»Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land« – Österreichische Bilder des Mittelmeers

Alessandra Schininà

Abstract

Dieser Artikel versucht die Entwicklung der österreichischen Bilderwelt um das Mittelmeer kurz zu skizzieren, von der Biedermeierzeit ausgehend bis zur Gegenwart. Um die Beziehungen zum Mittelmeer der mitteleuropäischen SchriftstellerInnen zu verstehen, ist eine einfache Gegenüberstellung Nord-Süd nicht ausreichend. Für sie gilt vielmehr das Bewusstsein einer dynamischen Wechselwirkung verschiedener Komponenten, ein akuter Sinn für Geschichte, jedoch zugleich die Feststellung der Relativität der Dinge. Das Meer, die Inseln, die Landschaft, die mehrschichtige kulturbedingte Architektur der Küstenländer sind oft der Ausgangspunkt für utopisch-literarische Visionen und Synthesen. Außerdem war das Mittelmeer zentraler Schauplatz der Kriege des XX. Jahrhunderts, was den Kontrast zwischen der Idylle und der brutalen Realität des Südens stark akzentuiert.

In den Vorstellungen österreichischer AutorInnen manifestieren sich zwei Tendenzen in Bezug auf die Darstellung des Mittelmeers: eine Idealisierung, die bis heute weitererlebt, andererseits einen entzauberten Realismus. Meistens erzeugen sie verschiedenartige, ja widersprüchliche Kombinationen, bis hin zur Schaffung eines literarischen Ortes zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Auch im Fall der ÖsterreicherInnen ist die Italienische Reise Goethes ein Vorbild, d.h. eine Vision des Südens als Ort der Auseinandersetzung mit der antiken Geschichte, mit den Mythen und mit einer “anderen” Natur- und Kulturlandschaft, um die eigene Identität als Intellektueller aus dem Norden zu kennzeichnen, als Kontrast oder Ergänzung.

Um die Beziehungen zum Mittelmeer der mitteleuropäischen SchriftstellerInnen zu verstehen, ist jedoch eine einfache Gegenüberstellung Nord-Süd nicht ausreichend. Für sie gilt vielmehr das Bewusstsein einer dynamischen Wechselwirkung verschiedener Komponenten, ein akuter Sinn für Geschichte, jedoch zugleich die Feststellung der Relativität der Dinge. Von einem geschichtlichen Standpunkt aus gesehen war das Verhältnis der habsburgischen Welt zu den Regionen des Mittelmeeres besonders eng und selbst verschiedene Merkmale des habsburgischen Mythos sind auch im Mittelmeerraum vorhanden. Die Mischung von deutschen, lateinischen, slawischen, jüdischen Kulturelementen in der mitteleuropäischen Kultur z. B. taucht auch im Mittelmeerraum wieder auf und für die Reisenden aus Österreich wird diese Kombination zur Quelle von Epiphanien, von Erleuchtungen. Die Mittelmeerländer werden noch immer hauptsächlich als Wiege der klassischen Kultur verstanden, aber es gesellt sich dazu, im Gegensatz zu Goethe, nicht nur das Interesse für das Mittelalter, sondern auch für das Barocke, für die arabische und die jüdische Kultur. Die Begegnung mit dem Mittelmeer bedeutet die Entdeckung eines anderen helleren Lichts, auch das Klima und die Landschaft tragen zur Erweiterung des eigenen kulturellen Horizonts bei. Das Meer, die Inseln, die mehrschichtige kulturbedingte Architektur der Küstenländer sind oft der Ausgangspunkt für utopisch-literarische Visionen und Synthesen. Außerdem war das Mittelmeer zentraler Schauplatz der Kriege des XX. Jahrhunderts, was den Kontrast zwischen der Idylle und der brutalen Realität des Südens stark akzentuiert. Heute ist auch der Mittelmeerraum Teil der nunmehr globalisierten Welt; seine Darstellungen sind jedoch noch von einer althergebrachten Tradition geprägt und dennoch nicht frei von Gemeinplätzen und Instrumentalisierungen.

Um die Entwicklung der österreichischen Bilderwelt um das Mittelmeer kurz zu skizzieren möchte ich von der Biedermeierzeit ausgehen, als Epoche der Geburt der modernen österreichischen Literatur und des habsburgischen Mythos im XIX. Jahrhundert. Die mediterrane Erfahrung Adalbert Stifters ging nur bis zum habsburgischen Triest. Hier, 1857, während eines kurzen Aufenthalts, stieg der Schriftsteller an Bord der Kaiserlichen Dampffregatte Radetzky1. Die Pläne einer Reise nach Süditalien scheiterten jedoch und das Meeresabenteur des Biedermeierhelden beschränkte sich dergestalt auf die Fernglasbeobachtung des offenen Meeres vom Deck eines österreichischen Schiffes, das festgeankert im Hafen lag, in Sicherheit also vor den Gefahren einer Fahrt ins Unbekannte. Die verfehlte Seereise verwandelte sich für Stifter in ein imaginäres Abenteuer in den ihn umgebenden Mikrokosmos, im Versuch auch die antike, klassische Welt des Mittelmeers auf eine museale Dimension zu reduzieren, innerhalb einer provinziellen Festlandidylle, wie es dann auch im Landhaus-Museum Risachs im Nachsommer geschieht. In seinem sentimentalen Reisebericht Danubio bemerkt Claudio Magris wie in Mitteleuropa, neben der Tendenz zur Entgrenzung und multikulturellen Offenheit, auch eine Tendenz zur Absperrung, zu dessen Verteidigung präsent ist. Dies führt zum Bau von Dämmen und Barrieren gegen das Leben, wie im Fall von Josef K. oder von Dr. Kien, aus denen jedoch eine ungeduldige Sehnsucht in Metamorphosen zu entfliehen zu erkennen ist2. Der Intellektuelle aus Mitteleuropa lebt in einer dauernden Spannung zwischen Be- und Entgrenzung. Für Stifter sind das Meer, das Mittelmeer, so wie die slawische Welt, eine faszinierende Versuchung und Gefahr.

