Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 8. Nr. Juli 2000

Grußwort: Friedrun Huemer (Wien)

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist für mich eine große Freude, anlässlich der heutigen Veranstaltung zu Ihnen zu sprechen. Das Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse ist fünf Jahre jung. Kulturwissenschaft -transdisziplinär, transnational, online ist nicht nur der Titel des Buchs zum Geburtstag, es ist gleichzeitig auch Programm.

Seit seiner Gründung ist das INST, wie es sich liebevoll nennt, enorm gewachsen und hat sich technologisch weiter entwickelt. Ohne Erfindung des WWW wäre eine derartig interkontinentale, transdisziplinäre Forschungseinrichtung wohl undenkbar. Das meiste geschieht im virtuellen Raum des Internet. Dass sich dennoch anlässlich des Festakts einige wissenschaftliche MitarbeiterInnen heute hier treffen, also physisch anwesend sind, weist darauf hin, dass die wissenschaftliche Kommunikation zusätzlich zum virtuellen Raum auch noch immer den Faktor der persönlichen Begegnung braucht.

Begonnen hat es als Wagnis, ein weltweites Netzwerk zu entwickeln, in dem nun weit über 300 WissenschafterInnen aus über 50 Ländern zusammenarbeiten. Die Mitglieder vertreten etwa 3 Dutzend wissenschaftlicher Disziplinen und sprechen etwa 40 Sprachen. Das so entstandene Informationsangebot wird weltweit von mehr als 4000 WissenschafterInnen aus über 70 Ländern genutzt. Interdisziplinär, interkulturell, transdisziplinär und transkulturell.
Warum erzähle ich das? Was ist daran eigentlich so wichtig? Was ist das Besondere?

Mit der Vernetzung der wissenschaftlichen Forschung wurde ein Prozess eingeleitet, der in der Wirtschaft längst fortgeschritten ist. Nur bedeutet Globalisierung in der Wirtschaft in letzter Konsequenz die Tendenz zur Marktbeherrschung und die Ausschaltung von Konkurrenz und Vielfalt - mit negativen Implikationen im ökonomischen, sozialrechtlichen und wohl auch im ökologischen Bereich.
In der Kulturwissenschaft kann transkulturelle Zusammenarbeit zu einer neuen Qualität führen.

Ich will einen Aspekt unter vielen herausgreifen, weil er mir besonders wichtig erscheint. Oder weil er mich einfach am meisten interessiert.
Seit systemisches Denken sich in der Wissenschaft etabliert hat, hat sich herumgesprochen, dass es mit der wissenschaftlichen Kategorie der Objektivität nicht so weit her ist. Forschungsergebnisse hängen nun einmal auch vom Standort des Forschers ab. Das ist nicht nur in der Soziologie und in der Kulturwissenschaft von besonderer Bedeutung, da schon unsere Wahrnehmung nach diesem Prinzip funktioniert.
So scheint beispielsweise mein geleibter Wolfgangsee immer wieder ein anderer zu sein, je nachdem, ob ich vom Schafberg hinunter blicke, an der Uferstraße entlang radle, ob ich im Regen auf dem Schiffsdeck stehe und mich über den See fahren lasse, oder im April ausprobiere, ob das Wasser schon warm genug zum Schwimmen ist.
Oder: Das Ergebnis der Analyse der Todesursache von Marcus Omofuma würde an Glaubwürdigkeit gewinnen, wäre sichergestellt, dass die damit befassten Medizin-Experten über diesen Fall hinaus in keiner Weise mit der Polizei und dem Innenministerium in Österreich kooperieren, also von einander unabhängig sind.

Im Jahre 1992 hat der Autor Walter Wippersperg einen Fernsehfilm mit dem Titel "Das Fest des Huhns" produziert. Soap-Doku würde man das wahrscheinlich nennen. Wippersperg widmet sich in diesem Streifen dem oberösterreichischen Brauchtum, allerdings aus der Perspektive eines afrikanischen Ethnologenpaars. Ob Siedlungsformen mit Häusern, kleinen Gärten und hohen Zäunen dazwischen, ob Gartenzwerge in den Gärten, ob fast immer leerstehende Kirchen, die Neigung der Menschen zu ständigem Ortswechsel, und schließlich die Trinkgewohnheiten, Zeltfeste mit Vollrausch und Erbrechen, Johlen, Schunkeln, Tanz, Gesang, etc. - alles wird uns mit dem "fremden" Blick der beiden WissenschafterInnen aus Afrika vorgeführt. "Oberösterreicher als Eingeborene" erhalten die Möglichkeit, aus einer entfernteren Perspektive auf sich selber zu blicken und sich mit fremdem Blick wahrzunehmen.
Freilich bedient sich der Autor eines Tricks. Wäre das Ethnologenpaar authentisch, dann hätte der Film eine zusätzliche Dimension bekommen, eine transkulturelle. Wippersperg geht von der Annahme aus, wie Afrikaner uns sehen könnten. Im anderen Fall, z.B. eines Ethnologen-Paars aus Nairobi, würden wir gleichzeitig auch etwas über Nairobi erfahren.

Jedenfalls kann dieses Beispiel eines sehr deutlich machen: diese asymmetrische Beziehung Europas gegenüber anderen Kulturen. Durch die Einführung des Rollentauschs (Oberösterreicher schleppen Kamera und Equipment, Afrikaner bezahlen sie dafür) wird die Asymmetrie sichtbar. Eurozentrismus wird entlarvt, nicht zuletzt als Wurzel des Rassismus.

Im allgemeinen tendieren wir dazu, Kunst aus anderen Kulturkreisen auszugenzen. Was wir sehen, hören, wahrnehmen, ist immer wieder nur die Ausnahme. Dass die gegenseitigen Einflüsse längst wirksam geworden sind, wir in unserer Wahrnehmung ausgeblendet.

Transkulturelle Forschung , die diese Differenz zum Thema macht, leistet einen Beitrag, die asymmetrischen Herrschaftsverhältnisse greifbar zu machen, um sie zu überwinden. Das ist wahrscheinlich überlebenswichtig. Die Überheblichkeit des Eurozentrismus und die damit verbundene Geringschätzung anderer Kulturen als dumm und gefährlich zu entlarven und den Blick von außen auf unsere eigene Kultur zu entdecken, ist nicht nur spannend und interessant. Es ist eine wichtige Leistung, als Voraussetzung für einen partnerschaftlichen Umgang zwischen den Kulturen.

Das INST leistet offenbar einen wichtigen Beitrag dazu.

Ich bedanke mich bei allen an diesem Institut mitarbeitenden engagierten WissenschafterInnen für ihren Einsatz und wünsche Ihnen allen viel Erfolg für Ihre zukünftige Arbeit.

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