Trans Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15. Nr. Juli 2004
 

3.1. Exil und Migration | Exile and Migration | Exil et migration
HerausgeberIn | Editor | Éditeur: Fawzi Boubia (Caen)

Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures


"Migration in die Heimat"
Das Werk Rafik Schamis im Kontext der deutschsprachigen Literatur arabischer Schriftsteller in Deutschland

Haimaa El Wardy (Kairo)
[BIO]

 

Die deutschsprachige Literatur von Autorinnen und Autoren nichtdeutscher Muttersprache ist eine neue Erscheinung im deutschsprachigen Raum. Zwar werden einige Autoren wie Franz Kafka(1), Elias Canetti(2), Paul Celan(3) u.a. zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren dieses Jahrhunderts gezählt, doch sie waren entweder Muttersprachler oder mit der deutschsprachigen Kultur verbunden. Einst war Deutsch eine internationale Sprache und die 'lingua franca' in Fächern wie der Jurisprudenz, der Chemie oder der Medizin. Diese Tradition ist spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg untergegangen(4). Zwischen den vorher erwähnten Autoren und den sogenannten Migrantenautoren der 70-80er Jahre gibt es jedoch einen großen Unterschied, zumal die meisten Migrantenautoren bzw. -autorinnen aus dem Mittelmeerraum, aus dem arabischen und dem islamischen Raum stammen. Sie kommen also aus Ländern, die keine intensive kulturelle oder geschichtliche Verbindung mit der deutschen Kultur hatten. Diese literarische Erscheinung im deutschsprachigen Raum wird seit den 70er Jahren von verschiedenen Forschungsdiziplinen bearbeitet. Zu nennen sind vor allem die Pädagogik, die Soziologie, die Linguistik und jüngst auch die Literaturwissenschaft.(5)

Am Anfang wurde diese Literatur nach ihrem Gegenstand, d.h nach den Themen dieser Literatur klassifiziert. Unter gemeinsamen Oberbegriffen wie "Gastarbeiterliteratur" oder "Literatur der Betroffenheit" wurden ganz unterschiedliche Texte pauschal subsumiert, dann rückten die Biographien und Herkunftsländer der Autoren ins Blickfeld. Man versuchte, die Autoren nach ihren Herkunftsländern zu gruppieren. Dabei wurden die Spezifika ihrer ursprünglichen Kulturen hervorgehoben. Allerdings konzentrierten sich die meisten Forscher nur auf die literarische Entwicklung von zwei Minderheiten, nämlich der türkischen und italienischen Migrantenautoren.(6) Neuerdings wird die Aufmerksamkeit auch auf andere Minderheiten, z.B. die arabische, gerichtet.

Die Untersuchung(7) hat ergeben, dass die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Turbulenzen, die in den 50er und 60er Jahren in der arabischen Welt herrschten, die hauptsächlichen Beweggründe für die arabische Migration nach Deutschland bildeten. Darüber hinaus kommt den bilateralen Verträgen zur Anwerbung ausländischer Arbeiter, die Marokko und Tunesien mit der BRD 1963 und 1965 abgeschlossen hatten, eine wichtige Rolle zu.

Die meisten arabischen Schriftsteller auf der bundesrepublikanischen Seite stammen aus den arabischen Ländern des Nahen Ostens, nämlich aus Syrien, Palästina, dem Irak und dem Libanon. Die Präsenz der arabischen Autoren aus den Maghrebstaaten in Deutschland ist trotz der bilateralen Verträge aber viel geringer. Der Marokkaner Mustapha El-Hajaj, der sein Werk "Vom Affen, der ein Visum braucht" 1969 veröffentlicht hatte, gilt als der erste arabische Autor in der Bundesrepublik Deutschland.

Verwendete Literatursprache bei den meisten arabischen Migrantenautoren in Deutschland ist die Sprache des Einwanderungslandes, da sich die Autoren mit ihren literarischen Produkten vor allem an das deutsche Publikum richten.

