Mona Noueshi – Städte und Sitten in der ägyptischen Literatur

TRANS: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 18. Nr.     Juni 2011


Plenarbeiträge | Plenary contributions

Mona Noueshi (Universität Kairo) [BIO]

Email: monanoueshi@hotmail.com

Städte und Sitten in der ägyptischen Literatur


 Konferenzdokumentation |  Conference publication


 

 

In jeder Sprache gibt es nicht wenige literarische Werke, die die Kultur, Traditionen, geschichtliche Fakten, Erscheinungen des gesellschaftlichen, politischen Lebens sowie sozioökonomische Verhältnisse und kulturelle Werte reflektieren. Einige literarische Werke können als ein Dokument des Landes, der Städte, der Gesellschaft, der Kultur und Traditionen der Länder angesehen werden. Werke von vielen arabischen bzw. ägyptischen Autoren reflektieren die Atmosphäre der Städte Ägyptens und entdecken ihre Bewohner – wie Yahya Hakki und Naguib Mahfuz, deren erzählende Literatur mit Kairo mit seinen erhaltenen Stadttoren, mit seinen Türmen, Plätzen und dichtbewohnten Vierteln – als Schauplatz – verbunden ist. Ihren Reiz erlangten sie durch ihre realistische Vertiefung in die Wirklichkeit und ihre Darstellung  besonders des tausendjährigen Teils der Stadt mit ihren engen, lärmenden Gäβchen, der alles von der Fülle und der Last der Jahrhunderte, Traditionen und überlebten Gewohnheiten bewahrt hat.

Der ägyptische Aurtor Ihsan ‚Abd el-Quddus (1919–1990) gehört zu den romantischen Schriftstellern, deren Werke in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts hineingehören. Er gilt in der arabischen Welt als der meist gelesene zeitgenössische Schriftsteller. Er beschäftigt sich mit dem ägyptischen Alltag und der sozialen Problematik des ägyptischen Kleinbürgertums, der ägyptischen Jugend und stellt sowohl die Emotionen und Schwächen von Menschen aus verschiedenen Milieus als auch die Traditionen, Sitten der Ägypter dar, worunter seine Frauengestalten leiden. Er schuf Figuren, mit denen man sich identifizieren kann. Seine Vorliebe für solche Figuren machte manchmal die Kurzgeschichte melancholisch und sentimental.

Sogar einige seiner verfilmten Romane und Kurzgeschichten waren Unterlagen eines strikten Zensurenverfahrens und waren nur auf Zuschauer über 18 Jahre beschränkt. Deshalb wird er zu den mutigsten Autoren gerechnet, die so etwas wagen. Seine Werke, in denen eine Vielzahl literarischer Frauen zu finden sind, sind weder Phantasie noch Dichtung, sondern spiegeln Wirklichkeit und Erlebnisausschnitte aus dem Leben wieder; sie sind eine literarische Transformation von dem, was er gesehen und durchlebt hat. Quddus entdeckt das Volk auf der Strasse, im Café, im Büro …

Ausgewählt wurden hier folgende Werke von Ihsan ‚Abd al-Quddus: Der Sohn des Umdas (Dorfmeisters) (1979), Polizeistunde (1979) und Abdalla und Fatma (1980).

Die Leiden der Frauen gehen auf bestimmte Konventionen der Gesellschaft zurück – indirekt durch die Darstellung der Frauenfiguren und die Beschreibung ihrer Verhältnisse zur Gesellschaft, zu den Sitten und Gebräuchen, denen sie unterliegen und wogegen sie sich nur schwer wehren können.

Quddus behandelt die Probleme der Frauen sehr indiskret, detailhaft und wie sie unter den Gedanken der Gesellschaft und der Tradition und dem Verbotenen leiden. Die Frauengestalten bei Quddus sind realistisch, sie kommen aus der Realität und haben besondere Wesenszüge. Sie reflektieren die Einsicht und Gefühle des Autors gegenüber der Frau; er liebt die Frau, da sie die Mutter des Lebens und „die wirkliche Erde“ ist; er respektiert sie. Seine Sympathie gegenüber der Frau liegt begründet in seiner Mutter, da sie die einzige in seiner Umgebung ist, die berufstätig war. Damals war der Beruf der Frau eine Schande, und es war immer nötig, sie vor den Jugendlichen seines Bezirkes zu verteidigen, alles, was er schrieb, geschah zur Verteidigung ihrer Ehre und nicht zur Zerstörung dieser.

Bei Quddus ist die Frau schwach. Der Mann spielt in ihrem Leben eine grosse, wichtige Rolle; deshalb taucht in den Kurzgeschichten Quddus‘ immer auf. Wir vermissen ihn kaum, z.B. ‚Fatma‘, die Nachbarin des Erzählers in (‚Abdallah und Fatma), die von ihrem Geliebten verführt wird; die arme hilflose Dienerin, Bahiya, in (Der Sohn des ‚Umdas [Dorfmeisters]), die im Haus des Bürgermeisters arbeitet und von seinem Sohn, der jede Sommerferien im Dorf verbringt, verführt und von ihrem Vater getötet wird.