Bewegter ist die Erfahrung des Mittelmeers von Franz Grillparzer. Das goethesche Ideal der Wiederentdeckung der klassischen Welt lebt in ihm weiter, die Perspektive erweitert sich jedoch bis zum Thema der Auseinandersetzung von Kulturen, z. B. in der Medea-Trilogie, und zu psychologischen und sozialen Aspekten der Modernität. Als Dramenautor bevölkert Grillparzer seine Werke mit HeldInnen aus einem Mittelmeerraum, der sich von Spanien bis zur arabischen Welt erstreckt, indem er Spannungen und Widersprüche zwischen idealen Vorstellungen und geschichtlicher Wirklichkeit durchsickern läßt. Als Reisender dringt er bis zum östlichem Mittelmeer, über Italien und Griechenland, bis nach Konstantinopel. Mit gemischten Gefühlen, zwischen Bewunderung und Enttäuschung3, fern von jedem oberflächlichen Exotismus, analysiert er geschichtliche und soziale Umwälzungen – wie die ersten Zeichen eines Massentourismus – und als Erbe des Josephinismus, beobachtet er mit einem entzauberten, laizistischen Blick die prunkvollen Zeremonien der katholischen Kirche und die abergläubischen Erscheinungen der Heiligenverehrungen, so wie den nahöstlichen Mystizismus. Als Archivdirektor erkundet er die historischen Verbindungen zwischen Mittel- und Osteuropa und dem Mittelmeerraum. Bei Grillparzer erweisen sich beide Regionen und Kulturen tief miteinander verstrickt; die Wellen des Meeres und der Liebe, die Hero und Leander in die Fluten reißen und das Schiff der Argonauten von Küste zu Küste hin- und herwerfen, treiben von den Stränden des klassischen Mythos hin zu den Klippen familiärer und sozialer Auseinandersetzungen, um sich in der (mittel)europäischen Gegenwart zu brechen.

Nach Grillparzer, zwischen dem XIX. und dem XX. Jahrhundert, führt ein weiterer österreichischer Autor das Mittelmeer auf eine erweiterte europäische Vision zurück. Hugo von Hofmannstahl hält zum Mittelmeerraum die Beziehung eines feingebildeten und bewußten Ästheten, der die örtlichen, und vor allem zeitlichen Entfernungen zu verwischen versucht. Der Mitteleuropäer der Jahrhundertwende fährt Richtung Süden nicht aus Abenteurlust, sondern um einem Gefühl der Alienation zu entfliehen und um sich eine Identität zu geben. Die symbolischen Orte sind in dieser Hinsicht Venedig und Sizilien4. Für die damaligen deutschen Reisenden zeigte nunmehr Venedig die Zeichen einer faszinierenden, aber unaufhaltsamen Dekadenz. Hofmannsthal betrachtet hingegen die Stadt der Lagune als Ort voller vitaler Syntonie. Hier offenbart sich der Übergang, die Umwandlung von einem Zustand in einen anderen, indem sich Kunst und Natur fruchtbar miteinander verknüpfen. Hier koexistieren verschiedene antike Epochen harmonisch mit der Gegenwart, vereint in einem idealen, undefinierbaren Zustand, in den Lüften, über dem Meer. Das “Durcheinander der Kulturen” interessiert Hofmannsthal. Dank diesem, wird das anscheinende Chaos, werden die Zeitgrenzen aufgehoben.

Eine ähnliche Mischung aus Geschichte, Kultur und Erzählungen fasziniert 1925 Hofmannsthal während seiner Reise in Nordafrika. Bestürzt vom Labyrinth aus Häusern, Gärten, Hinterhöfen und Gassen der Stadt Fez schreibt er:

So geht eins ins andere, und alles ist, als wäre es von immerher. […] Und dieses Zusammenhängen aller Dinge mit allen, diese Verkettung, der Behausungen und der Arbeitsstätten und der Märkte und der Moscheen, dieses Ornament der sich ineinder versstrickenden Schriftzüge, […] all dies umgibt uns mit einem Gefühl, einem Geheimnis, einem Geruch, in dem etwas Urewiges ist, eine Urerinnerung – Griechenland und Rom und das arabische Märchenbuch und die Bibel5.