Die meisten arabischen Autoren bzw. Autorinnen wurden in ihren Heimatländern geboren und haben ihre Kinder- und Jugendjahre dort verbracht. Deshalb kann man bislang nicht von einer zweiten oder dritten arabischen Schriftstellergeneration in Deutschland sprechen. Die arabischen Schriftsteller in Deutschland kann man aber in zwei Gruppen einteilen, nämlich in die Gruppe der Pioniere, die Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre nach Deutschland gekommen sind und denen die Präsenz einer arabisch-deutschen Literatur in Deutschland zu verdanken ist, wie z.B. die beiden Syrer Rafik Schami und Suleman Taufiq und der Libanese Jusuf Naoum, und die Gruppe der späteren Schriftsteller, die Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre als deutschsprachige Autoren in Erscheinung getreten sind, z.B. Salim Alfenisch, dessen erster Märchenband "Der Weihrauchhändler" 1988 veröffentlicht wurde, Ghazi Abdel-Qadir, der als freier Schriftsteller seit 1988 in Siegen lebt, ebenso der syrische Lyriker Ryad Al-abied, der seit 1990 Gedichtbände in Arabisch und Deutsch veröffentlicht und der Palästinenser Wadi Soudah, dessen erster Prosaband den Titel "Kafka und andere palästinensische Geschichten" (1991) trägt. Dazu kommt, dass sich auch in der DDR Literatur ausländischer Autoren herausgebildet hatte, von denen als Araber nur Adel Karasholi unter den Preisträgern vertreten ist.

Es ist eindeutig, dass Männer unter den arabischen Autoren deutscher Sprache zahlreicher vertreten sind als Frauen, dass vor allem die arabische Migrationsliteratur in Deutschland mit einigen Ausnahmen fast ausschließlich von Männern geprägt ist.

Was die von den Autoren verwendeten Genres anbetrifft, so wurde festgestellt, dass Kurzgeschichten, Gedichte, Märchen, Satiren, phantastische und realistische Erzählungen am meisten vertreten sind.

Die Werke der arabischen Migrantenautoren in Deutschland behandeln meistens zwei Hauptthemen, und zwar: den arabischen Orient und das Leben der Araber als Ausländer in Deutschland. Die meisten Werke, die den arabischen Orient als Thema oder Motiv bearbeiten, enthalten biographische Züge der Verfasser, und ihre Handlungsorte sind meistens die Herkunftsorte der Schriftsteller.(8) Oft setzen sich die Autoren mit politischen Fragen auseinander, die die arabische Region betreffen, wie zum Beispiel mit dem Nahost-Konflikt, dem libanesischen Bürgerkrieg und dem ersten oder zweiten Golfkrieg.(9) Der zweite Hauptthemenkreis im literarischen Werk der arabischen Migrantenautoren in Deutschland ist das alltägliche Leben der Araber als Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland und die ihnen durch die westlichen Medien angehefteten Stereotype und Vorurteile gegen die Araber bzw. die Muslime, die die arabischen Autoren in ihren Werken zu revidieren versuchen.(10)

Die Rezeptionslage der deutschsprachigen Literatur arabischer Autoren haben wir in zwei Phasen eingeteilt, nämlich in die erste Etappe der 80er Jahre und in die Etappe der 90er Jahre, die durch eine bessere, ernstgenommene Aufnahme durch den deutschen Literaturbetrieb gekennzeichnet war. Als ein gutes Beispiel für die Rezeption der Prosa eines erfolgreichen arabischen Autors in Deutschland ist Rafik Schami zu erwähnen. Er gehört zu den meistgelesenen ausländischen Autoren in Deutschland. Er ist einer der bekanntesten arabischen Migrantenautoren im deutschsprachigen Raum, vielleicht sogar der bekannteste ausländische Autor in der Bundesrepublik. Seine Bücher wurden bereits in 21 Sprachen übersetzt.

Rafik Schami ist ein Pseudonym. Eigentlich heißt er Suheil Fad´el. Schami, der damals kommunistisch war und in Damaskus im Untergrund schrieb, kreierte einen Künstlernamen, der weder christlich klingt, noch schnell zu orten ist.(11) Schami bedeutet ganz einfach 'aus Syrien kommend', wie etwa 'Stuttgarter' oder 'Berliner', bzw. 'Syrer oder Damaszener' und Rafik bedeutet 'Freund', 'Genosse' und 'Weggefährte'.

