Nr. 18    Juni 2011
TRANS: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften

Section | Sektion: Signs and the City. In honor of Jeff Bernard

Urbanität als eine interdiskursive Kompetenz

Zdzisław Wąsik (Philological School of Higher Education in Wrocław und
Adam Mickiewicz University in Poznań, Poland) [BIO]

Email: zdzis.wasik@gmail.com


 Konferenzdokumentation |  Conference publication


 

Abstract:

Urbanity as an Interdiscursive Competence. The term “urbanity” is usually referred to the personal characteristics of city dwellers and their attitudes towards the life in the city or an urban area, which is traditionally recognized or formally organized as a settlement with a dense non-agricultural population and having the legal status of a self-sustaining and -governing entity. People who can be described as possessing the property of urbanity, in opposition to rurality, are accordingly described as citified. Applying a discourse-oriented perspective to urbanity, we will speak about the competence of human individuals in terms of their linguistic and cultural abilities and knowledge of how to exist, work and play in various discursive domains of the city. The notion of discourse will be thus specified in terms of the relational properties of meaning bearers or meaning-processing activities that link communicating individuals playing certain roles in group interactions, as observable persons and inferable subjects, into interpersonal and intersubjective collectivities when they create and interpret similar meanings embodied in the material means and modes of human understanding. These respective meaning bearers come up in the realization of language and culture determined by the functional circles, interest spheres or thematic preferences of humans, etc., as, e.g., family, neighborhood, market, festival or carnival, magazine, school, church, media, office, bank, parliament, army, law, courtroom, prison, hospital, communication roads, information centers, feminism, anti-colonialism, green peace movements, and the like.

To establish a typology of discursive linkages as aggregations of communicating selves into discursive communities who interact for the realization of their common tasks, for the satisfaction of their survival needs and cultural values, as well as for the fulfillment of their social requirements depending upon their environmental conditionings, it will be necessary to distinguish various occupational spheres of public services that create the basis for interpersonal communication in the city, such as, for example,: food and utility supply, commodity and public transportation, manufacturing, industrialization, advertising, marketing, trading, canalization, sanitation, waste removal, road and shelter building, designing, renovation, housing, hostelling, education, health-caretaking, hospitalization, interment, relaxation, recreation, gardening, defense, penalty, controlling of morality or standard conduct, exclusion, elimination, inclusion, incorporation, custody, arrest, taxation, banking, civic gathering, public corporation, municipality service, governing, administering, tourisms, and the like.

Speaking about the interdiscursive competence, we apply this notion to the dispositional properties of city dwellers which enable them to effectively communicate with other individuals as “the significant others” in urban environments while performing their role-oriented tasks in different discursive domains of human life-world under the pressure of collective sanctions. By this we take for granted that in order to develop their general competence, people living in the city have to acquire their declarative knowledge, improve their skills and know how, advance their existential capability, and foster their ability to learn.

 

Gegenstand, Objekt und Gesichtspunkt der Untersuchung

Den Gegenstand meiner Forschungen(1) bildet eine Suche nach den bedeutungstragenden Eigenschaften der Stadt, betrachtet als Untersuchungsobjekt vom Gesichtspunkt der Diskurstheorie. Als Aufgabe der Untersuchung habe ich mir gestellt, einen begrifflich-methodologischen Rahmen auszuarbeiten, in dem die Urbanität als kommunikative Lebensform der Stadtbewohner erörtert werden kann.

Einen Rahmen, der zur Erörterung der Frage der Urbanität beitragen konnte, bietet der Diskursivismus, der von dem epistemologischen Ansatz jener Wissenschaftler ausgeht, die ihr Untersuchungsobjekt unter einer diskursorientierten Perspektive analysieren. Die epistemologische Analyse eines wissenschaftlichen Objekts besteht in der Bestimmung seiner Wesensart und der Prüfung seiner Erkenntnismöglichkeit. Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen der Stadt als obiectum reale und der Stadt als obiectum formale, d.h. zwischen Objekt und Gegenstand der Wissenschaft.