Ziel der Sizilienreise ist für Hofmannsthal “das Neue” zu suchen. Dieses Neue heißt jedoch vergangene jedoch noch vorhandene Kulturen zu entdecken, wie z. B. das Mittelalter oder das Barock, das in den prunkvollen Massenprozessionen, in den bunten Festzügen oder im sizilianischen Puppentheater noch anwesend ist. Für den Dichter bedeutet “das Neue” das Eigene im Anderen neu zu entdecken, das was man verloren glaubte in einer neuen, lebendigen Gestalt wiederzufinden, sozusagen in verschiedenen Zeitabschnitten gleichzeitig aufzutreten. Es interessiert ihn nicht die Aktualität Italiens oder Siziliens im Jahr 1924, sondern die Suche nach kulturellen und symbolischen Bedeutungen. Zuhause im nunmehr auseinandergefallenen habsburgischen Mitteleuropa besteht eine Kluft zwischen dem inneren Gefühl der Totalität und der Außenwelt. So glaubt Hofmannstahl in der Mittelmeerinsel eine verlorene Harmonie wahrzunehmen. Er erkennt, ein Kind seiner Zeit zu sein und einen anderen Zugang als Goethe in der Annäherung an die Welt des Mittelmeers zu haben. Im Essay Sizilien und wir, nachdem er seine Bewunderung für den reisenden Goethe geäußert hat, distanziert er sich von diesem und erklärt:

Wir sind anders hergekommen als er [Goethe]. Er kam, geschaukelt wie Odysseus, von widrigen Winden zurückgehalten, mühsam und gefährlich. Wir kommen über Nacht. Wir reisen schnell, fast so schnell wie der Blick über die Landschaft hinfliegt; ja die Schnelligkeit, mit der wir uns bewegen, ermutigt noch die Kühnheit unseres Auges: wo der Blick nicht gewahrt als einen bläulichen Duft, dort werden wir morgen umhergehen und einem neuen Horizont die Herrschaft unserer Gegenwart aufzwingen […] Wir beherrschen den Raum und zugleich die Zeit6.

Der Reisende des XX. Jahrhundert hat eine andere Wahrnehmung von Raum und Zeit als der in der Goethezeit, aber der Blick des Künstlers will außerdem unter die Oberfläche schauen, um die Welt und die Weltgeschichte besser in Griff zu haben. Das Bewusstsein der Weite und zugleich der Relativität des Universums verstärkt den Willen zur Öffnung nach allen Richtungen, «nach wunderbaren prometheischen Horizonten«7. So ist die Insel inmitten des Mittelmeers für Hofmannsthal »dramatischer als irgendein Punkt der Welt« und gerade daher kann sich der Geist »von Pythagoras zu Kolumbus«8 spannen und jede Raum- und vor allem Zeitgrenze überwinden.

Eine wachsende Problematisierung der Beziehung des Ästheten der Jahrhundertwende zum Mittelmeerraum, immer schwieriger aktualisierbar zu einer subjektiven, ideellen Konstruktion, taucht schon bei Stefan Zweig auf. Abendaquarelle aus Algier heißt ein von ihm 1905 geschriebenes Feuilleton9. Der auf eine malerische und träumerische Atmosphäre hinweisende Titel beweist eine ästhetisierende Haltung; aus der Wirklichkeit wird ein buntes Schauspiel. Vom sich dem Hafen nähernden Schiff beschreibt Zweig die Stadt Algier als eine zauberhafte, vielfärbige Märchenlandschaft im Abendlicht. Er ist sich bewusst, daß die romantischen Bilder der Wüste und ihrer Bewohner lediglich eine literarische Konstruktion sind, beharrt aber auf der poetischen Verklärung sogar des Häßlichen und Verschmutzten, indem er eine Tausend- und-eine-Nacht-Tonalität aufklingen läßt.

Im Laufe der Jahre wechselt er diese verklärende Haltung, wie er selbst, zwischen Ironie und Melancholie feststellt. Wiedersehen mit Italien ist der Titel eines im April 1921 verfassten Artikels10. Nach den Kriegsereignissen kehrt Zweig nach Italien zurück und empfindet keine inzwischen eingetretenen Veränderungen. Als “aristokratischer” Reisender freut er sich über das Ausbleiben der deutschen Massentouristen, die bislang den Marcusplatz auf eine “deutsche Taubenfütterungsanstalt”, Capri auf einen “Skatplatz” und Rimini auf ein Ischl am Meer reduzierten. Die deutschen Spießer auf Urlaub der Romane Heinrich Manns werden durch “Thomas Mann-Deutsche”, d.h. belesene und kunstliebende Reisende, ersetzt. Zweig findet jedoch nicht mehr den Typus des jungen reisenden Künstlers, der seinem alten Ich entspricht:

Ich sehe uns selbst von damals, junge Menschen aus allen Nationen, Deutsche, Skandinavier, Engländer, Italiener, Dichter, Kunsthistoriker, Maler, Musiker, Menschen aus den verschiedensten Klassen, Ständen und Völkern in heiterer Gemeinsamkeit Florenz und Rom durchstreifend, einer den anderen fördernd durch Leidenschaft und Begeisterung […] so daß uns allen im Worte Italien wieder der Begriff heiterer Jugend zurückklingt. Diese jungen Menschen, sie sehe ich nicht mehr: ihnen ist Italien versperrt durch die Schwierigkeit des Lebens, und ihre Heiterkeit fehlt dem Bilde Italiens so sehr, wie diesen jungen Menschen die Heiterkeit Italiens für immer fehlen wird11.

Die Reise nach Süden als Bildungserfahrung ist Teil einer Nostalgie nach einer Welt von Gestern in einer nunmehr endgültig veränderten Zeit, gekennzeichnet von Wirtschaftskrisen und gewaltigen sozialen und politischen Spannungen. Die den Artikel schließende Aufforderung an die jungen Menschen, der stickigen und vergifteten Atmosphäre des Nachkriegsösterreichs zu entfliehen, um im Italien des Jahres 1921 ein eigenes Arkadien zu finden, zeigt wie die Landschaften des Mittelmeeres, trotz allem, einen idealen Wert bewahrten.