Rafik Schami wurde am 23.6.1946 in Damaskus als Sohn eines Bäckers geboren. Seine Eltern, die aus dem Bergdorf Malula(12) stammten, gehörten der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien an. Schami wollte nicht als Bäcker wie sein Vater arbeiten. Er fühlte sich zum Buch hingezogen, insbesondere zur Erzählung. Das erste Theaterstück schrieb er mit fünfzehn Jahren; es hatte den Titel "Die Buchstaben"(13).

Rafik Schami war Mitglied einer kommunistischen Partei und ging durch die verschiedenen Parteizellen im Untergrund. Mit zwei anderen Jungkommunisten gründete er eine kommunistische Jugendzeitschrift. Diese kleine Zeitschrift, die wegen der Zensur nicht erscheinen durfte, galt als die Vorbereitungsphase der kritischen literarischen Wandzeitung Al-Muntalak (dt.: Der Ausgangspunkt), die er 1966 im alten Stadtviertel von Damaskus außerhalb der Partei gegründet hatte und die 1970 verboten wurde.(14)

1971 wanderte er in die BRD aus. Rafik Schami arbeitete in Deutschland auf Baustellen und in Fabriken und studierte Chemie und Pharmakologie mit Promotion 1979.

1980 gründete er mit Franco Biondi, Jusuf Naoum und Suleman Taufik die Literaturgruppe "Südwind" und 1981 den polynationalen Literatur- und Kunstverein "Polikunst". Dieser bemühte sich in den 80er Jahren um die Etablierung der von immigrierten Autoren verfassten Literatur. Von 1980 bis 1985 war Schami Mitherausgeber und Autor der Reihe "Südwind-Gastarbeiterdeutsch", die ab 1983 in "Südwind-Literatur" umbenannt wurde und die insgesamt 13 Bände umfasste. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller. Er gab seinen Beruf als Chemiker auf, um sich ganz seiner literarischen Tätigkeit widmen zu können. Seitdem lebt er allein vom Schreiben bei Marnheim in der Pfalz. Bis 1987 erschienen von ihm in rascher Folge mehrere Sammelbände mit Märchen, Fabeln und phantastischen Geschichten, die mittlerweile in mehreren Auflagen und verschiedenen Ausführungen vorliegen. Einzelne der phantastischen Geschichten wurden auch als Bilderbücher gestaltet und zu Hörspielkassetten verarbeitet.

1988 veröffentlichte er den Erzählband "Die Sehnsucht fährt schwarz", der im Gegensatz zu den anderen Werken Rafik Schamis das Leben der Arbeitsmigranten in den 70er-Jahren zum Thema hat. Diese Geschichten rechtfertigen, dass Rafik Schamis Literatur auch im engeren Sinne zur Gastarbeiterliteratur gezählt werden kann. Doch früh hat sich Rafik Schami dieser thematischen und lokalen Einengung entzogen und eine Art von Migrationsliteratur geschrieben, die Migration im Spannungsfeld von Orient und Okzident, von Tradition und Aufbruch, von Macht und Ohnmacht thematisiert. Dabei gewinnen seine Protagonisten Einsichten, die für das Leben in multikulturellen Gesellschaften weltweit Gültigkeit haben. Besonders deutlich wird diese Spezifik seiner Migrationsliteratur an seinem 1987 publizierten ersten Roman "Eine Hand voller Sterne", der als Tagebuch eines Jungen aus dem Damaskus der 60er Jahre deutlich autobiographische Züge trägt. Dieser Jugendroman wurde zum ersten internationalen Erfolg Rafik Schamis und unter anderem mit dem Züricher Kinderbuchpreis "La vache qui lit" (1987), dem ZDF-Leserattenpreis (1987), dem Preis der blauen Brillenschlange (1987) und dem Smelik-Kiggen-Preis der Niederlande (1989) ausgezeichnet. Es folgten die Romane "Erzähler der Nacht" (1989), der ebenfalls mehrfach ausgezeichnet wurde, und "Der ehrliche Lügner" (1992), der 1994 mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet wurde. Das jüngste Werk von Schami, "Die Sehnsucht der Schwalbe", ist im Jahr 2000 veröffentlicht worden. In diesem Jahr gab Rafik Schami auch das Buch "Angst im eigenen Land" heraus, das Beiträge von arabischen und israelischen Schriftstellern umfasst. Die Beiträge der Autoren handelten von der Angst, die die Annäherung zwischen Arabern und Juden, Israelis und Palästinensern verhindert. Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Rafik Schami, der in der Bundesrepublik Deutschland als Exilautor bezeichnet wird, und der wegen der Anerkennung dort als Autor den deutschen Staat jetzt als sein Heimatland betrachtet, hat eigene Definitionen für Begriffe wie "Heimat" und "Exil". Er meint:

Die Heimatgefühle sind sehr von Erinnerung abhängig. Was also ist Heimat wirklich? - Wenn Sie mich persönlich fragen, so verbinde ich den Begriff Heimat mit dem Wort Respekt. Vielleicht habe ich in der Tat eine etwas eigensinnige Interpretation gefunden, aber Heimat ist für mich da, wo ich Anerkennung erfahre. Als Mensch einerseits, für meine Leistungen und meine Arbeit andererseits(15).

Was Schami von den anderen arabischen Migrantenautoren in Deutschland unterscheidet und ihn deshalb mehr Öffentlichkeit erreichen lässt, ist seine eigene untraditionelle Perspektive, aus der er über die Themen der arabischen Welt schreibt. Den Nahost-Konflikt zum Beispiel behandelt er aus einer ungewöhnlichen und weltmenschlichen Perspektive.

Für ihn ist wichtiger, dem deutschen Leser zu vermitteln, dass die verbreitete Auffassung, die besagt, dass der Nahost-Konflikt ein Teil der Erzfeindschaft zwischen den Juden und den Muslimen ist, nicht stimmt. Er lehnt sich dabei an die These von Alexander Flores an, der meint, dass "der Palästinakonflikt ein politischer Interessenkonflikt ist, der ursächlich mit der Religion nichts zu tun hat und dessen wesentliche Züge ohne Rückbezug auf diese zu verstehen sind."(16)

Deshalb betont Schami in verschiedenen Werken das Zusammenleben von Juden und Muslimen in Arabien. Schami gibt auch zu, dass manchmal ein Streit zwischen den Angehörigen der beiden Religionen entbrennt, welche aber zu den alltäglichen Streitigkeiten und nicht zu prinzipiellen Feinseligkeiten gehört. In dem Roman "Der ehrliche Lügner" beschreibt Schami das Leben der jüdischen Minderheiten in den arabischen Ländern und geht auf die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Arabern und Juden ein.(17)

Er versucht das Zusammenleben der Konfessionen nicht zu beschönigen oder ideal darzustellen, sondern nur zu klären, dass die Juden in den arabischen Welt niemals in Gettos isoliert gelebt haben und dass sie Nachbarn von Muslimen und Christen waren. Schami versucht, alle Schablonenbilder und Vorurteile abzubauen, die behaupten, dass der arabische Konflikt mit Israel aus dem Antisemitismus und dem angeborenen Hass der Araber gegenüber den Juden herstammt. Den Antisemitismus betrachtet Schami als eine "europäische Erfindung"(18) gegenüber allem Fremden, was die Juden verkörpert haben. Dieser Antisemitismus, der ein Fremdenhass ist, wird nach Ansicht Schamis auch auf die Araber übertragen.(19) In seinem Roman "Die Sehnsucht der Schwalbe" (2000) gehört der jüdische Junge Mischa zu den besten Freunden des syrischen Protagonisten Lutfi in Deutschland. Mischa, der deutsche Jude, macht spöttische und lächerliche Bemerkungen über die Behauptungen der radikalen Israelis, dass die Araber nicht in Frieden mit ihnen leben möchten. Der Protagonist Lutfi erzählt von der ersten Begegnung mit Mischas Mutter, die eine ängstliche und religöse Jüdin ist und die die Syrer für untolerante, trotzige Menschen hält, die nur als einziges Ziel vor Augen haben, den Staat Israel zu zerstören:

Als ich ihn (Mischa) zum ersten Mal zu Hause besuchte, versuchte ich sie (Mischas Mutter) zu beruhigen und sagte, dass 99 Prozent der Syrer in Frieden leben wollen. Und ich erzählte ihr von dem Kummer der Menschen in Damaskus und von ihren Träumen.(20)

Mischa, der die Stereotype und Klischeevorstellungen von den "bösen" Arabern nicht akzeptiert und sie immer zu erschüttern versucht, mischt sich in das Gespräch ein und sagt seiner Mutter in einem spöttischen Ton:

»Glaub ihm kein Wort«, rief Mischa plötzlich dazwischen. »Statt mit Bällen spielen die Syrer mit Handgranaten und Lutfi jongliert, wenn er sich langweilt, mit Dynamit. Zeig ihr das Zeug, komm!«(21)

Als ein Beispiel des friedlichen und kooperativen Zusammenlebens von Juden und Muslimen führt Schami die Beziehung zwischen den beiden Religionen in Andalusien ins Treffen, die leider von der Forschung ignoriert wird. Der Kommentar von Schami über das Zusammenleben von Juden und Muslimen und die Toleranz des Islams ist erwähnenswert:

Man kann die Geschichte und die Religionsbücher heranziehen und man wird feststellen, dass 800 Jahre lang sowohl ein friedliches Zusammenleben in Spanien möglich war als auch, dass der Islam weniger Konflikte sowohl mit dem Judentum als auch mit dem Christentum hatte als diese beiden miteinander.(22)

Schamis Hauptthemenkreis kann man in vier Bereiche gliedern:

Erstens geht es um das Heimatbild in Schamis literarischem Werk und seine eigene Definition und Beschreibung des Begriffs "Heimat", die sich in seinen Geschichten verändert und meistens mit drei Orten verbunden ist, und zwar mit "Malula", der Heimat seiner Vorfahren, mit seiner Geburtsstadt Damaskus und mit dem neuen deutschen Heimatland.

Zweitens handelt es sich um die Lage der Gastarbeiter, der Migranten und Ausländer in Deutschland und um das Verhältnis zwischen dieser Minderheit und der deutschen Mehrheit. Anhand ausgewählter Prosatexte aus Schamis Sammelband "Die Sehnsucht fährt schwarz", dessen Geschichten im Umfeld der Arbeitsmigration entstanden sind und die schwerpunktmäßig die Auseinandersetzung mit der neuen Umwelt und die Identitätssuche in der fremden Umgebung darstellen, lassen sich Probleme der Gastarbeiter und Ausländer in Deutschland veranschaulichen. In satirischer Form hat Schami die Bilder aufgedeckt, die man sich von sich selbst, vom eigenen Land und von anderen macht, die die Verständigung zwischen den Angehörigen verschiedener Kulturkreise behindern.

Der dritte Themenkreis, der eine zentrale Rolle in seinen Werken spielt und der immer mehr Gewicht bekommt, ist das Erzählen selbst. Themen wie Erzählen und Erzähler, die Bedrohung der alten arabischen Erzählkunst durch die Moderne, die Darstellung der verschiedenen Varianten des Erzählens und die Beziehung zwischen Lüge und Wahrheit, Fiktivität und Authentizität im Erzählen hat Schami in drei Werken behandelt, nämlich in seinem Bilderbuch "Der Wunderkasten" (1990), und in den beiden Romanen "Erzähler der Nacht" (1989) und "Der ehrliche Lügner" (1992). Schami legt großen Wert auf das erzählte Wort, das bei ihm nicht nur der Unterhaltung dient, sondern auch als ein Mittel zum Widerstand gegen die Unwahrheit und das Heuchlertum in gesellschaftlichen Bereichen gilt. Die Bedeutung des Erzählens reduziert Schami auf einen Satz, der aber mehrdeutig ist, wenn er sagt:

"Erzählen gleicht dem Leben - das Schweigen gleicht dem Tod"(23)

Der vierte und letzte Themenbereich bei Schami ist die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft und eines dialogischen Austauschs zwischen den Kulturen. Die Thematik der Begegnung zwischen den Kulturen wird in zwei Werken von Schami behandelt und zwar in "Der geheime Bericht über den Dichter Goethe" im Jahr 1999, das anläßlich der 250. Wiederkehr des Geburtstags des großen Dichters zum Goethe-Jahr erklärt wurde, und im Roman "Reise zwischen Nacht und Morgen" (1995), der für den Dialog zwischen dem Orient und dem Okzident, also zwischen dem Morgenland und dem Abendland, eintritt. Thematisiert werden die fremden Augenblicke, wenn es aus islamischer Perspektive um die christliche Zivilisation geht. Schamis Romane, in denen Muslim und Christ, Orient und Okzident einander in unerwarteter Konstellation begegnen, mögen als Beispiele für die Mannigfaltigkeit der Perspektiven der literarischen Texte Der vierte und letzte Themenbereich bei Schami ist die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft und eines dialogischen Austauschs zwischen den Kulturen. Thematisiert werden die fremden Augenblicke, wenn es aus islamischer Perspektive um die christliche Zivilisation geht. Schamis Romane, in denen Muslim und Christ, Orient und Okzident einander in unerwarteter Konstellation begegnen, mögen als Beispiele für die Mannigfaltigkeit der Perspektiven der literarischen Texte genügen und haben für den interkulturellen Dialog einen besonderen Stellenwert.

© Haimaa El Wardy (Kairo)


ANMERKUNGEN

(1) Franz Kafka (1883-1924) stammt aus Prag, der Hauptstadt der tschechischen Republik.

(2) Elias Canetti (1905-1994) wurde in Rustschuk (heute: Russe, Bulgarien) geboren.

(3) Paul Celan ( 1920-1970) stammt aus der Bukowina (Rumänien) .

(4) Vgl. Ilija Trojanow (Hrsg.): Döner in Walhalla oder welche Spuren hinterläßt der Gast, der keiner mehr ist?, Köln 2000, S.11.

(5) Vgl. Heidi Rösch: Migrationsliteratur im interkulturellen Kontext. Eine didaktische Studie zur Literatur von Aras Ören, Aysel Özakin, Franco Biondi und Rafik Schami, Frankfurt a.M. 1992, S.8.

(6) In diesem Zusammenhang sind folgende Artikel zu erwähnen: Pazarkaya, Yüksel: Türkiye, Mutterland - Almanya, Bitterland ... .Das Phänomen der türkischen Migration als Thema der Literatur. In: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 56/1984, S.101-124; Franco Biondi: Von den Tränen zu den Bürgerrechten. Ein Einblick in die italienische Emigrantenliteratur. In: LiLi 56/1984, S.75-100. Vgl. auch die Doktorarbeit über die Literatur der italienischen Minderheit von Ulrika Reeg: Schreiben in der Fremde. Literatur nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland. Essen 1988.

(7) Dieser Aufsatz beruht auf meiner Magisterarbeit, die neulich approbiert worden ist. El Wardy, Haimaa: Kritische Studie deutschsprachiger Literatur arabischer Migrantenautoren am Beispiel von Rafik Schamis Werken. Kairo 2003.

(8) In diesem Zusammenhang sind die folgenden Werke zu erwähnen: Schami, Rafik: Eine Hand voller Sterne. Beltz &Gelberg.Weinheim 1987; dtv München 1995; Aziz, Sarah: Ich lebe nicht mehr in eurer Welt. Bastei-Lübbe.Bergisch Gladbach 1994.