Wissenschaftliche Objekte existieren in der realen Welt mit allen ihren Eigenschaften unabhängig von subjektiver Erkenntnis. Der Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist ein Ensemble der Merkmale des Untersuchungsobjektes, das durch die Wahl von Erkenntnisperspektiven bestimmt ist.

Objekte in der realen Welt haben essentielle und akzidentielle Eigenschaften, die außerhalb der Erkenntnissphäre von Wissenssubjekten existieren. Den Untersuchungsgegenstand bilden die relevanten and kontingenten Merkmale eines erkannten Objektes, die von einem Wissenssubjekt individuell wahrgenommen, begriffen und als Ensemble von charakteristischen Eigenschaften konzipiert werden können.

Als Essenz werden wesensnotwendige Eigenschaften von bisher noch nicht erkannten Seinsformen bezeichnet. Relevanz dagegen umfasst nur funktional-unentbehrliche Merkmale der erkannten Seinsformen. Man kann dementsprechend sagen, dass die Essenz der Stadt niemals greifbar ist. Die Beobachter können nur relevante Merkmale der Stadt unterscheiden, wenn sie eine bestimmte Untersuchungsperspektive annehmen.

 

Die Stadt als Untersuchungsobjekt

Städte als Objekte der Untersuchung sind in der Diskussion von Philosophen und Urbanisten nicht nur erforscht, sondern auch als ideale oder sogar utopische Entitäten vorgeschlagen worden. Erwähnenswert in diesem Kontext sind zwei markante Beispiele aus der unmittelbaren Vergangenheit, nämlich: die Charte d’Athènes [Charta von Athen] (1933) und die Europäische Städtecharta II. Manifest für eine neue Urbanität (2008).

Charte d’Athènes

Die Charta von Athen entstand als Reaktion auf die sozialen Funktionen moderner Städte. Als Programm einer funktionalistischen Architektur und Kunst wurde sie während des IV. Kongresses von CIAM (Congrès International de l’Architecture Moderne) 1933 in Athen formuliert. Von der Auffassung der Stadt im geschichtlichen Sinne ausgehend, setzte die Charta sich das Ziel, die funktionalen Probleme der neu zu bauenden Städte zu lösen.

Die Charta von Athen bestimmte eine räumliche Trennung der vier gesellschaftlichen Funktionen der Stadt: Wohnen, Freizeit, Arbeiten und Verkehr, und verlangte eine architektonische Aufgliederung des Stadtgeländes in autonome Funktionsbereiche.

Die Charta von Athen diskutierte, wie die Bedrohungen für die Substanz von architektonischen Denkmälern zu vermeiden sind, die aus der chaotischen Entwicklung der Stadt in der „Ära der Maschine” und dem individuellen Hausbau resultierten.

In ihren 95 Leitsätzen zum Städtebau bestimmte die Charta von Athen die Richtungen, in die die Stadt entwickelt werden sollte, indem sie zwischen privaten Zielsetzungen und sozialen Notwendigkeiten unterschied. Von höchster Priorität waren die sozialen Aufgaben. Die Stadt sollte die individuelle Freiheit auf der geistigen und der materiellen Ebene sichern und den privaten Gewinn dem Gewinn der Gesellschaft unterordnen. Unter der Voraussetzung, dass die ästhetischen Ziele den sozialen Erfordernissen entsprachen, wurde gefordert, dass die Stadt nicht nur die physiologischen sondern auch die psychologischen Bedürfnisse von Individuen erfüllte.

Die Charta von Athen beschäftigte sich auch mit der Analyse des damaligen Zustands der Stadt. Dieser war durch die beschleunigten Industrialisierungsprozesse und die ungeplanten Erweiterungen der natürlichen Grenzen bedingt war, die durch die Bedürfnisse der Stadtbewohner und die Erfordernisse der sich differenzierenden Gemeinschaften verursacht wurden.

Die Europäische Städtecharta

Als bahnbrechender Schritt für die Zukunft ist die erste Europäische Städtecharta (1992)(2) zu sehen, welche fünfzehn Jahre später als Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt (2007)(3) und dann als Europäische Städtecharta II: Manifest für eine neue Urbanität (2008)(4) erweitert wurde. Die Städtecharta, die vom Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats 1992 verabschiedet wurde, bot Ansätze zu einer integrierten Stadtentwicklungspolitik der europäischen Gesellschaft, Ökonomie, Zivilisation und Kultur in der Ära der Globalisierung.