Denselben poetischen, poetologischen, egozentrischen Wert haben das Meer und die Länder des Mittelmeeres für Rainer Maria Rilke. Es handelt sich nicht einfach um eine Sehnen nach dem Süden, sondern eher um die Suche den Dingen einen bleibenden Sinn zu geben und der Möglichkeit dieses Bewußtsein durch Worte dichterisch Gestalt zu vermitteln. Jeder Hinweis auf die Aktualität verschwindet und die Küsten, die Inseln, die Vegetation und der Wind des Mittelmeeres werden fast zu Urmythen, die präsent und zugleich irreal, ja ungreifbar sind, wie die fliehende Göttin Kore, die zwischen den Klippen Capris entgleitet:

Kore, wie sehnst du dich so
nach den wilden Gängen
in den Felsen die hängen
über dem Drängen des Meeres:
Kore, wie sehnst du dich so.
Dort, an der nahen Gefahr
gehst du sicher, du Blinde,
in die Wilde gehüllt
als wär es dein Haar.
Blumen mit einem hellen
Blick der dem deinen gleicht
stehn wo sie keiner erreicht,
haben es leicht
an den schrecklichsten Stellen.
Kore, wer bist du. Wer?
Sind das deine wirklichen Tage?
Was trägst du für eine Sage
zurück in die vage Wildnis
über dem schweren Meer.12

Die Meereslandschaft wird auf das Wesentlichste reduziert, zeitlos und Anlaß zu existentiellen Fragen. Später, nach dem ersten Weltkrieg erfährt auch Rilke eine Art Mittelmeer-Ernüchterung. Vorher waren Capri, Venedig oder Duino, als Gast reicher Mäzene, einmalig beeindruckende, inspirationsreiche Orte. Doch fand Rilke dort 1920, nach seinem letzten Besuch, keine neuen Impulse mehr und kehrte daher nicht mehr nach Italien zurück.

Die “ästhetische” Idealisierung des Mittelmeers erfuhr infolge der nach der durch Faschismus und Krieg verursachten Zerrüttung einen endgültigen Ausklang in den Dreißiger Jahren,. Es wird immer schwieriger und schließlich unmöglich, sich ein außerhalb der Zeitgeschichte liegenden Mittelmeerraum vorzustellen. Selbst die Landschaft ändert ihre Eigentümlichkeiten. Soldaten am Meeresstrand heißt ein 1938 erschienenes tragikomisches Feuilleton des rasende Reporters Egon Erwin Kisch. Hier wird der in ein großes Lazarett für die Verwundeten der Internationalen Brigaden verwandelte spanische Badeort Benicasim ironisch geschildert. Die Luxusvillen werden zu Spitalpavillons und tragen die Namen der HeldInnen der Revolutionen (von Garibaldi bis zu Rosa Luxemburg). Anstelle von eleganten Urlaubern spazieren auf den Straßen Kriegsbeschädigte in Krankenanzügen. Die internationalen Gäste am Strand sind jetzt Kämpfer “aus allen möglichen Ländern […] und sprechen belgisch und negerisch und österreichisch und balkanisch13”, über das blaue Meer dröhnen Flugzeuge, lassen Bomben fallen.

Die Ereignisse überschlagen sich und die Mittelmeerländer verwandeln sich in Kriegsschauplätze und Exilstätten. Die Hafenstädte werden zu Aufbruchstationen in ferne Länder, zu letzten Landstrichen eines hell brennenden Europas. Es fehlt dabei nicht die nostalgische Note und der beharrliche Versuch, noch Gesten und Spuren einer fast verlorengegangenen Menschlichkeit. Manche finden Zuflucht auf einer dalmatischen Insel (es ist der Fall von Theodor Czokor und Alexander Sacher-Masoch), andere erreichen sogar Palästina. Die Regionen des Mittelmeers mit Erinnerungen und Andeutungen überladen und die Fahrt übers Meer, oft eine dramatische Flucht, werden zum Symbol des Schiffbruches, der Niederlage Europas, besonders Mitteleuropas. Der Roman Hotel Baalbek von Fred Wander spielt in Marseille, als eine österreichische Variante des Romans Transit von Anna Seghers. In den Seiten des Exilschriftstellers wird die Hafenstadt des Mittelmeers zu einem erhitzten Schmelztiegel von Völkern und Kulturen. Wie in der Stadt Casablanca des gleichnamigen Films münden hier alles Gute und Schlechte der Vergangenheit, der Gegenwart und sogar der Zukunft eines von Konzentrationslagern geplagten Europas zusammen. Aus weiter Ferne, aus Amerika, träumen noch die österreichischen EmigrantInnen von einer habsburgisch-mediterranen Welt einer goldenen Epoche, in der man sich frei von Wien nach Venedig, von Budapest nach der Cote d’Azur, zwischen Istrien und Konstantinopel bewegt.