Quddus führt manchmal den Leser zu einer psychologisch-motivierten Aufdeckung der widerspruchsvollen Innenwelt, die ihn an einer Stelle zu der Bemerkung veranlasst: „jeder Mensch hat in seinem Innern so etwas wie eine Stadt.“ Z.B. in (‚Abdallah und Fatma) geht es um das Problem der so genannten Ich-Verdopplung – um einen Mann, der sich ausschließlich in den Charakter einer Frau versetzt; vor lauter Liebe zu Fatma leidet er unter Schizophrenie, so dass er in die Rolle von Fatma hineinschlüpft und so handelt, als ob er sie wäre. Es liegt nur in der Natur der Frau, die sich rächen will, das Gesicht seines Gegners zu entstellen, so denkt nur eine Frau. Dies hat ‚Abdallah dazu getrieben, sein eigenes Ich aufzugeben und  zum Mörder zu werden, und zwar als Fatma, für die er alle Liebesbriefe geschrieben hat, von ihrem Liebhaber im Stich gelassen wird.

Quddus versucht, die Existenz der Frau in ihren gesellschaftlichen Konflikten zu zeigen. Die Pflicht und Aufgabe der Frau sieht er im Leben nur auf folgende reduziert: Sie ist dauernd auf der Suche nach einem Mann. Und wenn sie ihn findet, beschränkt sich ihre Aufgabe darauf, ihre Fäden um ihn in ihrem Netz ewig zu weben. Sie benutzt ihre Gefühle und Schönheit als Mittel dazu. Deshalb ist sie nicht immer Symbol des Idealseins, sondern sie präsentiert auch die schwache Gestalt im Leben.

Er zeigt die Frauengestalten häufig als Objekt unterschiedlicher Gefühle (Liebe, sexuelles Verlangen) oder als Handelnde, deren Auseinandersetzungen bestimmte gesellschaftliche und literarische Zwecke erfüllen (Geliebte, Verführerin).
 
Im Gegensatz zu den beiden Figuren Bahiya und Fatma, die verführt wurden und deren Verführer sie im Stich gelassen haben, ist der Beruf der Frauengestalt in Polizeistunde Tänzerin in einem Vergnügungslokal; das bedeutet, sie nützt ihren nackten Körper und ihre Körperbewegung aus, um Geld zu verdienen.

Seine Frauengestalten eignen sich insbesondere zur Darstellung des Verlusts von Freiheit.
So erscheinen sie als etwas Passives und Schwaches, werden als Opfer ihrer Geschlechtigkeit und als Objekt sexueller männlicher Begierden dargestellt. Sie leiden unter dem, was ‚für sie‘ von der Gesellschaft und Tradition verboten ist. Die Beziehung und der gegenseitige Einfluβ des Individuums und der Gesellschaft wird bei Quddus sehr stark betont, da die Beurteilung der Gesellschaft, der Sitten und Umgebung, auch im Leben der Frauen eine grosse Rolle spielen.

Der Mann spielt im Leben der Frau eine groβe, wichtige Rolle. Z.B.  die Tänzerin versucht jede Nacht vom Vergnügungslokal heimlich durch die hintere Tür nach der Polizeistunde zu verschwinden. Dort wartet ihr Geliebter jede Nacht auf sie, um sie nach Hause zu begleiten. Und ‚Fatma‘ in  Abdallah und Fatma  wird von ihrem Liebhaber verführt und im Stich gelassen. Die arme hilflose Dienerin, Bahiya, in Der Sohn des ‚Umdas (Dorfmeisters), die im Haus des Bürgermeisters arbeitet, wird von seinem Sohn, der jede Sommerferien im Dorf verbringt, verführt und von ihrem Vater getötet – da sie gegen die Gesetze der Gesellschaft gehandelt und der Familie Schande gebracht hat. So wird der Horizont der Frau bei Quddus als sehr begrenzt geschildert. Im Mittelpunkt des Geschehens steht hier die rein geschlechtliche Liebe und die Frau ist eine schwache Person, die vom Mann geführt wird. Bahiya bedeutet für den ‚Umdas Sohn nur eine Frau, ein Weib, eine einfache Befriedigung seines Geschlechtstriebes, mit der er einige fröhliche Momente verbringt, um die Langweile im Dorf zu überwältigen.

In der Anredeformel „mein Herr“ in ihrer Rede wird die Autorität und die Stärke des ‚Umdas Sohn ausgedrückt. Sie dient der Hervorhebung der Relation zwischen Bahiya und dem Sohn des ‚Umdas, der Herr, der Meister. Bahiya wird hier dargestellt als Eigentum des ‚Umdas Sohn, als Sklavin, die keine Rechte hat. Bahiya erfüllt diese geschlechtliche Relation widerwillig und wehrlos und diese Verführung kostet ihr das Leben, führt sie also  zum Tod, denn das ist für die Gesellschaft das höchst Verbotenene. Diese Beziehung wird von der Gesellschaft nicht akzepiert und die Frau allein wird dafür bestraft.

