Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 8. Nr. Juni 2000

Multi- und Transkulturalität in Südafrika

Kathleen Thorpe (Johannesburg)
[BIO]

 

Die Frage nach der Multi- und Transkulturalität in Südafrika ist nur dann scheinbar leicht zu beantworten , wenn man sich auf die oberflächlichsten Beobachtungen einschränkt. Wie ich mich aber in ein näheres Besinnen auf das Thema einließ, so hatte ich bald das Gefühl, eine Lawine losgetreten zu haben und der Enormität der schnell anwachsenden Fragestellungen einfach nicht gewachsen zu sein. Also werde ich mich im Rahmen dieses Beitrages auf ein paar persönliche Gedanken eher genereller Art beschränken.

In diesem Zusammenhang kommen mir zwei Begriffe bedeutsam vor, die vielleicht einen Ansatz zur weiteren Diskussionen bieten könnten. Zum Einen gibt es den von dem ehemaligen Staatspräsidenten Nelson Mandela geprägten Begriff von Südafrika als "Regenbogennation" und zum Zweiten, den von seinem Nachfolger Thabo Mbeki – nämlich die "Afrikanische Renaissance". Für mich verkörpern diese beiden Begriffe die zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Verbindende an diesen Begriffen läßt sich am besten vielleicht mit den Wörtern "Identität" und "Anerkennung" benennen.

Die Vielfalt der verschiedenen "Rassen", ethnischen Gruppen und deren Sprachen allein in Südafrika macht die Multikulturaliät bei weitem nicht aus. Um eine wahrhaft multikulturelle Gesellschaft zu sein, sollte es eine gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Kulturgruppen geben. Es genügt nicht, einfach die Verschiedenheit darzustellen, ohne gleichzeitig Toleranz und Anerkennung der Gleichwertigkeit der diversen Kulturen im Lande aktiv zu fördern. Die Apartheid hat ja tiefe Spuren in dem psychischen Wahrnehmungsvermögen der Nation hinterlassen. Auf größtmögliche Trennung der Rassen ausgerichtet, hat dieses "social engineering" Schranken errichtet, die nicht so leicht wieder abzubauen sind. Toleranz und Anerkennung basieren ja auf dem Kennenlernen und der Achtung vor den Wertvorstellungen und der Geschichte der verschiedenen Gruppen. Die heurige Erinnerung an den Ausbruch des Burenkrieges im Jahre 1899 ist ein gutes Beispiel für die Art Arbeit, die geleistet werden müßte. Jetzt umbenannt in den Südafrikanischen Krieg, findet heuer zum ersten Mal die Rolle der schwarzen Südafrikaner eine Anerkennung in der Geschichte des Konfliktes, die 100 Jahre lang als eine ausschließlich britische bzw. burische Angelegenheit betrachtet wurde.

Die Massenmedien - insbesonders das Fernsehen - können sehr wirksam eingesetzt werden, um Anerkennung für die Wertvorstellungen der verschiedenen Gruppen zu werben. Auf dem Gebiet der Religion zum Beispiel ist beträchtliches schon geleistet worden, indem jetzt häufiger Programme gesendet werden, die es den verschiedenen religiösen Minoritäten wie Moslems, Juden, Hindus und Buddhisten auch erlauben, neben den Christen ihre Bräuche und Wertvorstellungen der breiten südafrikanischen Bevölkerung direkt vorzustellen. Was noch aussteht, und sicher noch eine lange Entwicklungsphase durchstehen müßte, ist die Herausbildung einer nationalen Identität, die trotz der kulturellen Verschiedenheit, als Ausdruck des Gemeinsamen gelten könnte. Dies könnte, meines Erachtens, vielleicht am ehesten in der Art und Weise wie Südafrikaner allgemein im täglichen Leben miteinander umgehen, verwirklicht werden. Die Annahme des afrikanischen Begriffs der "ubuntu" (grob übersetzt als gegenseitige Anerkennung und Unterstützung) könnte eine heilende Funktion ausüben. Der sehr glücklich gewählte Begriff der "Regenbogennation" wirkte versöhnend auf die südafrikanische Bevölkerung nach den ersten demokratischen Wahlen vor fünfeinhalb Jahren, aber die Herausforderungen an das Land wachsen ja mit der zunehmender Globalisierung unaufhaltsam an.

Hier bietet der vom Präsidenten Mbeki propagierte Begriff der "Afrikanischen Renaissance" (African Renaissance) einen wichtigen Anhaltspunkt. Dieser Begriff ist momentan heftig umstritten. Ob die Idee den gleichen Weg geht wie zum Beispiel Senghors "Negritude"? Ob dies der Versuch sei, einen Schöpfungsmythos aus dem Boden zu stampfen? Trotz aller Kontroversen ist der Begriff im südafrikanischen Kontext wichtig in dieser postkolonialen, Post-Apartheid Ära. Es tut not, ein kulturelles Selbstbewußtsein zu fördern, um sich als eigenständiges, souveränes Land der restlichen Welt zu präsentieren. Und dieses kulturelle Selbstbewußtsein soll mit der Vorstellung aufräumen, daß die Kultur an sich erst mit der europäischen Besiedlung es Landes eingeführt wurde. Im gesamtafrikanischen Kontext soll gleichzeitig darauf hingewiesen werden, daß Afrika nicht nur ein Kontinent des Jammers, der Armut und der menschlichen und politischen Katastrophen sei, sondern ein Kontinent mit einem sehr verschiedenen aber doch gleichwertigen kulturellen Erbe ist. Erst dann könnte zum Beispiel Transkulturalität nicht als Bedrohung der eigenen Kultur, sondern als Bereicherung verstanden werden.

 © Kathleen Thorpe (Johannesburg)

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