Nach dem zweiten Weltkrieg sind die österreichischen AutorInnen neuerlich deplaciert. Sie sind entweder Überlebende und Rückkehrer in ein besetztes Land auf der Suche nach einer neuen Identität nach Kompromittierung mit dem Nazismus, oder exilierte Staatenlose, oder auch BürgerInnen eines anderes Staates. Auch die Beziehung zum Mittelmeerraum wird distanzierter und kritischer, obwohl das Mittelmeer weiterhin ein Ort für existentielle und literarische Utopien und Epiphanien bleibt. Für Ingeborg Bachmann besteht gerade hier die Möglichkeit, die vom Krieg zerstörte Welt wiederaufzubauen, zum Aufbruch nach der Sintflut: »Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land«14. Indem die Dichterin sich wie auf einem metaphorischen Schiff inmitten jeder Art von Gefahren literarisch durchlaviert, versucht sie die “zersplitterten” Bilder neu zusammenzusetzen. Das Abenteuer des Schreibens ist für Bachmann wie eine Reise Richtung Süden, Richtung Licht, die Möglichkeit durch Worte eine zertrümmerte Welt wieder herzustellen; es handelt sich nicht um Nostalgie der Vergangenheit, sondern um die Suche nach einem neuen, menschengerechteren Idealbild, das sowohl Sinne als Vernunft anspricht. Im Zyklus Lieder auf der Flucht versucht sie Erde, Meer und Himmel durch Worte zu umarmen:

Erde, Meer und Himmel.
Von Küssen zerwühlt
die Erde,
das Meer und der Himmel.
Von meinen Worten umklammert
die Erde,
von meinem letzten Wort noch umklammert
das Meer und der Himmel!15

Das Mittelmeer ist für Bachmann nicht nur ein Repertoire von Bildern sondern auch eine Schatzkammer von Worten, bedeutsamen, suggestiven Namen, die eine Vision schaffen, in der Verzweiflung und Hoffnung einander abwechseln. Verse wie »Silben im Oleander, Wort im Akaziengrün« sind beispielhaft für diese Verwendung von “Mittelmeerwörtern”, die weit über die Landschaftsbeschreibung gehen und zur Utopie werden. Die Ernüchterung ist jedoch immer im Hinterhalt und das Mittelmeer, seine Küsten, Inseln, Städte, mit ihrer Fülle an Urmythen, Geschichte und Schönheit zeigen ihre Ambivalenz als Sinnbild des Lebens und des Todes. In der Erzählung Simultan ist die Küste Kalabriens der Ort, wo die Hauptfigur – eine in einer Welt aus fremden, mechanisch wiederholten Wörtern verlorene Simultanübersetzerin – sich ihre eigene, persönliche Sprache, ihr Leben wieder in Griff zu bekommen versucht. Von oberflächlichen Liebesbeziehungen frustriert, wieder enttäuscht nach einer schwindel- und angsterregende Autoauffahrt mit ihrem neuen Freund, um den Hügel mit der Statue des Christus von Maratea zu erreichen, klettert sie allein über die Meeresklippen. Dabei gewinnt sie ein neues Selbstbewußtsein und kann vorwärts und standfest nach allen Seiten schauen:

Sie ging noch einmal zu den Felsen und sie kletterte nicht mehr vorsichtig, sondern sprang, wo sie konnte, von einem zum andern, […] und sie wurde immer waghalsiger, kühner, und ja, jetzt, sie setzte hinüber zu dem weitgelegenen schwarzen Felsen, si riskierte es eben, abzustürzen, sie fing sich benommen, sie sagte sich, es ist eine Pflicht, ich muß, ich muß leben, und nach einem zwanghaften Blick auf die Uhr kehrte sie um, um sich nicht zu verspäten, und sie verbesserte sich, aber was sage ich mir da, was heißt das denn, es ist keine Pflicht, ich muß nicht, muß überhaupt nicht, ich darf. Ich darf ja und ich muß es endlich begreifen, in jedem Augenblick und eben hier, und sie sprang, flog, rannte weiter mit dem, was sie wußte, ich darf, mit einer nie gekannten Sicherheit in ihrem Körper bei jedem Sprung. Ich darf, das ist es, ich darf ja leben. […] sie […] sah wieder hinaus, es ist das Meer, es ist wunderbar, und jetzt trau ich mich auch, hinter mich und hinaufzusehen zu den hohen phantastischen Hügeln, auch zu dem Felsen von Maratea, dem überhängenden, steilsten, und dort oben sah sie etwas wieder, eine kleine, kaum sichtbare Figur, mit ausgebreiteten Armen, nicht ans Kreuz geschlagen, sondern zu einem grandiosen Flug ansetzend, zum Auffliegen oder zum Abstürzen bestimmt.16

In den Texten Bachmanns verknüpfen sich Erinnerung und Gegenwart, soziopolitische Überlegungen und existenzielle Fragen. In diesem Sinne haben Landschaft, Geschichte und Menschen des Mittelmeers eine wesentliche Rolle in der Poetik und im Versuch der Autorin, sich selbst, Österreich und Europa zu verstehen.