Die Europäische Städtecharta II: Manifest für eine neue Urbanität, die am 29. Mai 2008 in Straßburg angenommen wurde, ergänzte and aktualisierte den ursprünglichen Beitrag des Kongresses mit einen modernen Ansatz zur Optimierung des Stadtlebens. Das Manifest wandte sich an die europäischen Staaten mit dem Ziel, nachhaltige Städte zu entwickeln, die sich den zeitgenössischen Erfordernissen der städtischen Gesellschaft anpassen und eine gemeinsame Lebensart sowie eine neue Kultur des Lebens fördern.

Die Europäische Städtecharta war eine Einladung an die lokalen Behörden, bei aller Verschiedenheit der von ihnen vertretenen Werte, die Prinzipien ethischen Regierens, nachhaltiger Stadtentwicklung und Solidarität in der Politik zu implementieren. Das Manifest für eine neue Urbanität richtete Forderungen und Vorschläge an die mit der Stadtentwicklung Beschäftigten.

 

Diskurstheorie als Ausgangspunkt für eine neue Untersuchungsperspektive

Um zu erklären, was Diskursivismus ist, beziehen wir den Begriff „Diskurs” auf typische Eigenschaften von bedeutungstragenden Produkten oder bedeutungsentwickelnden Prozessen, die durch die gesellschaftlichen Rollen der Kommunikationsteilnehmer und ihre Kultur bestimmt werden. Den Terminus Diskurs kann man im engeren philologischen Sinne oder im breiteren semiotischen Sinne verstehen.

Vertreter der Sprach- und Literaturwissenschaften gebrauchen den Terminus Diskurs in der Typologie der Texte oder Vertextungsprozesse, die durch den Kommunikationskontext bestimmt sind. Mit der Einbeziehung nonverbaler Kommunikation ist der Diskurs als Realisierung von Zeichensystemen in gesellschaftlich und kulturell bedingten Umgebungen anzusehen.

Die vielfältigen Typen von Diskursen, die durch semiotische Objekte oder Handlungen realisiert werden, verbinden Menschen, wenn sie ihre bedeutungstragenden Verständigungsmittel auf ähnliche Art und Weise kreieren und interpretieren, zu interpersonalen und intersubjektiven Gemeinschaften. Metaphorisch gesehen, könnten Diskurse auch als textliche Realisierungen der Kultur in der rollen- und aufgabenbedingten Kommunikation angenommen werden.

Die betreffenden semiotischen Objekte und Handlungen treten in den Funktionskreisen von Gemeinschaften auf, wo die Interessensphären des menschlichen Lebens determiniert werden, wie z.B. Familie, Nachbarschaft, Markt, Festival oder Karneval, Geschäft, Schule, Kirche, Medien, Büro, Bank, Parlament, Armee, Gericht, Gefängnis, Krankenhaus, Verkehr, Informationszentren, politische, soziale, berufliche u.ä. Freiheitsbewegungen usw.

 

Urbanität als eine diskursive Lebensform

Um die diskursorientierte Perspektive auf das Objekt der Stadtuntersuchung anzuwenden, wird die Idee der Urbanität als eine Form von Leben, Arbeit und Spiel in der Stadt hervorgehoben, wo die Stadt als eine traditionsbedingte und gesellschaftlich anerkannte Siedlungsform, mit einer dichten nicht-ländlichen Bevölkerung anzusehen ist, die den legalen Status einer sich selbst erhaltenden und sich selbst verwaltenden Entität besitzt.

Die Urbanität wird gewöhnlich auf persönliche Eigenschaften von Stadtbewohnern und ihre Einstellung zum Leben in der Stadt und der urbanen Umwelt bezogen. Die Einzelpersonen oder Gesellschaften, denen Urbanität zugeschrieben wird, sind demgemäß als „städtisch geprägt” [Engl. citified] zu betrachten. Das lateinische Wort urbanitas konnotiert „kulturell poliert“, im Gegensatz zu rusticus, welches die Natürlichkeit bezeichnet, die das für das Land charakteristisch ist.