Die Beziehung zwischen der Tänzerin und den Kunden ist sexuell, rein geschlechtlich und wird in kurzen Sätzen hervorgehoben. Während sie tanzt, betrachten die Betrunkenen nicht die Tanzkunst, sondern die beim Bauchtanz beweglichen Körperteile der Tänzerin. Sie wird als Objekt sexueller männlicher Begierde dargestellt. Sie verdient ihr Brot duch Tanzen, was von der Gesellschaft nicht akzepiert wird. Sogar ihr Geliebter, der in der Lotterie gewinnt, gibt all das Geld aus, um mit ihr eine Nacht am Tisch zu sitzen und Sektflaschen – wie die anderen Kunden – zu bestellen und ihren Tanz zu betrachten.

Auch in Abdallah und Fatma handelt es sich um eine rein geschlechtliche Liebe, die im Mittelpunkt des Geschehens steht. Die Frau bedeutet für ‚Abdallah nur irgendeine Frau, mit der er einige Stunden genieβt und sie dann im Stich läβt.

Quddus‘ Stil  ist ein realistischer Reportagestil, er schreibt sachlich, einfach und nüchtern, knapp und angemessen. Er ist sparsam hinsichtlich des Ausdrucks; jedes Wort und jeder Satz ist wichtig.
Sie arbeitet mit indirekten Hinweisen, Andeutungen, die für die sprachliche Gestaltung der Kurzgeschichte generell gelten. Die Leiden seiner Frauengestalten begegnen uns in Abstrakta wie: „Angst, Schmerz, Tod, Verlorensein“; als Wirkung des grausamen Krieges.

Quddus‘ konkrete Substantive dienen hier zur genauen Beschreibung der Körperteile seiner Frauengestalten; wie Bauch und Körper, die die Körperteile der Tänzerin beim Bauchtanz im Vergnügungslokal beschreiben. Genauso dient das Substantiv Sachen zur Beschreibung Bahiyas‘ Köperteile aus – eine geschlechtliche Andeutung – , die den Dorfmeisters Sohn angelockt haben.

Bei der Beschreibung Fatmas‘ benutzt Quddus die Konkrata Augen und Brust, die auch eine geschlechtliche erotische Andeutung in der Kurzgeschichte haben. Die Wiederholung des  reflexiven Verbs sich bücken dient dazu, die körperliche Bewegung Bahiyas beim Aufräumen des Zimmers auszudrücken, und signalisiert, wie das Wasser im Mund des ‚Umdas‘ Sohn zusammenläuft.

Die Schwäche, Schmerzen, Passivität und Leiden der Frauengestalten Quddus drücken sich sowohl in Genitivattributen aus wie: Fatmas‘ Schwäche, Moment der Unterwürfigkeit als auch in den Attributen schreckliche und innere in: schreckliche Schmerzen, innere Zerrissenheit. Die Verben verführte und töten drücken deutlich aus, was mit Quddus Frauenfiguren geschehen ist: Diese Verben widerspiegeln die wechselseitige Beziehung zwischen den Frauen und der Gesellschaft und wie die Frauengestalten in diesen Werken als schuldig betrachtet werden.

Bahiya wird von ihrem Vater als Strafe für ihre Verführung und Schwangerschaft getötet. Sie allein trägt die Konsequenz für den Fehler des ‚Umdas Sohn, obwohl sie weder schuldig noch verantwortlich ist. Für die Gesellschaft bedeutet dies das etwas zutiefst Vebotene; die einzige Lösung dieses Geschehens ist der Tod. Auch Bahiya ist von den Sitten und Gebräuchen ihrer Gesellschaft, von ihrem Vater bedroht.

Die Hilfrufe Fatmas‘: „Erbärme dich deines Kindes, das ich in mir trage!“, „Lass mich nicht im Stich !“,
widerspiegeln das Bild ihres Verlorenseins  und ihrer schmerzlichen Seelenlage.

Als Bahiya verführt wird, versuchte sie alles Mögliche zu tun, um sich vor ihrem Verführer zu schützen. Sie war sprachlos, schwach und konnte nichts anderes tun als einen Schritt zurückzutreten und ihr Gesicht mit dem Schleier zu bedecken. Diese Worte drücken aus, daβ Bahiya die Verführungsmomente nicht erleben möchte – vielleicht aus Scham.

Die Substantive, die für Körperteile stehen, und die Adjektive und Verben, die das Aussehen der Frauengestalten bei Quddus beschreiben, entsprechen ihren oberflächlichen Charakter, den der Autor betonen möchte. Sie dienen dazu, die Sinnlichkeit zu akzentuieren.

Die Leiden Quddus‘ Frauen, die durch kurze, einfache Sätze ausgedrückt werden, und die für den Stil Quddus‘ charakteristisch sind, sind darin verborgen, daβ die Männer bzw. die Gesellschaft sie nur als weibliches Geschlecht, weibliches Wesen, weiblichen Körper, d.h. als Symbol der Sinnlichkeit behandeln.

 


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Mona Noueshi: Städte und Sitten in der ägyptischen Literatur –
In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 18/2011.
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