Während für Bachmann das Mittelmeer weniger eine malerische Landschaft als eine Quelle von Worten ist, die ausgesprochen und “gelebt” werden sollten, bedeutet es dagegen für Elias Canetti eine Welt aus Lauten und Stimmen, aus Erzählungen, die gehört werden sollten. Als neugieriger und nüchterner Schriftsteller und Reisender sammelt Canetti in Die Stimmen von Marrakesch die Eindrücke einer Reise durch Marokko, die er in den 50er Jahren, der Übergangsphase vom Kolonialismus in die postkoloniale Zeit, unternahm. Das Buch wurde erst 1967 veröffentlicht und auch diese zeitliche Entfernung hilft dem Autor eine banale Gegenüberstellung Norden-Süden zu vermeiden. So entlarvt sich Marrakesch nicht gerade als kulturell homogen. Während seiner Spaziergängen durch Straßen, auf Plätzen der marokkanischen Stadt erkennt der vaterlandslose Intellektuelle seine sepharditischen Wurzeln, seine Identität als Erzähler, erfreut sich seiner Mehrsprachigkeit, indem er sich in den vielen “Stimmen” der Stadt widerspiegelt. Er ist besonders beeindruckt von den eigenartigen Erzählern, die auf offenem Platz ihre Geschichte deklamieren:

Am meisten Zulauf haben die Erzähler […] Ihre Worte kommen von weiter her und bleiben länger in der Luft hängen als die gewöhnlicher Menschen. Ich verstand nichts und doch blieb ich in ihrer Hörweite immer gleich gebannt stehen. […] Aber ich war auch froh, daß ich sie nicht verstand. Sie blieben für mich eine Enklave alten und unberührten Lebens […] Ich war stolz auf die Macht des Erzählens, die sie über ihre Sprachgenossen ausübten. Sie erschienen wie ältere und bessere Brüder von mir.17

Das Nordafrika Canettis ist keineswegs malerisch und sonnenüberflutet, vielmehr hart realistisch und polyphonisch, manchmal undurchsichtig und sogar unbehaglich. Es enthält Elemente des Wahnsinns, von Grausamkeit, Elend, aber auch epische Würde und Überlebenskraft18.

Für die nunmehr an Fern- und Extremreisen gewohnten AutorInnen der Gegenwart, ist das Mittelmeer näher und vertrauter denn je, Teil einer globalen Vision, die sich mit Migrationsproblemen, Ökologie, Wirtschaftskrise, Terrorismus, Allgegenwart der Medien auseinandersetzt. Realität und symbolische Funktion werden enger verknüpft. Die Länder des Mittelmeers, das Meer an sich, werden zu Orten, an denen Widersprüche der Modernität auftreten und zuweilen explodieren. Im allgemeinen überwiegt jetzt in den Texten das Interesse für menschliche Begegnungen. Natur und Kunst stehen nun im Hintergrund. Der mitteleuropäische Schriftsteller will kein einfacher Beobachter sein, er versucht sich in die Perspektive des “Anderen” zu versetzen.

»Die Touristen kaufen sich ja immer nur ihr eigenes Bild von der Welt, und da sind alle fröhlich, und die angestellten Einheimischen sollen die Fröhlichsten sein. So eine Vergangenheit mit Massenvergewaltigungen und Massakern gibt es in diesem Bild nicht«19, behauptet Nelia Fehn, die Protagonistin des Romans Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland von Marlene Streeruwitz, die durch ein von der Wirtschaftskrise gezeichnetes Griechenland reist. Von Kreta aus aufbrechend, wo die Schwester ein veganes Resort führt, beginnt die zwanzigjährige Wienerin, nachdem sie die Fähre verpaßt und das Gepäck verloren hat, eine kleine Odyssee, um Athen zu erreichen, um zusammen mit ihrem griechischen Freund, an einer Protestkundgebung teilzunehmen. Die typische Vergnügungsreise auf den griechischen Inseln verwandelt sich so in eine Auseinandersetzung, die von Prekärität und Gewalt, von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und diffuser Sexismus gekennzeichnet ist. Es ist ein von reichen und gelangweilten Deutschen auf Urlaub, Intellektuellen in Krise, zweideutigen Schiebern, mutigen griechischen Frauen, Demonstranten und Polizisten durchkreuztes Mittelmeer. Landschaft und Denkmäler stehen in den Hintergrund zugunsten einer vielfältigen, aus ökonomischen oder existentiellen Gründen verzweifelten, realen und symbolischen Stürmen ausgesetzten Menschheit.

Den Wellen preisgegeben sind auch die leidenden Menschen im Elfriede Jelineks dramatischen Text Die Schutzbefohlenen. Hier vermischen sich die Bilder der Flüchtlinge auf den Booten mit denen der marschierenden Kolonnen von Asylbewerber, die in Österreich Zuflucht suchen. Erinnerungen an antike Verfolgungen, Abwanderungen und klassische Mittelmeermythen leben dabei wieder auf. Hier verlieren das Mittelmeer und seine Küsten Reiz und Anmut und werden zu Orten epischer Tragödien, als Folge der europäischen Politik, der globalisierten Wirtschaft.