In der Untersuchung von diskursiven Praktiken und Mustern der Stadtbewohner, die in der urbanen Umgebung kommunizieren, ist es wichtig die Sphäre von Bedeutungsträgern (Semiosphäre) als eine Sequenz von bedeutungstragenden Begebenheiten und Geschehnissen zu finden, d.h., die Aspekte und Konstituenten des Diskurses in der Stadt verbinden als Zeichenprozesse (Semiosen) die kommunizierenden Individuen zu diskursiven Bündnissen auf unterer Ebene und zu diskursiven Gemeinschaften auf höherer Ebene der gesellschaftlichen Gruppierung.

Um eine Typologie von diskursiven Gemeinschaften zu erstellen, die in städtischen Ortschaften, in Kleinstädten, Großstädten und ihren Agglomerationen (Metropolises, Megapolises) als Aggregationen von diskursiven Bündnissen kommunizieren, ist es notwendig, solche kommunalen Aufgaben zu finden und zu nennen, welche für die Erfüllung von individuellen und gruppenspezifischen Lebensbedürfnissen und kulturellen Werten ausschlaggebend sind.

Eine Basis für die Kreierung von diskursiven Bündnissen können die verschiedenen Berufsbereiche der Sozialdienste bilden, wie: Lebensmittel- und Gebrauchsartikelversorgung, Personen und Waren, Transport, Verkehrsinfrastruktur, Handwerk, Industrialisierung, Werbung, Marketing, Handel, Wasserversorgung, Sanierung, Abfallentfernung, Bauarbeiten, Renovierung, Wohnungsvermietung, Altersheim, Jugendherberge, Kinderbetreuung, Schulwesen, Gesundheitswesen, Hospize, Begräbnisdienste, Freizeitgestaltung, Unterhaltung, Gartenpflege, Arrest, Haft, Verteidigung, Strafvollzug, Ausschluss, Eliminierung, Vormundschaft, Steuerexekution, Bankdienste, Versammlungen, Korporationen, Verwaltung, Regierung, Administration, Touristik, und andere mehr.

 

Zwischen zweckorientierten Funktionen und bedürfnisorientierten Werten

Semiotiker, die ihre Aufmerksamkeit den Regeln zur Erzeugung von so genannten Kulturtexten widmen, berücksichtigen zwei Formen von Bedeutungsträgern in einer Kultur. Deshalb unterscheiden sie eine auf Praxeologie bezogene Semiotik von einer auf Axiologie bezogenen Semiotik, wo das semiotische Objekt als derjenige Typ von Kulturobjekt betrachtet wird, der entweder als zweckdienliches Werkzeug oder als bedürfniserfüllendes Kulturgut für menschliche Kultursubjekte Bedeutung hat. Dementsprechend wird die Kultur als ein System von praxeosemiotischen und axiosemiotischen Regelmäßigkeiten betrachtet, die die Bedeutung von Werten oder Funktionen bestimmen, indem sie die Lebensformen und Verhaltensweisen der Menschen durch verbale und nonverbale Produkte ihrer Aktivität und Stellungnahme festlegen.

Hervorgehoben wird in der anthropologischen Theorie der Kultur die Rolle des Subjekts als Bedeutungsbenutzer oder Bedeutungsverwerter, der die Objekte der Kultur als Zeichen entweder von Zwecken oder von Bedürfnissen nominiert und subsumiert. In der semiotischen Aktivität des Menschen kann man deswegen zwei Arten von Bedeutungs-Nominierungen und Bedeutungs-Subsumierungen unterscheiden, einerseits vom Standpunkt der Praxeologie und andererseits der Axiologie.

Die „praxeosemiotische Nominierung und Subsumierung” ist mit der Zuordnung von Funktionen zu den Objekten verbunden, die bisher für gewisse Zwecke noch nicht verwendet wurden. Die „axiosemiotische Nominierung und Subsumierung” dagegen resultiert in dem Transfer von Produkten der Aktivität und dem Verhalten der Menschen zur Sphäre der Kulturgüter, die bisher noch nicht vom Standpunkt ihrer Werte betrachtet wurden.