(9) Zum Beispiel die Erzählbände von Jusuf Naoum und Ghazi Abdel-Qadir, die vom Nahost-Konflikt und vom libanesischen Bürgerkrieg geprägt sind. Vgl. Abdel-Qadir, Ghazi: Die sprechenden Steine. Beltz & Gelberg. Weinheim 1992, Abdallah und ich. Beltz & Gelberg. Weinheim 1991, Mustafa mit dem Bauchladen.Verlag Nagel & Kimche. Zürich; Frauenfeld 1993, vgl. dazu auch Naoum, Jusuf: Der Scharfschütze: Erzählungen aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Brandes&Apsel. Frankfurt/Main.1988, Kaktusfeigen. Erzählung. Brandes & Apsel. Frankfurt/Main. 1989.

(10) In diesem Zusammenhang sind die folgenden Werke zu erwähnen: Soudah, Wadi: Abturz im Paradies. Geschichten eines Eingewanderten. Brandes&Apsel. Frankfurt/Main. 1998, Naoum, Jusuf: Nura. Eine Libanesin in Deutschland. Peter Hammer Verlag. Wuppertal.1996.

(11) Schamis Familie kommt aus einem Dorf namens "Malula". Maluli ist ein gebräuchlicher Familienname. Schami hat sich aber nicht Maluli genannt, weil durch diesen Namen seine Identität, nämlich seine kommunistische Identität, hätte aufgedeckt werden können. Schami meint: "In Malula gab es damals rund 20 Intellektuelle, davon vier Kommunisten". Durch den Namen Maluli als Autor wäre also seine Identität schnell aufgedeckt gewesen. Diese Information entstammt einem unveröffentlichen Brief des Autors an mich vom 04.09.2001.

(12) Malula ist ein kleines Dorf in Syrien mit 5.000 Einwohnern. Das Dorf liegt ca. 50 km nördlich von Damaskus. Das Dorf ist von einer christlichen Mehrheit bevölkert, die aramäisch spricht; vgl. Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde.1995, S.170 ff.; auch Trauzettel, Helmut: Syrien VEB Verlag Berlin 1988, S.45 ff.

(13) Schami erwähnt, dass ihm dieses Stück vom Redakteur geraubt wurde, der es, "verfälschte", "verwässerte" und unter seinem Namen herausgegeben hatte. Vgl. Schami, Rafik: Hürdenlauf, Jahresgabe 1996. S. 9.

(14) Ebd; S.12.

(15) Foraci, Franco: "Das Wort ist die letzte Freiheit, über die wir verfügen". Gespräch. In: Diskussion Deutsch. 1995. H.26.S. 190-195. Hier.S.193.

(16) Flores, Alexander: Islamische Motive im Palästinakonflikt. In: Gipser, Dietlinde/ Schalabi, Iman/ Tichy, Ellen (Hrsg.): Das nahe Fremde und das entfremdete Eigene im Dialog zwischen den Kulturen. Festschrift für Nabil Kassem. Edition Zebra. Hamburg und Kairo.1996.S. 457-481.Hier S.461.

(17) Vgl.Schami, Rafik: Der ehrliche Lügner. Beltz &Gelberg. Weinheim 1992.S.400f.

(18) In einem unveröffentlichen Brief des Autors an mich vom 04.09.2001.

(19) Ebd.

(20) Schami, Rafik: Die Sehnsucht der Schwalbe. Carl Hanser Verlag.München; Wien 2000.S.

(21) Ebd; S.171.

(22) In einem unveröffentlichen Brief des Autors an mich vom 04.09.2001.

(23) Schami, Rafik: Warum heiratet der Prinz die Pförtnerstochter nicht? Über Illusionäres und Revolutionäres der Phantasie. In: Linkskurve. H.2. 1983. S. 19-21. Hier S. 20.


3.1. Exil und Migration | Exile and Migration | Exil et migration

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For quotation purposes: Haimaa El Wardy (Kairo): "Migration in die Heimat". Das Werk Rafik Schamis im Kontext der deutschsprachigen Literatur arabischer Schriftsteller in Deutschland. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. No. 15/2003. WWW: http://www.inst.at/trans/15Nr/03_1/elwardy15.htm

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