Für die österreichischen AutorInnen der Gegenwart wird aus einem idealisierten Mittelmeer ein konfliktreicher Ort, wo sich Ideologien und Religionen miteinander auseinandersetzen. Der Protagonist des Romans Andernorts von Doron Rabinovici, der Soziologe Ethan Rosen, lebt in einer Welt multipler Identitäten. Ethan ist überall und dennoch nirgends zuhause: er spricht deutsch, hebräisch, englisch, französisch, versteht italienisch, spanisch und arabisch und ist stets fliegt fast ständig zwischen Wien und Israel. Er zieht Nutzen aus seiner Fähigkeit, sich in einem mediterranen-mitteleuropäischen Babel wohl zu fühlen. So ist seine Identität, auch die als Wissenschaftler, undefinierbar:

Manche munkelten, seine Thesen und Theorien seien in Wirklichkeit nichts als Übersetzungen der vielen Gedanken, die er da oder dort aufschnappte. Er betreibe Importexportgeschäfte mit akademischen Ideen. Er profitiere davon, zwischen den Kontinenten und Kontinuitäten, zwischen den Regionen und Religionen umherzugeistern. Aber es war kein freundliches Interesse für die Welt, das ihn trieb. Seine Eingebungen und Ahnungen wurden von Angst gespeist. Ethans Mißtrauen galt den Zivilisationen und Ideologien. Er schrieb an den Bruchlinien entlang.20

Die Geschichte des XX. Jahrhunderts wirft weiter ihre Schatten auf alle Regionen des Mittelmeers. Flugreisen ersetzen Schiffsreisen, das aus dem Flugfenster erspähtes, erlebtes Mittelmeer, bis hin zu den nahöstlichen Küsten, verschmilzt fast mit dem europäischen Kontinent. So entdecken die Figuren des tragikomischen und paradoxen Romans von Rabinovici überraschende Zusammenhänge über ihre Herkunft. Das führt zu einem dauernden Rollenvertauschung, der eine enge Affinität aller Protagonisten aufzeigt. Sie sind wie in einem Spinnennetz gefangen, das sich von Österreich bis hin nach Israel spannt, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Auch die mythische Dimension der Mittelmeerorte setzt sich weiter auf den Seiten der GegenwartsautorInnen aus Österreich fort, oft mit dem Motiv des Erzählens verbunden. In seinem Atlas eines ängstlichen Mannes, sammelt Christoph Ransmayr Eindrücke seiner in dreißig Jahren unternommenen Reisen. Inmitten von Erlebnissen in fernen Regionen, von der Arktis bis Ozeanien, spielen auch bedeutungsvollen Episoden in Oberösterreich und einigen Mittelmeerländern. Die verschiedenen Orte gewinnen einen symbolischen Wert, da es mehr um Empfindungen und Begegnungen als um Landschaftsbeschreibungen geht. Persönliche Erinnerungen verknüpfen sich mit antikem Glauben, Legenden und Mythen. Natur und Kultur verschmelzen und die Perspektive erweitert sich bis zur Überwindung von Zeit und Raum21. Die Himmelsbrücke heißt die Episode über eine in der Wüste Marokkos abgelegene Nekropolis. Diese befindet sich bei einer Kette schwarzer, felsiger Hügel in Form eines riesigen kreisförmigen Unterkiefers. Laut einer uralten mündlichen Überlieferung sei hier vom Nachthimmel ein Meteorit gefallen. Den Nomaden, die diesem Phänomen beiwohnten, interpretierten den Fall des Meteoriten als eine Brücke aus Licht, »die Himmel und Erde für einen Atemzug verband«22. Diese unauslöschliche Erinnerung wurde durch die Jahrhunderte überliefert: die folgenden Generationen begannen von weither ihre Toten an diesen Ort hinzutragen, um sie dort zu bestatten.

Ransmayr ist überzeugt, »daß wir vieles, was wir von unserer Welt zu wissen glauben, nur aus Erzählungen kennen«23. So schafft er auch in den sich in Griechenland abspielenden Episoden eine enge Beziehung zwischen Zeit, Erde, Meer, Himmel des Mittelmeeres und der gesamten Erzähltradition. Dank der Einbildungskraft wird hier die Realität zur Vision. Auf der Insel Ios klettert der Reisende auf einen Hügel und steht vor dem vermeintlichen Grabmal Homers. Er schaut in die Ferne und im Rauschen des Windes hat er den Eindruck, das Gewirr der Stimmen von Hypothesen über die Existenz Homers und der namenlosen Sänger zu vernehmen. Das Grabmal kann nunmehr »nur die Erinnerung an einen Chor verschollener Erzähler bewahren«, am Abend jedoch, in der Stille, sieht durchs Fernglas, hinter einer Fregatte der griechischen Marine eine lange Reihe von weißen Segeln, die heranziehende Flotte der griechischen Helden:

Erst im Fernglas, weit draußen […] sah ich eine Fregatte der griechischen Marine […] Unbeirrt und gleichgültig gegenüber dem Widerstand von Wind und Wellen, zog die Fregatte, […] dahin, als schleppe sie eine wachsende, Himmel und Wasser erfassende Unruhe hinter sich her, eine aus der Meerestiefe emporsteigende Dunkelheit, in der ich plötzlich etwas Helles, Weißes aufplatzen sah und noch etwas Weißes – Segel!, Segel über Segel, weiß, weiß, das ganze schneeweiße, schon vom Nachtwind geblähte Tuch einer Flotte […] prunkvolle, unaufhaltsam dahinziehende Schiffe, die […] Kurs nahmen auf eine dem Untergang geweihte Stadt, auf Schlachtfeldern, Inseln der Liebe und der Barbarei.24