Der „praxeotische“ Akt oder der „axiotische“ Akt kann von einem semiotischen Akt begleitet werden, wenn das Kulturobjekt mit dem Kultursubjekt in eine neue Relation eintritt. Die Zuordnung von Bedeutungen zu den Objekten, die bisher gemäß ihren Funktionen oder Werten entweder als natürlich oder kulturell galten, trägt zur Schaffung neuer Gegenstände im epistemologischen Sinne bei und resultiert in ihrem Transfer in eine andere Klasse der Wirklichkeit.

Zwischen der funktions- und zweckorientierten und der wert- und bedürfnisorientierten Auffassung von Bedeutung in der Sprache und Kultur besteht ein Alternativitätsverhältnis. Beide Formulierungen des Zeichens und seiner Bedeutung als Werkzeug und als Kulturgut enthüllen nur einen aspektbezogenen Unterschied zwischen zwei Seiten des selben Objekts, das entweder vom Standpunkt der Funktion oder des Werts für das Kultursubjekt bedeutsam ist, wie es im Schema 1 dargestellt ist.

Schema

Spezifische Termini in Schema 1 lassen sich folgendermaßen erklären: Objekt ist ein sinnlich wahrnehmbares Kulturobjekt, das in der Kultur funktioniert oder bewertet wird; Praxeosignifikat ist ein funktionales und bedeutsames Kulturobjekt, betrachtet sowohl als Werkzeug als auch als Zeichen; Axiosignifikat ist ein wertvolles, und bedeutsames Kulturobjekt, betrachtet sowohl als Kulturgut als auch als Zeichen; Subjekt ist ein Kultursubjekt, ein Bedeutungs-Schöpfer, Bedeutungs-Benutzer, der die Kulturobjekte (Objekt-Exemplar 1 und Objekt-Exemplar-2) einem Objekt-Typ von Praxeosignifikaten oder Axiosignifikaten zuordnet. Werkzeug ist ein Kulturobjekt, welches eine Benutzungsfunktion hat, um die Erfüllung eines subjektiven Zweckes eines Kultursubjekts zu ermöglichen. Kulturgut ist ein Kulturobjekt, welches einen Wert für die Erfüllung eines subjektiven Bedürfnisses des Kultursubjekt besitzt; Bedeutung ist die Relevanz eines Kulturobjektes für das Kultursubjekt in Bezug auf eine zugeordnete Eigenschaft als Zeichen einer Funktion (Praxeosignifikat) oder eines Wertes (Axiosignifikat); Funktion ist eine Rolle, welche ein Werkzeug spielt, indem es für einen Zweck des Kultursubjektes benutzt wird; Wert ist eine Beziehungseigenschaft des Kulturobjekts, welches ein subjektives Bedürfnis von einem Kultursubjekt erfüllt. Zweck ist eine Aufgabe, die für die Handlung eines Kultursubjektes einen Ansporn bedeutet, das Werkzeug zu benutzen, welches eine Dienstfunktion erfüllt; Bedürfnis ist ein Mangel im Organismus, welcher für die Handlung des Kultursubjektes einen Ansporn bedeutet, das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen. Benutzung/Erfüllung ist die Verwendung von Werkzeugen oder Kulturgütern für Zwecke oder Bedürfnisse von Kultursubjekten. Zuordnung ist eine semiotische Nominierung oder Subsumierung von Objekten-Exemplaren als identisch mit dem Objekt-Typ.

Sowohl im Diskurs über die Stadt als auch im Diskurs in der Stadt werden funktions-bezogene als auch wertbezogene semiotische Exponenten der Urbanität in Betracht gezogen, die die Einstellung von Stadtbewohnern zu den materiellen und geistigen Verhältnissen darstellen. Exponiert werden z.B. Alternativkonstrukte wie öffentlich vs. privat, global vs. lokal, fremd vs. intim, weit vs. nah, auswärtig vs. einheimisch, zurückhaltend vs. freundlich, anonym vs. bekannt oder sogar real vs. utopisch, u.a.m.

