularserver
  • ePayment
  • Suchmaschine
  • Warenkorb
  • Fachverfahrensintegration (IProxy / SAP XI)
  • Content Management System

 

Fazit

E-Partizipation bezeichnet die Elektronische Beteiligung der Bürgerschaft an politischen Entscheidungen. E-Partizipation lässt sich so effektiv und kosteneffizient betreiben und als ein inhärenter Bestandteil der kommunalen Verwaltungs-Reformstrategie behandeln. Die Vorteile von E-Partizipation sind vielfältig: Politikverdrossenheit reduzieren, für Akzeptanz werben, Konflikte versachlichen, Schwung in festgefahrene Debatten bringen. E-Partizipation ermöglicht das Konzept der Weisheit der Vielen als ständigen Leistungsverstärker in dem „Dienstleistungsunternehmen“ Staat / Kommune und Gemeinde.

 

Literatur:

  • Siedschlag, Alexander/Alexander Bilgeri/Dorothea Lamatsch (2001): Elektronische Demokratie und virtuelles Regieren – Erfahrungen und Perspektiven. In: Kursbuch Internet und Politik, Bd. 1. 2001, S. 9–20.
    Siedschlag Alexander, Rogg Arne, Carolin Welzel: Digitale Demokratie. Willensbildung und Partizipation per Internet. Opladen: Leske und Budrich, 2002.
  • Vgl. Macintosh, Ann: eParticipation in Policy-making: the Research and the Challenges, Exploiting the Knowledge Economy: Issues, Applications, Case Studies Paul Cunningham and Miriam Cunningham (Eds) IOS Press, 2006.
  • Kaiser, Robert: Bürger und Staat im virtuellen Raum – E-Government in deutscher und internationaler Perspektive. In: Siedschlag et al, 2001, S. 57–68.
  • Vgl. Habermas Jürgen: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates, Frankfurt a. M.. 1992, 704 S.
  • Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1997.
  • Lindner, Ralf: Politischer Wandel durch digitale Netzwerkkommunikation? Strategische Anwendung neuer Kommunikationstechnologien durch kanadische Parteien und Interessengruppen Wiesbaden: VS Verlag, 2007, 441 S.
  • Habermas, Jürgen: Über den internen Zusammenhang von Rechtsstaat und Demokratie. In Preuß, U.K. (Hg.): Zum Begriff der Verfassung. Die Ordnung des Politischen. Frankfurt a. M. Frankfurt/Main. 1994, S.436.
  • Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt a. M.. 1990, S. 38.
  • Vgl. Wesselmann, Christoph: Internet und Partizipation in Kommunen – Strategien des optimalen Kommunikations-Mix, 1. Auflage, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag, 2002.
  • winfuture.de/news,39289.html.
  • Vgl. Baltes, Paul B. Weisheit als Expertenwissen: Lebenswissen und Altersintelligenz. In H. Scheidgen, P. Strittmatter, & W. H. Tack (Eds.), Information ist noch kein Wissen Weinheim: Beltz. 1990, (S. 169-186).
  • Albrecht Steffen, Kohlrausch Niels, Kubicek Herbert, Lippa Barbara, Märker Oliver, Trénel Matthias, Vorwerk Volker, Westholm Hilmar, Wiedwald Christian: E-Partizipation – Elektronische Beteiligung von Bevölkerung und Wirtschaft am E-Government. Studie im Auftrag des Bundesministeriums des Innern, Ref. IT 1 (Kurzfasssung) Bremen, im Januar 2008. http://www.ifib.de/publikationsdateien/ifib-zebralog-e-partizipation-kurz.pdf.
  • Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Soziotechnisches_System.
  • Grunwald Armin, Banse Gerhard, Coenen Christopher, Hennen Leonhard: Internet und Demokratie- Analyse netzbasierter Kommunikation unter kulturellen Aspekten. TAB-Arbeitsbericht. Nr. 100. Berlin, 2005. S.267.
  • Kommunales E-Government mit der Musterlösung „Rathaus21“.

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Eugen Stykow: E-Partizipation als Entwicklungsmöglichkeit zur Gesellschaft der Weisheit der Vielen
In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 18/2011.
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