Vom Blick durchs Fernglas des in Triest auf dem verankerten Schiff harrenden Stifters zu dem gleichermaßen durchs Fernglas blickenden globe-trotter Ransmayr sind mehr als 150 Jahre vergangen. Auch die österreichischen AutorInnen richten ihre Augen auf das Mittelmeer und stellen sich Schifffahrten, Schiffbrüche, Kriegs- und Liebeserfahrungen, Gärten und Wüsten, Utopien vor. Das Mittelmeer als mythopoietischer Ort, als privilegierter Ort existentieller, historischer, politischer Untersuchungen bleibt ein ständiger Bezugspunkt für ihre literarische Phantasie, der weit über eine einfache Gegenüberstellung Nord-Süd geht. Es handelt sich vielmehr um die Beziehungen zwischen Natur und Kultur, die Interaktion zwischen individualem und kollektivem Gedächtnis, zwischen der Wahrnehmung der Realität und ihrer Darstellung. Gerade aus der Konfrontation mit dem Mittelmeerraum, in der Vermischung von realer Erfahrung und einer angehäuften Bilderfülle, die von der Antike bis zum Internet gehen, entstehen jene Texte, die die Debatte über die Rolle der Literatur in einer Welt der mobilen Grenzen fördern und zur Konstruktion einer mediterranen und europäischen Identität beitragen.


1 Darüber vgl. Leopold Federmair, Auch Stifter war in Italien, in Id, Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie, Salzburg, Wien 2005, S. 252-260.

2 Cfr. Claudio Magris, Danubio, Milano 1986, S. 163.

3 So schreibt er bei seinem ersten Anblick des Meeres: »Ah! Und da lag es vor uns weit und blau und hell, und es war das Meer […] Das Bild vom Meere in meiner Phantasie war allerdings mächtiger, gewaltiger gewesen als die Wirklichkeit, und doch fesselte mich der Eindruck so, daß ich mich kaum trennen konnte, ich hatte mir das Meer nämlich nicht so schön gedacht, nicht so unbeschreiblich schön«. In Franz Grillparzer, Sämtliche Werke, Wien 1900-1948, Abt. II, B. 7, S. 152. Über die Reisetagebücher des Autors vgl. Alessandra Schininà, Flucht aus dem Biedermeier. Die Reisetagebücher Grillparzers in Id., “Ich wäre tot, lebt’ich mit dieser Welt” Franz Grillparzer in seinen Tagebüchern, St. Ingbert, 2000, S. 111-128.

4 Über die Reisen und das Verhältnis Hofmannstahl zu Venedig und Sizilien vgl. Marco Rispoli, Venedig, Weg vom festen Land,il faut glisser und Claudia Bamberg, Sizilien. Später Traum vom alten Europa, beide in Hofmannstahl. Orte, hrsg. von W. Hernecker e K. Heumann, Wien 2014, S. 156-175, S. 396-414.

5 Hugo von Hofmannstahl, Reise im nördlichen Afrika, in Id, Gesammelte Werke. Erzählungen. Erfundene Gespräche und Briefe, Frankfurt am Main 1979, Bd. 7, S. 645. Ich bedanke mich bei Arturo Larcati für diesen Hinweis.

6 Hugo von Hofmannstahl, Sizilien und wir, in Id., Gesammelte Werke. Gedichte und Prosa, Artemis 2003, Bd.1, S. 455.

7 Ebenda, S. 457.

8 Ebenda, S. 456.

9 Stefan Zweig, Abendaquarelle aus Algier, in Id., Auf Reisen. Feuilletons und Berichte, Frankfurt am Main 1987, S. 58-64.

10 Stefan Zweig, Wiedersehen mit Italien, in Id., Auf Reisen. Feuilletons und Berichte, a.a.O., S. 235-240.

11 Ebenda, S. 239.

12 Rainer Maria Rilke, Poesie e Prose, a cura di L. Terreni, trad. di L. Traverso und M. Doriguzzi, Firenze 1992, S. 286-287. Über den Aufenthalt Rilkes auf Capri siehe Die Bildung der Sinne. Rilke auf Capri, hrsg. von P. De Luca und D. Liguori, Tübingen 2016.

13 Egon Erwin Kisch, Soldaten am Meeeresstrand, in Id., E.E. Kisch, Gesammelte Werke. Geschichten aus sieben Ghettos. Eintritt verboten. Nachlese, Berlin und Weimar 1985, S. 311-336, hier S. 313.

14 Ingeborg Bachmann, Werke, München 1978, Vol. I, p. 167.

15 Ingeborg Bachmann, Werke, München 1978, I, S.143.

16 Ingeborg Bachmann, Simultan, in Id, Werke, München 1978, V. S. 313-314

17 Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch. Aufzeichnungen nach einer Reise,Frankfurt am Main 1980, S. 66-67.

18 Vgl. Manfred Durzak, Elias Canetti. Formen des Umgangs mit dem “Fremden”. Am Beispiel der “Stimmen von Marrakesch”, in Id., Literatur im interkulturellen Kontext, Würzburg 2013, S. 69-85.

19 Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn, Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland, Frankfurt am Main, 2015, S. 87.

20 Doron Rabinovici, Andernorts, Berlin 2010, S. 11.

21 Cfr. Hermann Dorowin, Così lontano, così vicino. Atlante di un uomo timoroso di Christoph Ransmayr, in Felix Austria? Nuove tendenze nella letteratura austriaca, a cura di A. Schininà, Roma 2014, S. 65-75.

22 Christoph Ransmayr, Die Himmelsbrücke, in Id., Atlas eines ängstlichen Mannes, Frankfurt am Main 2012, S. 42.

23 Ebenda, S. 5.

24 Christoph Ransmayr, Der Beherrscher der Heroen, in Christoph Ransmayr, a.a.O., S. 100.