Wer den pragmatischen Diskurs in der Stadt untersucht, kann Fragen stellen, die sich auf zivilisationsbedingte Aspekte des individuellen Lebens in der Öffentlichkeit beziehen, wie z. B. Erfordernis, Bedürfnis, Wert, Macht, Autorität, Konflikt, Anpassung, Zusammenarbeit, Wettbewerb usw. Semiotiker, die kulturelle Traditionen als Wertsysteme erforschen, können die Gebilde und Verhalten von Menschen als Spuren ihrer Sitten und Bräuche, die die Stadtbewohner in organisierte diskursive Gemeinschaften verbinden.

 

Soziokulturelle und interdiskursive Kompetenz der Stadtbewohner

Mit der semiotischen Zuordnung von Kulturobjekten zu den bedeutsamen Werkzeugen oder Kulturgütern ist die Frage der persönlichen Kompetenz von Kultursubjekten verbunden. Die Kompetenz als eine Befähigungseigenschaft ermöglicht den Stadtbewohnern effektiv miteinander zu kommunizieren, wenn sie ihre rollenbezogenen Aufgaben durch entsprechende Sprechakte unter der Sanktion von gesellschaftlicher Akzeptabilität realisieren.

Wenn man den Begriff der sprachlichen und kommunikativen Kompetenz erweitert, kann man bemerken, dass die Effektivität und Akzeptabilität der menschlichen Kompetenz mit der Entwicklung und Modellierung der persönlichen Merkmale des kommunizierenden Individuums zusammenhängt, wo die Entwicklung des Menschen in kulturellen und gesellschaftlichen Umgebungen durch die generations- und traditionsbedingten Regeln als normative Prinzipien bestimmt werden.

Neben der linguistischen und kommunikativen sollte auch die so genannte soziokulturelle Kompetenz des Stadtbewohners berücksichtigt werden; Sie umfasst mindestens vier zu erreichende Eigenschaften: begriffliches Wissen (savoir), handwerkliche Fertigkeiten (savoir-faire), existentielles Wissen (savoir-être), Lernfähigkeiten (savoir-apprendre). Solche rollenbedingte Kompetenz im Bereich der Gesellschaft und Kultur wurde 1996 vom Europarat in Straßburg und dem Europäischen Zentrum für Moderne Sprachen, in Graz vorgeschlagen, seit 2001 ist der Text als Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen(5), erhältlich (vgl. Coste, Daniel, Brian North, Joseph Sheils, John Trim. 2001 [2001] {2001}).

 

Literatur in Auswahl

 


Anmerkungen:

1 Dieser Text basiert auf dem Gastvortrag mit dem Titel „Die Stadt im Licht der Diskurstheorie“, der von dem Verfasser am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin am 25. Januar 2010 um 12 Uhr im Raum TEL 304 gehalten wurde. Er berücksichtigt die Untersuchungen, die auf dem 10. Semiotik Kongress in La Coruña, Spanien, am 22 September 2009, am präsentiert wurden. Die Resultate dieser Untersuchung sollen jetzt im Druck erscheinen (vgl. Wąsik 2011).
2 Europäische Städtecharta (1992). Entschließung 234, die am 18. März 1992 durch die Ständige Konferenz der Gemeinden und Regionen Europas (SKGRE) anlässlich ihrer jährlichen Plenarsession (Siebenundzwanzigste Session. Strassburg, 17.–19. März 1992) verabschiedet wurde.
3 Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt (2007). Angenommen anlässlich des informellen Ministertreffens zur Stadtentwicklung und zum territorialen Zusammenhalt in Leipzig am 24. / 25. Mai 2007.
4 Europäische Städtecharta II Manifest für eine neue Urbanität. Am 29. Mai 2008 in Straßburg anlässlich der 15. Plenarsitzung durch den Kongress angenommen. Berichterstatter: Carlos Alberto Pinto (Portugal). Ko-Bericherstatter: Willy Borsus (Belgien) und Myriam Constantin (Frankreich). Vgl. Manifesto for a New Urbanity – European Urban Charter II. ISBN 978-92-871-6538-1. Council of Europe Publishing, Strasbourg 2009.
5   Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen: Lernen, lehren, beurteilen (GER; auch GERS): http://www.goethe.de/Z/50/commeuro/i3.htm (last access: 17.06.2011)